Der Einzelne und die Gemeinschaft

Der Einzelne war wichtig bei der Konstituierung der Idee der Menschenrechte. Doch diese Rechte entwickeln sich, sind dynamisch. Kollektive Ziele sind stets kritisch zu prüfen. Von Josef Bordat
Hans Joas sieht die Geschichte der Menschenrechte als „eine Geschichte der Sakralisierung der Person“.
Foto: IN | Hans Joas sieht die Geschichte der Menschenrechte als „eine Geschichte der Sakralisierung der Person“. Damit hat die Kirche als gut erprobte Gemeinschaft der Heiligen kein Problem.

Wieviel Gemeinschaft soll es sein? Und wieviel Individuum? Wo sollten dem Individualismus Grenzen gesetzt werden? Und wann kippt der Gemeinsinn in einen freiheitsberaubenden Kollektivismus? Diese und ähnliche Fragestellungen bestimmten seit 2500 Jahren das Nachdenken über das rechte Verhältnis von Einzelnem und Gemeinschaft, Individuum und Kollektiv, Bürger und Staat. Die Betrachtung der wechselseitigen Beeinflussung und die Rechtfertigung ihres Ausmaßes, insbesondere ihrer Begrenzung, bestimmen auch gegenwärtig den sozialphilosophischen Diskurs. Ganz konkret etwa im Kontext der Frage, inwieweit die Religionsfreiheit den Einzelnen berechtigt, tradierte Moral- und Rechtsvorstellungen der Gemeinschaft, in der er lebt, zugunsten eigener Werthaltungen zurückzuweisen oder unter welchen Bedingungen umgekehrt der Staat dies unterbinden kann oder sogar muss. Aber auch in der Menschenrechtsdebatte, in der zunehmend kollektivistische Ideen wie Frieden, Entwicklung und Umweltschutz auftreten.

Der Einzelne, der in Gemeinschaft lebt, rückt dabei im Laufe der Geschichte immer mehr in den Fokus der Auseinandersetzung. Ist bei Platon noch die funktionierende Polis das entscheidende Kriterium, so bildet seit den politischen Ideen christlicher Denker in Spätantike (Augustinus), Hochmittelalter (Thomas von Aquin) und Früher Neuzeit (Francisco de Vitoria), vor allem aber – nach Rückschlägen im Zuge der Lehre von der „Staatsräson“ (Niccolo Machiavelli, Jean Bodin, Thomas Hobbes) – seit der wirkmächtigen Philosophie des Liberalismus' (John Locke) das Wohl des einzelnen Menschen die entscheidende Zielgröße, an der sich die Gemeinschaft in ihrer Konstitution auszurichten hat.

Diese Entwicklung hat im 20. Jahrhundert erhebliche Rückschläge erlitten: Faschismus und Kommunismus sind anti-individualistische Ideologien, die mit Konzepten wie Klassengesellschaft und Volksgemeinschaft einen Ordnungsstaat zu Lasten des Einzelnen begründen. Grundsätzlich ist der Weg zum Individualismus jedoch seit der Renaissance unumkehrbar. Bezeichnend hierfür ist die Entwicklung des Rechts. Rechte regeln das Zusammenleben von Individuen in Gemeinschaft, nur hier gibt es überhaupt Regelungsbedarf. Sowohl die Beziehung der Individuen zueinander als auch die Beziehung des einzelnen Menschen zur Gemeinschaft müssen dauerhaft normiert werden. Dies kann dazu führen, dass Recht aus der Perspektive der Gemeinschaft gesetzt wird oder aus dem Blickwinkel des Einzelnen. Analog dazu ist in der sozialphilosophischen Ideengeschichte die Tendenz zur stärkeren Berücksichtigung des Individuums zu erkennen, etwa bei der Frage, unter welchen Bedingungen der „Gesellschaftsvertrag“ geschlossen wird. Insbesondere zeigt sich der Wandel am Aufkommen jener Fundamentalnormen zur Regelung des Zusammenlebens, die als Menschenrechte bekannt sind. Sie schaffen die Grundlage für jede weitere Koordination von Individuum und Gemeinschaft – aus der Sicht des einzelnen Menschen.

Mit anderen Worten: Das Individuum ist konstitutiv für die Menschenrechtsidee. Kernkonzepte dieser Idee (wie Freiheit, Gewissen, Würde, Personalität, Subjektivität, Autonomie) sind nur individualistisch denkbar. Das zeigt sich in den beiden entscheidenden ideengeschichtlichen Quellen der Menschenrechte: dem christlichen Denken von der Gleichrangigkeit der abbildlichen Geschöpfe Gottes und der Heiligkeit der menschlichen Person mit ihrer unendlich wertvollen Einzelseele sowie dem neuzeitlichen Denken vom Individuum als Träger unveräußerlicher Bedürfnisse, die in eine Rechtsform zu überführen sind, damit sie im Zweifel auch gegen die Gemeinschaft (also: gegen den Staat) wirksam werden können, als das, was heute „liberales Abwehrrecht“ genannt wird (im Gegensatz zu „sozialem Teilhaberecht“).

