Der Papst der schönen Worte

Das Verhältnis von Benedikt XVI. zu den Künstlern war ein ganz besonderes.
Papst-Porträt von Papst Benedikt XVI von Michael Triegel
Foto: imago stock&people | Mit diesem nicht umunstrittenen Papst-Gemälde ehrte der deutsche Maler Michael Triegel Benedikt XVI.

Papst Johannes Paul II. schrieb den Künstlern 1999 einen Brief, Benedikt XVI. lud sie 2009 zu sich in die Sixtinische Kapelle ein. Und sie kamen: 250 arrivierte Architekten, Bildhauer, Komponisten und Schriftsteller aus der ganzen Welt, darunter zum Beispiel der Komponist Arvo Pärt  und der Schriftsteller Cees Nooteboom, der sich bald darauf gegenüber der „Tagespost“ beklagte, „dass es überhaupt keinen persönlichen Kontakt mit dem Papst gab. Nicht mal ein hand shake war möglich, weil er entweder zu weit weg oder umgeben von Leuten war.“

Kunst muss einfach nur sein

So groß war damals das Faszinosum, das von Benedikt XVI., dem schöpferischen Meister der schönen Worte, auch auf kreative Menschen ausstrahlte. Wobei Nooteboom die Ansprache, die Benedikt anno 2009 an die Künstler richtete, persönlich nicht unbedingt aus dem Herzen sprach. „Bei Benedikts Ansprache war viel die Rede davon, was die Kunst zu tun hätte. Ich persönlich glaube aber, dass die Kunst nichts zu tun hat, sie muss einfach nur sein.“

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Tatsächlich entfaltete Benedikt XVI. damals unter dem „Jüngsten Gericht“ Michelangelos so etwas wie seine eigene spirituelle Ästhetik. Gestützt auf Zitate von Hermann Hesse und Dostojewski, Johannes Paul II. und Simone Weil holte der Papst aus Bayern zum großen Schönheits-Appell  aus: „Ihr seid Hüter der Schönheit: dank eures Talentes habt ihr die Möglichkeit, zu den Herzen der Menschen zu sprechen, einzelne und gemeinsame Sensibilitäten zu berühren, Träume und Hoffnungen wachzurufen und Horizonte von Wissen und menschlichem Engagement zu erweitern.

Kunst hatte für Benedikt XVI. eine theologische und missionarische Dimension

Seid dankbar für diese Gaben, die ihr empfangen habt, und seid euch eurer großen Verantwortung bewusst, Schönheit mitzuteilen, durch die Schönheit und in der Schönheit zu kommunizieren! Durch eure Kunst seid ihr selbst Boten und Zeugen der Hoffnung für die Menschheit! Und fürchtet euch nicht, euch der ersten und letzten Quelle der Schönheit zu nähern und in den Dialog mit den Gläubigen zu treten, mit denen, die wie ihr auch glauben, dass sie Pilger in dieser Welt und in der Geschichte sind, auf dem Weg zu unendlicher Schönheit! Der Glaube nimmt nichts von eurem Genie oder eurer Kunst weg: im Gegenteil, er erhöht sie und nährt sie, er ermutigt sie, die Schwelle zu überschreiten und mit fasziniertem und innerlich bewegtem Blick das letzte und endgültige Ziel zu betrachten, die Sonne, die niemals untergeht, die Sonne, die die Gegenwart erleuchtet und sie schön macht.“

Ein poetischer, geradezu idealistischer Stil, der aber auch Zeugnis davon gibt, wie persönlich wichtig Benedikt XVI. das künstlerische Wirken war, so als hätte es geradezu eine theologische, eine missionarische Dimension. Für ihn hatte es dies durchaus.

