Ungeschminkt

Der Kaiser bekommt einen Denkmalschurz in Stuttgart

Das ZDK wird vorgeführt: Im Vorlauf zum Katholikentag wurde ein Possen-Spiel aufgeführt um die Verhüllung der Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I. Liegt es an zu viel oder zu wenig Nachdenken?
Verhüllt: Kaiser Wilhelm I.
Foto: Marijan Murat (dpa) | Das ZDK hat drei BIPOC zu 15 Minuten Ruhm verholfen: Nosa Moses (r-l), Naemi Makiadi und Alicia Wenzel vom Kunstkollektiv ReCollect stehen vor einem Denkmal von Kaiser Wilhelm I.

Manche Probleme lösen sich durch Nachdenken, manche entstehen aber auch erst dadurch. Je mehr Zeit man hat, umso mehr Potenzial für Problematisierungen tut sich auf. Klassisches Beispiel hierfür war schon immer der intellektuell etwas unterforderte Geschlechter-Stuhlkreis des Uni-AStA. Und so entsteht das Paradoxon, dass die Geschlechterfrage immer komplizierter wird, je mehr man sie zu lösen versucht und die Zahl der Opfer immer größer, je mehr man sich um sie kümmert.

„Wie es aussieht ist das ZdK einem dreiköpfigen „interdisziplinären Kunstkollektiv“
namens „ReCollect“ auf den Leim gegangen, das sich im Netz mit der Verhüllung brüstet
und jetzt seine „15 minutes of fame“ bekommt“

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In dieses Schema passt wunderbar jede Form von Identitätspolitik, die gerade händeringend neue Opfergruppen sucht, findet und zelebriert – auch dort, wo alle ganz froh sind, wenn manche Epoche, Gestalt und Idee im Graben der historischen Vergessenheit verschüttet wurde. In Stuttgart wird nun im Vorlauf zum Katholikentag ein ganz besonderes Possen-Spiel aufgeführt um die Verhüllung der Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I. auf dem Karlsplatz. Nationalist und Kolonialist lautet der Vorwurf. Er ist seit 1888 tot, was soll er zu seiner Verteidigung vorbringen? Aus Sicht der Veranstalter ist der Kaiser also nicht mehr tragbar, und wurde unter ein rotes Tuch verbannt. Sein Konterfei stehe für den beginnenden Nationalismus und die danach einsetzende Kolonialisierung durch das Deutsche Reich. Schande über ihn!

Ich wage ja nun die These, dass der peinliche Kaiser deutlich weniger Aufsehen erregt hätte, wenn man ihn einfach auf seinem Pferd hätte herumstehen lassen. Rund 99 Prozent der Katholikentags-Besucher im schwäbischen Stuttgart hätten sowieso keine Ahnung gehabt, wer dort steht. Der Denkmal-Sturm der „Black Life Matters“- Bewegung hat aber ausgehend aus den USA auch in Europa zum Sturz von Denkmälern unliebsamer und vermeintlich kolonialistischer, aber ganz sicher auch patriarchaler Männer der Geschichte aufgerufen. Man will explizit den großen Auftritt. Während man in England selbst Männer wie Winston Churchill oder Gandhi vom Sockel riss, wurde parallel in Gelsenkirchen ein Denkmal zu Ehren des Genossen Lenin errichtet.

Kommunistische Massenmörder werden nicht verhüllt

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Kommunistische Massenmörder bleiben auf deutschem Boden stets in Ehren. Der Stuttgarter an sich ist nun auch nicht wirklich amüsiert über die Verhüllung zum Katholikentag. Die digitale Meute auf den lokalen Medienportalen ist sich weitestgehend einig, dass die katholische Kirche sich mit ihrem eigenen Mist beschäftigen sollte, um den innerstädtischen Diskussionsstand diplomatisch zusammenzufassen. Nicht vorenthalten möchte ich den Lesern den durchaus bedenkenswerten Einwand des lokalen Theatermachers Gerhard D. Wulf, dass es durchaus genügt hätte, den Kaiser zu verhüllen, aber nicht auch noch das Pferd. Richtig! Was kann denn der arme Gaul dafür, dass es seit über 100 Jahren einen Kolonialisten auf dem Rücken tragen muss? Eben.

Bleibt dennoch die Frage offen, wer hat diesen Denkmalschurz tatsächlich entschieden? Es heißt in den Presseerklärungen, „Repräsentanten des Deutschen Katholikentags“, und ZdK-Generalsekretär Mark Frings lässt sich auch brav antikolonialistisch zitieren. Aber um es vorwegzunehmen: Wie es aussieht ist das ZdK einem dreiköpfigen „interdisziplinären Kunstkollektiv“ namens „ReCollect“ auf den Leim gegangen, das sich im Netz mit der Verhüllung brüstet und jetzt seine „15 minutes of fame“ bekommt. Was sicher hilfreich ist, denn im Internet sammeln sie Geld für die Aktion (immerhin schon 600 Euro!) und erzählen bereitwillig, von der Leiterin der Abteilung „Erinnerungskultur“ in der Stuttgarter Stadtverwaltung im Herbst 2021 zu diesem „Dekolonialies Projekt“ animiert worden zu sein.

Statt Aktionismus, besser Nachdenken

Interessant, dass jemand, der für Erinnerungskultur zuständig ist, deutsche Geschichte verhüllen und Erinnerung auslöschen will, das aber nur als ein Nebenaspekt. Erwähnenswert ist sicher, dass alle vier Protagonisten selbstdefinierte „BIPOC-Menschen“ sind. Früher waren das auch im Schwäbischen schlicht „Schwarze“, heute nennt man sie sensibel „Black Indigenous People of Color“. Und das ZdK bietet für diese Posse bereitwillig die gutmenschelnde katholische Kulisse, die dann mit einer „Tanzperformance“ rund um das Denkmal abgerundet werden soll unter dem Titel: „Denk mal nach!“. Das könnte man dem ZdK das nächste Mal auch empfehlen.

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