Das bedeutet: Mit der Entdeckung des Individuums, seines Gewissens und seiner personalen Würde beginnt zugleich auch die Geschichte der Menschenrechte, an deren Ende ihre Kodifikation steht. Diese Entdeckung wiederum ist eine Leistung, die im judeo-christlichen Kulturraum ihren Ausgang nahm. Sie ist unmittelbar verbunden mit der Einsicht, dass jeder einzelne Mensch ein Gedanke Gottes ist (vgl. Jes 43, 1) und kulminiert in der Vorstellung, dass es ein einzelner Mensch ist, der die Welt rettet: Jesus Christus.

Doch im Zusammenhang mit der Genese der Menschenrechtsidee gibt es fortwährende Debatten zwischen Vertretern des christlichen Glaubens, die jene in der geschöpflichen Würde des Menschen grundgelegt sehen, und Vertretern eines säkularistischen Humanismus, die meinen, allein die Aufklärung habe – gegen das Christentum – die Menschenrechte hervorgebracht. Man kann hier mit sachlichen Differenzierungen (Christentum, Christenheit), mit der Entwicklung der kirchlichen Lehre (vor dem Zweiten Vatikanum, nach dem Zweiten Vatikanum), dem Zeithorizont der Betrachtung (langfristig, kurzfristig), dem historischen Gegenstand (Idee, Kodex) oder mit Diskursebenen (moralisch, rechtlich) argumentieren, um zu erkennen, dass am Ende beide recht haben.

Oder mit Hans Joas, der die Bedeutung des Konzepts von der überkonfessionellen „heiligen Person“ für die Menschenrechtsgenese hervorhebt. Joas stellt damit die Idee der Menschenrechte auf eine neue Basis. Er stellt klar: Eine erschöpfende Genealogie der Menschenrechte lässt sich in eindeutiger Manier weder mit einem christlichen, noch mit einem säkularen Humanismus in Verbindung bringen. Je nach Horizont der Betrachtung gewinnt das langfristige Moment der ideellen Befreiung des Menschen durch die christliche Anthropologie oder das kurzfristige Moment der faktischen Befreiung des Menschen durch die Aufklärung an Bedeutung; nur in der Zusammenschau erkennt man das „geteilte Dritte“: die Heiligkeit. Denn: Beide Positionen konvergieren im Begriff der „Sakralität der Person“, die für Joas eine „fundamentale Alternative“ zu der „Gemengelage von Narrativen“ darstellt.

Nach Joas sind die Menschenrechte demnach weniger Ergebnis eines Säkularisierungsprozesses der Gesellschaft als vielmehr eines „Sakralisierungsprozesses des menschlichen Wesens“, wobei der Terminus Sakralisierung nicht so aufgefasst werden dürfe, als habe er ausschließlich eine religiöse Bedeutung. Auch „säkulare Gehalte“ können, so Joas, „Qualitäten annehmen, die für die Sakralität charakteristisch sind: subjektive Evidenz und affektive Intensität“; in diesem Sinne ist die Geschichte der Menschenrechte „eine Geschichte der Sakralisierung der Person“.

Und diese verweist auf das Individuum als Dreh- und Angelpunkt des Nachdenkens. Nach Hobbes, aber ohne ausdrückliche Bezugnahme, entwirft John Locke seinen Gesellschaftsvertrag zum Schutz des Einzelnen. Er legt damit die Grundlage für eine vom Individuum ausgehende liberale Rechtskultur, deren zentrale Figur das Eigentum ist. Der vom lateinischen properietas abgeleitete property-Begriff umschließt bei Locke die Gesamtheit aller Freiheitsrechte einer Person. Locke entwickelt den Gedanken, der Staat möge dieses umfassende Eigentum seiner Bürger schützen, zunächst das Eigentum am eigenen Leben und an der eigenen Gesundheit – dies schließt die freie Verfügung über selbige immaterielle Schutzgüter ein –, fernerhin auch das Eigentum am eigenen materiellen Hab und Gut, dem Eigentum im ökonomischen Sinne. Lockes Trias life, liberty, property meint nichts anderes als dieses weitgefasste Eigentum: Leben, Freiheit und Besitz.

Das Recht auf Eigentum als Recht auf Leben, Freiheit und Besitz ist bei Locke dem Menschen schon im Naturzustand gegeben, es ist Naturrecht. Dieses natürliche, also: vor- und überstaatlich existierende und damit staatsunabhängig geltende Recht des Menschen wird nicht durch, sondern trotz Herrschaftsunterwerfung im liberalistischen Gesellschaftsvertrag zu bewahren versucht. Dagegen betonte Hobbes den rechtlos-anarchischen Charakter des Naturzustandes. Mit Locke kommt also die Idee des Abwehrrechts auf: Während bei Hobbes der Schutz des Individuums durch den Staat erfolgte, liegt das Augenmerk bei Locke auf dem Schutz des Individuums vor dem Staat.

