Kampfbereitschaft

Der deutsche Patient will „gut“ sein

Gehört das Aggressionsgehemmte zu unserer Wesensart? Warum verhalten sich so viele Deutsche in Zeiten des Ukraine-Kriegs kriecherisch und verteidigungsuntüchtig? Eine Symptom-Suche mithilfe von Dostojewski.
Le Penseur de Rodin (Laeken - Belgique)
Foto: (52068698) | Der Gebrauch einer Waffe ist für viele Deutsche unvorstellbar - man meint Kriegstreiber mit netten Worten von ihrem Tun abhalten zu können.

Während aufgeregte Zeitgenossen den Kreml-Chef Putin gern mit Hitler vergleichen, hält der einstige US-Außenminister und Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger den russischen Despoten eher für eine Figur aus einem Dostojewski-Roman. Tatsächlich lohnt es sich, in diesen irritierenden Zeiten des Ukraine-Kriegs beim überragenden Psychologen der Weltliteratur Visite zu machen. In den politischen Schriften Dostojewskis findet sich ein Aufsatz von 1876 mit dem unscheinbaren Titel: "Einiges über den Krieg". Darin finden sich allerhand Behauptungen, die uns strukturell pazifistisch gesinnte Gegenwarts-Deutsche als Ungeheuerlichkeit anmuten mögen.

„Nur wenn dein böser Nachbar weiß, dass er sich lieber nicht mit dir anlegen sollte,
führst du ein wahrhaft friedvolles Leben“

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Wir lesen dort: "Der politische Krieg aber, der zwischen verschiedenen Völkern ausgekämpft wird, bringt einzig und allein Nutzen – in jeder Beziehung." Verrückt? Weiter heißt es: "Ein langer Friede bringt Gleichgültigkeit hervor, niedrige Gedanken, bringt Sittenverderbnis und Abstumpfung der Gefühle." Unübersehbar sei, "dass das soziale Übergewicht in der Zeit eines langen Friedens sich zum Schluss immer auf die Seite des Reichtums neigt". Hingegen: "Der Krieg hebt den Geist des Volkes und die Erkenntnis des eigenen Wertes. Der Krieg macht in der Stunde des Kampfes alle gleich und versöhnt den Herrn mit dem Knecht in der allerhöchsten Erscheinung der menschlichen Würde."

Nun ist Dostojewski durchaus kein rauschbeflügelter Gewaltverherrlicher, dieser gerade sieben Buchseiten umfassende Text ist ein Stück Rollenprosa. Vorgestellt wird "ein Freund", Dostojewski kenne ihn schon lange, "es ist ein ganz unbekannter Mensch und ein höchst sonderbarer Charakter: er ist ein Denker". Dieser Freund traut sich also über das Übliche hinaus zu formulieren. Mit ihm streitet Dostojewski über den Krieg und merkt noch an, jener Freund sei "der friedliebendste und gutmütigste Mensch", den es geben könnte. Dieser Mann also sagt: "Der jetzige Frieden ist immer und überall schlimmer als der Krieg." Und: "Vergossenes Blut ist eine wichtige Sache."

Moralisches Strebertum der gesellschaftlichen Eliten

Psychologen sprechen von paradoxer Intervention, wenn sie ihre Klienten aus ihren erstarrten Gewohnheiten katapultieren wollen. Dostojewski erweist sich hier als exzellenter Kenner der menschlichen Seele, indem er all unsere Gewissheiten kurzerhand auf den Kopf stellt. Natürlich trifft er ins Schwarze, wenn er auch uns Gegenwartsmenschen die angespeckte Dekadenz vor Augen führt: "Der Reichtum und die Rohheit der Vergnügungen gebären Faulheit, und die Faulheit gebiert Sklaven." Um uns der fortschreitenden Wohlstandsverwahrlosung zu vergewissern, reicht ein Blick auf das moralische Strebertum der deutschen Gesellschaftseliten. Als ob ein Land, das 2021 das weltweit viertgrößte Bruttoinlandsprodukt einfuhr, dies mit sittlicher Tadellosigkeit geschafft hätte. Oder der Blick auf die Umfabulierung der Biologie: Frauen haben nun einmal keinen Penis.

