Kultur

Der inszenierte Papstwechsel kommt auf die Bühne

Der Film „Die zwei Päpste“ feierte vor drei Jahren große Erfolge – jetzt gibt es das Stück als Bühnenfassung. Die überzeugt genauso wenig wie die Filmvorlage.
Bühnenbild: Benedikt XVI. (Walter Kreye, rechts) und Kardinal Jorge Bergoglio (Walter Sittler) in Castel Gandolfo
Foto: Oliver Gierens | Inszeniertes Gespräch auf der Bühne: Benedikt XVI. (Walter Kreye, rechts) und Kardinal Jorge Bergoglio (Walter Sittler) in Castel Gandolfo.

Eine schlichte, fast streng wirkende Kapelle, darin ein Sarg, in dem der verstorbene Papst mit Soutane und Mitra offen aufgebahrt wird: April 2005, Papst Johannes Paul II. stirbt nach fast 27 Jahren im Amt. Sein Nachfolger wird Kardinal Joseph Ratzinger, selbst schon 78 Jahre alt. Eher müde und unwillig, eigentlich gegen seinen Willen, betritt er die Loggia des Petersdomes und lässt sich von der jubelnden Menge feiern. Er ist jetzt Papst Benedikt XVI., doch nach einigen Jahren offenbart er seiner Haushälterin, einer Ordensschwester, dass er amtsmüde ist und zurücktreten will.

Und er hat bereits einen Nachfolger im Blick: Kardinal Jorge Bergoglio, Erzbischof von Buenes Aires. Doch der Papst hat ein Problem: Der Argentinier ist ebenfalls seines Amtes überdrüssig, hat bereits sein Rücktrittsgesuch eingereicht. Dennoch bestellt er den Südamerikaner nach Rom, um ihn trotz vieler inhaltlicher Gegensätze als seinen Nachfolger durchzusetzen. Das ist, kurz gesagt, der Inhalt von „Die zwei Päpste“ – ein Theaterstück von Anthony McCarten, das Anfang dieses Monats im Berliner Renaissance-Theater am Ernst-Reuter-Platz Premiere feierte und bis Anfang Juni dort zu sehen ist.

„So bleibt das Theaterstück – wie auch die Filmvorlage – holzschnittartig und vergröbernd.
Hinzu kommt, dass beide Schauspieler in ihren Rollen nicht überzeugen“

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Dabei ist die Bühne prominent besetzt: Walter Kreye, bekannt als Hauptkommissar aus der Serie „Der Alte“, spielt Papst Benedikt XVI., während Kardinal Bergoglio von Walter Sittler („Nikola“, „girl friends“) verkörpert wird. Die prominente Besetzung ist kein Wunder – denn die Bühnenfassung beruht auf dem gleichnamigen Film, der insbesondere über den Streaming-Dienst Netflix bekannt wurde. Mit Anthony Hopkins als Papst Benedikt und Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio war der Streifen sogar für drei Oscars nominiert – ging bei der Verleihung aber leer aus. Die Berliner Theaterfassung unter der Regie von Guntbert Warns greift die Grundidee des Films auf: Ein introvertierter, menschenscheuer und in seinem dogmatischen Denken gefangener Papst Benedikt erkennt, dass er dem Amt nicht mehr gewachsen sei. Lieber arbeitet er an seinem dritten Buch über Jesus von Nazareth und schaut zur Zerstreuung am liebsten „Kommissar Rex“.

Eines Abends offenbart er seiner Haushälterin, dass er als Papst abdanken will. „Meine Wahl war ein Fehler“, offenbart er ihr beim Abendessen. Schließlich habe es vier Wahlgänge gebraucht, um ihn zu wählen – und es habe da jemanden gegeben, der nahe an ihm dran gewesen sei, berichtet er der weinenden Ordensschwester. Und die wäscht ihm beherzt den Kopf, zählt ihm all die Dinge auf, die die Kirche immer wieder beschäftigen: Benedikt sei kühl, wenig charismatisch, habe die römische Kurie nicht im Griff und sei über den „Vatileaks“-Skandal gestolpert, als sein Kammerdiener geheime Dokumente veröffentlicht hat. Hinzu kommen die zahlreichen Missbrauchsfälle, die Forderung nach Frauenweihe oder der Zulassung von Kondomen und vieles mehr.

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Das Stück wird Benedikt XVI. nicht gerecht

Schon hier wird deutlich, worauf das Theaterstück wie auch die Filmvorlage abzielen: Es soll ein starker Gegensatz zwischen dem introvertierten, konservativen Ratzinger und dem reformfreudigen, den Menschen zugewandten Bergoglio konstruiert werden. Und so verkörpert Walter Kreye einen strengen, manchmal rechthaberischen, etwas verschrobenen und altmodischen Papst, der sich mürrisch und polternd vor den Problemen der Kirche und der Welt in sein dogmatisches Schneckenhaus flüchtet. Von vielen Menschen, die den emeritierten Papst aus der Nähe kennen, wissen wir: Das ist eine Fiktion. So war, so ist Joseph Ratzinger nicht, auch wenn die Vorliebe für „Kommissar Rex“ einen wahren Hintergrund hat. Kreye überzeichnet Benedikts Persönlichkeit dabei bis ins Groteske.