Dankbar für Benedikt XVI. Lehre über Glaube und Vernunft

So überrascht es nicht, dass Benedikt selbst wohl eine Art Künstler-Evangelist war. Als feinsinnig-gelehrter Geist, als Papst der schönen Worte berührte er nicht nur den Klaus Kinski-erprobten Filmregisseur Werner Herzog („Fitzcarraldo“), der Benedikt XVI. sehr verehrt, sondern auch den deutschen Maler Michael Triegel, der Benedikt XVI. vor mehr als zehn Jahren mit einem damals unter konservativen Katholiken nicht unumstrittenen Papst-Gemälde ehrte. Gegenüber dieser Zeitung betonte der 54-jährige Künstler unmittelbar nachdem die Nachricht vom Tode des emeritierten Papstes viral ging, dass ihn die „freilich schon erwartete Nachricht“ vom Tod „Vater Benedikts“ traurig mache.

Vor allem, so Triegel, der im Zuge seiner Benedikt-Verehrung in die katholische Kirche eintrat, empfinde er aber „ein Gefühl der Dankbarkeit“. Triegel vermutetet, „dass man erst aus einigem Abstand die Bedeutung von Person und Werk wieder klarer wird fassen können, und ich hoffe sehr, dass man erkennen möge, dass der Versuch, Werte zu bewahren, Perspektiven über den Tag hinaus aufzuzeigen, mehr Orientierung geben, aber auch mehr Forderung nach Veränderung anregen kann als ein Getriebensein, das auf jeden fahrenden Zug aufspringt, ohne dessen Richtung, geschweige denn sein Ziel zu kennen.“ Michael Triegel ist sich sicher: „Ohne Benedikt XVI. wäre mein Leben, mein Weg zum Christsein anders verlaufen, lehrte er mich Suchenden, Zweifelnden, Fragenden doch, dass sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen, sondern einander bedürfen. Danke!“

Benedikts Pontifikat  - ein großer Fehlschlag?

Dass Benedikt der XVI. auch unter deutschen Schriftstellern und Publizisten seine hin und wieder auch kritischen Fans hatte und hat, muss eigentlich nicht besonders erwähnt werden. Der Schriftsteller Martin Mosebach („Krass“, „Taube und Wildente“) beispielsweise findet gegenüber dieser Zeitung wohlwollend-lobende Worte mit Blick auf Benedikts posthume Langzeitwirkung. Er lässt als literarischer Mitarbeiter der tieferen Wahrheit aber auch die Irritation durchklingen, welche die Rücktritts-Entscheidung bei ihm auslöste oder immer noch auslöst: „Die lange bittere Zeit nach der Abdankung von Papst Benedikt XVI. und vor seinem Tod hat den Eindruck hinterlassen, dass dieses Pontifikat ein großer Fehlschlag gewesen sei.

Respektvolles Lob für den ,großen Theologen‘, den modernen ,Kirchenvater‘, der mit seinem Lebensthema ,Glaube und Vernunft‘ der Herausforderung der nachchristlichen Moderne offensiv begegnet sei, verdeckt kaum die Enttäuschung der ihm Zugeneigten  und noch weniger die Häme und Denunziation  seiner zahlreichen, vor allem auch deutschen Feinde. Er erscheint zum Zeitpunkt seines Todes als ein Letzter, der unbeholfen und mit ungeeigneten Mitteln einen vergeblichen Abwehrkampf  gegen eine von der Zeit geforderte Neuschöpfung der Kirche geführt habe.

Benedikt XVI.erkannte den Kern der kirchlichen Auseinandersetzung

Es wird sich aber herausstellen, dass Benedikt XVI.  mit Scharfsinn genau den Konflikt erkannt und benannt hat, der das notwendige und  wichtigste Thema der innerkirchlichen Auseinandersetzung bilden wird: ist die Kirche der Überlieferung  der Evangelisten, der Apostel, Märtyrer und Kirchenväter auf immer verpflichtet, oder kann sie die Verpflichtung sprengen und andere immer neue Quellen der Offenbarung entdecken? Bezeichnet das II. Vaticanum den Anfang eines Bruchs mit der Tradition oder steht  es  in dieser Tradition und  will sie bruchlos fortsetzen?“