In diesem Sinne formulierte der politische Liberalismus seit dem späten 18. Jahrhundert seine Menschenrechtskodifikationen, die Virginia Bill of Rights, die Georg Mason am 12. Juni 1776 verkündigte, die Declaration of Independence vom 4. Juli 1776, die mit dem Namen Thomas Jefferson verbunden ist und die Déclaration des droits de l?homme et du citoyen des Marquise de Lafayette, die am 26. August 1789 von der französischen Nationalversammlung angenommen wurde. In diesem Sinne wurden auch die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert, welche die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 in Kraft setzte. Die Allgemeine Erklärung enthält vier Typen von Rechten: 1. Leib- und Lebensrechte, 2. Freiheits- und Gleichheitsrechte, 3. politische, soziale und kulturelle Rechte und schließlich 4. justizielle Rechte und Verfahrensregeln. Hinsichtlich der Wirkungsrichtung (Abwehr vs. Anspruch) lassen sich vor allem individuelle liberale Abwehrrechte im Geiste Lockes erkennen („Der Staat darf nicht...“). Hinzu treten individuelle soziale Anspruchsrechte („Der Staat soll...“). Abwehr- und Anspruchsrechte zielen gleichermaßen auf die Rechtsstellung des Individuums zur Gemeinschaft, des Bürgers zum Staat. Die Allgemeine Erklärung soll für Menschen gelten und nicht für Kommunitäten oder Kollektive. Es geht ihr im Zweifel gerade darum, die Fremdbestimmung Dritter – auch innerhalb von Gruppen – zu limitieren. Freiheit und Autonomie soll auch in Gemeinschaften gelten. Beispielsweise soll dem einzelnen Familienmitglied auch innerhalb der Familie die Geltung elementarer Menschenrechte Schutz bieten. Menschenrechte können somit im Zweifel auch als Abwehrrechte gegen andere Familienmitglieder wirksam werden.

Dieses individualistische Konzept der Menschenrechte ist Gegenstand von Kritik: Das „westliche“, aus dem christlichen Gottebenbildlichkeitsgedanken erwachsene Menschenbild des einzigartigen Individuums mit Eigenrechten, rufe ein Rechtsverständnis hervor, das zu sehr auf die Autonomie und auf die individuelle Freiheit fokussiert und in dieser Ausprägung von gemeinschaftlich organisierten Stammeskulturen nicht angenommen werden könne. Hier zeigt sich eine Sollbruchstelle im Menschenrechtsdiskurs und es zeigt sich wieder, dass Menschenrechte mit der Individualität und ihrer Anerkennung stehen und fallen. Denn ein Mensch, der vom Polizeibeamten nicht geschlagen werden darf, vom Familienvater aber sehr wohl, genießt eben keine „körperliche Unversehrtheit“ i. S. d. Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung. Wer bestimmten Kommunitäten und Kollektiven Rechte einräumt, die über denen des Einzelnen stehen, läuft dem Grundgedanken der Menschenrechte zuwider. Ergo: Es geht in Sachen Menschenrecht kein Weg am Individuum vorbei. Das gilt auch für die Ebene internationaler Beziehungen.

Doch auch hier verweisen neuere Strömungen stärker zurück auf die Gemeinschaft. Nicht nur die Menschenrechtspakte von 1966, die jene liberalen Menschenrechte der Allgemeinen Erklärung bestätigen und konkretisieren (Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte), zugleich jedoch um den Aspekt der sozialen und kulturellen Teilhabe ergänzen (Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte). Besonders stark kollektivistisch konnotiert sind aktuelle ökologische und friedens- oder gerechtigkeitsethische Ideen zur Festlegung von „Menschheitsrechten“. Die Tendenz zur (Welt-)Gemeinschaft im Menschenrechtsdiskurs findet Ausdruck in den neueren Konventionen, der Erklärung zum Recht auf Entwicklung (1986), der Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung (1992) und nicht zuletzt in den Erklärungen zum Klimawandel (ausgehend vom Protokoll von Kyoto zum Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen, 1997).

Nach den liberalen, auf das Individuum ausgerichteten Menschenrechten der ersten Generation und den sozialen und kulturellen Menschenrechten der zweiten Generation, die wieder mehr die regionalen und nationalen Gemeinschaften betonen, kommen nun also die ökologischen Menschenrechte – die dritte Generation mit Blick auf die Weltgemeinschaft, die „Menschheit“. Nach Freiheit und Wohlstand kommt nun auch die friedliche Entwicklung der Völker und die globale Umweltkrise in den Blick. So wichtig dies ist, so vorsichtig muss man wohl sein, wenn es darum geht, den Einzelnen (wieder) allzu mächtigen kollektiven Zielen unterzuordnen. Der Erhalt eines stabilen Klimas und einer intakten Umwelt sind wichtige Ziele. Doch für kein noch so wichtiges Ziel der Gemeinschaft, und sei diese auch die Weltgemeinschaft, darf der einzelne Mensch geopfert werden.

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