Schließlich ruft der Papst Kardinal Jorge Bergoglio nach Rom – um seinen Rücktritt als Erzbischof von Buenos Aires anzunehmen, wie dieser glaubt. Doch da irrt er sich gewaltig: Benedikt denkt nicht daran, den Argentinier zu emeritieren. Denn der hat sich in der Vergangenheit immer wieder gegen den „Fürsten des Status quo“, wie er ihn nennt, in Position gebracht. Und so glaubt der Papst, eine Annahme des Rücktrittsgesuchs könnte als Protest gegen den Heiligen Stuhl gewertet werden.

Gespräche über Reformen der Kirche

 

Zwischen den beiden entwickelt sich schnell ein Streitgespräch, in dem die unterschiedlichen theologischen Sichtweisen scharf zutage treten. Die Kirche sei zu sehr in sich selbst verliebt, kritisiert Bergoglio. „Sie bewegt sich nicht, obwohl alles nach Bewegung ruft“, wirft er dem Papst vor. Beide stehen auf der Bühne weit voneinander entfernt, und Benedikt weist die Kritik zurück: „Veränderung ist Kompromiss“, hält er dem Kardinal aus Südamerika entgegen.

Schließlich nähern sich beide einander an, schauen gemeinsam Fußball – Bergoglios Lieblingssport – und kommen sich auch auf der Bühne räumlich näher. Der Papst spielt ihm auf dem Klavier vor – erst langsam und betulich, dann schneller und bewegter – das Eis scheint zu brechen. Bei einem weiteren Treffen in der Sixtinischen Kapelle, dem Ort der Papstwahlen, offenbart er ihm schließlich, dass er als Papst zurücktreten will und ihn als seinen Nachfolger aufbauen will. Mit dieser Entscheidung sei er einem göttlichen Zeichen gefolgt: „Gott korrigiert einen Papst, in dem er ihm einen Nachfolger schickt. Ich möchte gern meine Korrektur sehen.“ Benedikt gesteht ein, dass er seine Meinung geändert habe – vielleicht brauche die Kirche jetzt einen Bergoglio, der für Veränderung, für Reformen stehe.

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Frei erfundene Szenen

Nach langer Zeit habe er wieder Gottes Stimme gehört – und sie habe mit Bergoglios Stimme gesprochen. Beide beichten sich gegenseitig ihre Verfehlungen: Während Bergoglio zugibt, nicht genügend gegen die Militärdiktatur in Argentinien unternommen zu haben, gesteht Benedikt ein, dass er einen Priester, der Kinder missbraucht hat, nicht aus dem Amt entfernt hat. Diese Begegnung zwischen Benedikt und seinem Nachfolger Bergoglio ist vermutlich frei erfunden, sie hat in dieser Form wohl nicht stattgefunden. Zwar sind manche Dialoge durchaus witzig, manchmal legen sie auch tiefgründig die Gegensätze zwischen „Bewahrern“ und „Reformern“ offen. Doch sie zeichnen einen Gegensatz, den es in dieser schroffen Gegensätzlichkeit nicht gibt.

Benedikt XVI. war nie der „Panzerkardinal“, zu dem ihn viele machen wollten – er war immer ein Mann des Konzils, und gerade sein Rücktritt war revolutionärer als manche Äußerungen seines Nachfolgers, der die Lehre der Kirche bisher nicht wesentlich geändert hat. Zwar setzt Franziskus bewusst Zeichen, in dem er einen bescheidenen Lebensstil praktiziert, auf Flüchtlinge und Arme zugeht oder eine Enzyklika zum Umweltschutz verfasst hat. Aber die großen Reformen, die manche erhofft und einige befürchtet hatten, sind ausgeblieben.

Die Schauspieler treffen die Persönlichkeiten  nicht, die sie darstellen sollten

Und dass Benedikt XVI. seine theologischen Ansichten geändert haben soll, darauf lassen seine Äußerungen seit seinem Rücktritt nicht unbedingt schließen. So bleibt das Theaterstück – wie auch die Filmvorlage – holzschnittartig und vergröbernd. Hinzu kommt, dass beide Schauspieler in ihren Rollen nicht überzeugen. Walter Kreye stellt den emeritierten Papst viel zu knorrig, zu introvertiert dar und ähnelt in seiner Statur eher dem Argentinier Bergoglio. Walter Sittler geht in seiner Rolle nicht wirklich auf, seine Darstellung des Südamerikaners bleibt oft zu oberflächlich. Dennoch regen manche Dialoge durchaus zum Nachdenken an, zum Beispiel wenn Bergoglio bemerkt: „Die Wahrheit mag unverzichtbar sein, aber ohne die Liebe ist sie unerträglich.“


„Die zwei Päpste“ von Anthony McCarten mit Walter Kreye und Walter Sittler, Regie: Guntbert Warns.
Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, 10623 Berlin, am U-Bhf. Ernst-Reuter-Platz.
Weitere Aufführungen im Internet unter: www.renaissance-theater.de.

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