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Das, so Mosebach, sei der Antagonismus zwischen einer Hermeneutik des Bruchs, wie Benedikt es genannt habe, und – mit den Worten Mosebachs – einer „Hermeneutik der Kontinuität“. Martin Mosebach ist überzeugt: „Dieser Kampf wird die nähere Zukunft bestimmen. Und auch wenn Benedikt XVI. jetzt der Unterlegene war, so hat er doch die Entscheidung formuliert, um die kein Katholik, ob  Kleriker oder Laie, herumkommen wird: glaube ich, dass die Kirche der Apostel, der Märtyrer und Väter die Kirche Jesu Christi ist oder glaube ich, dass diese alte Kirche untergegangen ist und  der Heilige Geist sich jetzt im Zeitgeist offenbart? Wenn der Qualm der gegenwärtigen Verwirrung abgezogen ist, wird diese – seine – Forderung nach der Entscheidung als die eigentliche und unvergängliche Leistung seines Pontifikats sichtbar werden.“

Matussek: Die Deutschen waren nie Papst

Das katholische enfant terrible der deutschen Literatur- und Medienszene, Matthias Matussek, („Die Apokalypse nach Richard“, „Mein katholisches Abenteuer“) nutzte das Ableben des Papstes dagegen, um voll Freude über den Eintritt Benedikts in die himmlischen Sphären etwas gerade zu rücken oder klar zu benennen, was die Dimension des allzu Irdischen betrifft – nämlich: das Verhältnis der Deutschen zu Papst Benedikt XVI. Die im Nachhinein, so Matussek gegenüber der „Tagespost“, zynischste Schlagzeile zu dessen Pontifikat habe gleich zu Beginn die „BILD-Zeitung“ gebastelt: „Wir sind Papst!“ Matussek ist davon überzeugt: „Die Deutschen waren nie Papst, sie haben sich mit diesem Glaubenslehrer des Jahrhunderts nur einen Tag lang geschmückt, um ihn – den Fragilen – dann zu jagen, zu verleumden, zu hetzen.“

Auch innerhalb der Kirche. Niemand sei je so wenig Papst gewesen „wie diese Deutschen, wie diese verfettete und selbstgefällige deutsche Amtskirche, der er mit seiner Freiburger Rede während seines letzten Deutschlandbesuchs den Kopf gewaschen und ihr Demut und Gottesfürchtigkeit angeraten hat, statt sich apostolisch auf ihren Kirchensteuermilliarden und Riesenapparaten auszuruhen“. Matussek empfiehlt den Deutschen deshalb, die Jesus-Bücher des emeritierten Papstes zu studieren, „möglicherweise geht ihnen dann ein Licht auf“.

Der Wunsch nach einem Nachruf für Benedikt von Habermas

Immerhin, so ganz ungerührt hat der Tod Benedikts auch Vertreter des deutschen Kultur- und Geisteslebens nicht gelassen. Die Präsidentin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), Gabriele Gien, würdigt den Verstorbenen laut KNA als einen „wichtigen Wegbereiter der bis heute einzigen katholischen Universität im deutschsprachigen Raum“. Der Freiburger Verlag Herder trauert um Benedikt XVI. als Hausautor und „Papst der Bücher“. Der evangelische Medientheoretiker Professor Nobert Bolz hingegen artikuliert auf der Social Media Plattform „Twitter“ ironisches Erstaunen: „Schon lustig zu sehen, welche Zwerge sich zutrauen, einen Kommentar zum Tode Benedikts XVI zu schreiben.“

Und außerhalb Deutschlands? Der Autor Rod Dreher („Die Benedikt-Option“) wagt bei „Twitter“ mit anderer Akzentuierung als Martin Mosebach einen Blick in die Zukunft: „Dieser liebe Mann ist nach Hause zu Gott gegangen. Danke, Herr, für das Leben und den Dienst von Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., einem Mann, von dem ich glaube, dass er ein Heiliger ist. Was für einen großartigen Fürsprecher wir heute gewonnen haben! Möge sein Andenken ewig sein!“ Während Professor Ulrich Lehner von der Universität Notre Dame (USA) ebenfalls bei „Twitter“ in Erinnerung an eine große Begegnung großer Geister imaginiert: „Ich hoffe, #Habermas wird einen kurzen Nachruf für #BenedictXVI schreiben.“ Dies wäre in der Tat ein Nachruf von Riese zu Riese.

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