Bei Dostojewskis Text ist es gar nicht so bedeutsam, was er darin an irrlichternden Bellizismen zusammengetragen hat. Viel brisanter lesen sich die Beschreibungen sittlicher Verkommenheiten in Friedensphasen. Dostojewski scheint erkannt zu haben, dass Krieg und Frieden eine gleichsam geschwisterliche Existenz führen, wie Kain und Abel in auf fatale Weise wechselwirkender Abhängigkeit miteinander verbunden   was sich schon in jenem zweifelhaften Bonmot zu erkennen gibt, das seit Beginn des Ukraine-Krieges einmal mehr die Runde macht: Lieber ein ungerechter Friede als ein gerechter Krieg. Zu Zeiten des Kalten Krieges hieß das noch: Lieber rot als tot.

 

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Überhaupt hat Putins Angriffskrieg auf die benachbarte Kornkammer Europas allerlei Reflexe ins Rampenlicht geholt, die wir uns über viele Jahrzehnte hinweg antrainiert haben. Was Sozialtechnokraten als "strukturellen Pazifismus" in der deutschen Gesellschaft bezeichnen, markiert einen habituellen Konsens des vordergründigen Deeskalierens, der einen handlungsgebremsten Bundeskanzler wie Olaf Scholz auf einmal in den Augen weiter Teile der Öffentlichkeit als Helden staatsmännischer Umsicht, wenn nicht der Weltweisheit erstrahlen lässt. Allen Ernstes wird der Regierungschef für sein Zögern gelobt, weil er sich für seine Waffenlieferungen wochenlang Zeit lässt, während in der Ukraine die Menschen massakriert werden. Ganz so, als sei Entscheidungsunlust die neue Staatsräson. In Deutschland, so scheint es, wird Apathie mit Friedfertigkeit verwechselt.

Als vorläufigen Höhepunkt brachte Außenministerin Annalena Baerbock die neue deutsche Art, Politik zu machen, auf die unnachahmliche Formel: "Ich bin erschüttert, wie oft ich in den ersten sechs Monaten als Außenministerin erschüttert war." Sie bedauere, so sagte sie dem "Spiegel", dass der Westen angesichts des Ukraine-Krieges militärisch so hilflos sei: "Ich hätte zum Beispiel gern versprochen, dass wir humanitäre Korridore aus den umkämpften Gebieten in der Ukraine garantieren. Aber wir können das nicht leisten. Ein solches Versprechen muss militärisch abgesichert werden."  In Baerbocks Bedauern sind wohl sämtliche zeitgenössischen Werte des Westens versammelt.

Aufreizende Zurückhaltung Deutschlands

Waren die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust emsig bemüht, den Rest der Welt fortan von ihrer Arglosigkeit zu begeistern und sich, aus historischer Verantwortung, in militärischen Angelegenheiten mitunter aufreizend zurückzuhalten – so können wir heute weite Teile der deutschen Bevölkerung als eine Population von Aggressionsgehemmten bezeichnen. Wer nicht gerade Ukrainer ist, kann dies zweifellos sympathisch finden. Aggressionsgehemmte Menschen sind vordergründig freundlich und verträglich, die sich erst bei näherem Hinsehen als Persönlichkeiten entpuppen, in deren Innenleben es wie in einem Dampfkochtopf zugeht. Ihren fortwährenden Überdruck ventilieren sie im ersten Anlauf gerne durch kleine Sticheleien.

Empfindsame Gemüter aber spüren unter der neckischen Oberfläche unwägbare Gärprozesse, die jederzeit zum Ausbruch gelangen können. Die Psychologie spricht von einem passiv-aggressiven Verhalten, die Weltgesundheitsorganisation klassifiziert es als "sonstige spezifische Persönlichkeitsstörung". Entdeckt wurde es bezeichnenderweise im Zweiten Weltkrieg von einem amerikanischen Militärpsychiater. Colonel William Claire Menninger beobachtete bei Soldaten, die den Fronteinsatz verweigerten, ein pubertäres Trotzgebaren, um sich gegen rigide Bevormundungen zu wehren: Sie unterliefen Befehle, gaben vor, sie nicht zu verstehen oder sie vergessen zu haben, verhöhnten Vorgesetzte hinter ihrem Rücken und klagten ständig darüber, ungerecht behandelt zu werden. Menninger hielt dies für eine Reaktion der Unreife, die er passiv-aggressiv nannte.

