Tagesposting

Der Kleine Lord und der große Gott

Ein tiefes Vertrauen in das Gute im Menschen kann Fels und Erz zum Schmelzen bringen - so wie die Gottesliebe.
"Der kleine Lord"
Foto: ARD (ARD Degeto) | Ricky Schroder (l) und Alec Guinness im Gottesdienst: Der unerschütterliche Glaube des kleinen Lord an das Gute im Menschen, ist unwiderstehlich.

Eigentlich mag ich keine sentimentalen Filme. „Mach eine Ausnahme“ bat meine Frau, „der ,Kleine Lord‘ kommt!“ Und siehe da: Die Geschichte packte mich, ließ mich bis zum Ende nicht los. Sie führt ins Herz von Weihnachten. Cedric, ein bezaubernder kleiner Junge lebt mit seiner verwitweten Mutter in einem proletarischen Viertel von New York. Eines Tages ereilt ihn das große Los. Der verstorbene Vater war der Sohn des unermesslich reichen Earl of Dorincourt – und ein englischer Bote überbringt die Kunde, der kleine Cedric sei als „Lord Fauntleroy“ der nächste Earl von Dorincourt.

Das Himmelsgeschenk ist aber vergiftet. Cedrics Mama weiß sehr wohl, dass der Alte, der einst seinen Sohn verstieß, weil er nicht standesgemäß heiratete, ein bitterböser Mann ist. Trotzdem entschließt sie sich, mit Cedric nach England zu übersiedeln. Der Alte will nur Cedric, aus dem er ein Ebenbild seiner selbst schmieden will; Cedrics Mama will er nicht einmal sehen: Er überlässt ihr aber ein Cottage in der Nähe des Schlosses. Eine monatliche Apanage weist die stolze Frau zurück, um ihr Geld weiterhin als Näherin zu verdienen.

„ Wie ein Herz aus Stein gebrochen wird
durch die unerklärliche Liebe und den nie versiegenden Glauben des Kindes“

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Das ist der Rahmen für ein berührendes Drama der Menschwerdung. Der kleine Cedric reist mit der Kutsche zum Schloss und wird von einer Heerschar unterwürfiger Dienern zum Schlossherrn geführt. Der einzige, der offenkundig nicht wahrnimmt, dass der alte Earl ein eiskalter, übler Despot ist, ist Cedric. Sein Glaube an die Güte und Menschlichkeit seines Großvaters ist durch keine Scheußlichkeit des Alten zu erschüttern. Wie Sonnenstrahlen den Schnee zum Schmelzen bringen, so kitzeln die liebevollen Augen des Kindes die verborgenen Reste der Menschlichkeit aus dem Alten heraus.

Eines Tages reiten der Earl und sein kleiner Thronfolger durch das elende Dorf der in Schmutz verkommenden Pächter von Dorincourt. Sie reiten schweigend nebeneinander her. Nur die die Bilder sprechen. Gehen Cedric endlich die Augen auf? Muss sich der stinkreiche Alte nicht in Grund und Boden schämen. Der Film verrät es nicht; dafür erzählt er ein Wunder: Wie ein Herz aus Stein gebrochen wird durch die unerklärliche Liebe und den nie versiegenden Glauben des Kindes.

Diese Liebe ist mit Vernunft nicht zu erklären

Woher hatte das Kind diesen bergeversetzenden Glauben? Es hatte ihn von seiner Mutter, die ihrem Kind nie auch nur ein einziges böses Wort über ihren Schwiegervater sagte. „Glaube“, sagte einmal John Henry Newman, „ist seinem Wesen nach Annahme einer Wahrheit, die unsere Vernunft nicht erreichen kann; einfach und unbedingt auf Zeugnis hin.“ Dass Liebe und übervernünftiges Vertrauen in der Welt ist, kommt nicht aus der Welt; die Welt lehrt uns nur, dass Vorsicht geboten, Skepsis angebracht und Misstrauen vernünftig ist. Von Rabindranath Tagore ist der Spruch überliefert, jedes Kind bringe „die Botschaft, dass Gott sein Vertrauen in die Menschheit noch nicht verloren hat.“ Das ist mir eine Spur zu sentimental. Nicht Kinder retten die Welt, nur das Kind von Bethlehem, das einzige, vor dem wir singend kapitulieren: „... und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.“


Der Autor ist Initiator der Jugendkatechismus-Initiative „Youcat“.

 

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