Die Seinsmächtigkeit der Bosheit ignoriert

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Und in der Tat sehen wir bei den Aggressionsgehemmten eine Art Entwicklungsverkantung am Werk, eine infantile Sehnsucht nach der Geborgenheit und Verantwortungslosigkeit der Kindheit, als der Kampf gegen das Böse noch nicht selbst geführt werden musste, sondern an die Eltern delegiert werden konnte. Beim Heiligen Augustinus rangiert das Böse als "privatio boni", als eine Beraubung, eine Abwesenheit des Guten. Aggressionsgehemmte meinen, dass Krieg am besten durch Frieden zu bekämpfen ist. Beide ignorieren die Realität, die Seinsmächtigkeit der Bosheit. Augustinus dekliniert das "malum" zu einem "nihil", zum Nichts. So hätten es auch die Aggressionsgehemmten am liebsten.

Ähnlich wunschgetrieben geben sich auch die aktuellen Avantgardisten des passiv-aggressiven Milieus: Intellektuelle, die zuerst unter Regie der expliziten Putin-Versteherin Alice Schwarzer in der "Emma" einen offenen Brief an der Kanzler verfassten, später einen zweiten Brief in der "Zeit", unterschrieben u.a. von Jakob Augstein, Richard David Precht und Juli Zeh. Im "Emma"-Schreiben wurde aus Angst vor Putins Atomkriegsdrohung gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine votiert, in der "Zeit"-Depesche wurde auf mysteriöse Weise dem Westen ein Verhandlungsmandat erteilt. Unter der Überschrift "Waffenstillstand jetzt!" heißt es: "Der Westen muss alles daransetzen, dass die Parteien zu einer zeitnahen Verhandlungslösung kommen. Sie allein kann einen jahrelangen Abnutzungskrieg mit seinen fatalen lokalen und globalen Folgen sowie eine militärische Eskalation, die bis hin zum Einsatz nuklearer Waffen gehen kann, verhindern."

Strukturelle, pazifistische Beschwichtigungsrhetorik herrscht

Weil das natürlich alles nicht so einfach ist, haben sich die "Zeit"-Briefeschreiber einen Plan ausgedacht, wie der Krieg in die Flucht verhandelt werden kann: "Die internationale Gemeinschaft muss vielmehr alles dafür tun, Bedingungen zu schaffen, unter denen Verhandlungen überhaupt möglich sind. Dazu gehört die Bekundung, dass die westlichen Akteure kein Interesse an einer Fortführung des Krieges haben und ihre Strategien entsprechend anpassen werden." Wohlgemerkt: Putin wird mit keinem Wort erwähnt und der Westen, vulgo die internationale Gemeinschaft, muss nur "die Strategien entsprechend anpassen". Frieden kann so einfach sein mit der passenden Besänftigungsrhetorik. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin hat dafür schon mal treffende Worte gefunden, als er auf Facebook "auch unsere heimischen Kriegshetzer zum Nachdenken bringen" wollte.

Bereits 2006 hat Peter Sloterdijk einen wachen Blick für die  passiv-aggressive Gemütsverfassung der Deutschen besessen, als er in seinem Buch "Zorn und Zeit" darauf hinwies, dass zur thymotischen Urenergie des Zorns in der Antike auch der Stolz gehörte, mithin die Selbstbehauptung, die Würde und die Ehre. Was einst als Tugenden galt, wird den Heranwachsenden durch unsere strukturell pazifistische Beschwichtigungspädagogik planvoll abtrainiert. In unserem feministisch durchtönten gesellschaftlichen Klangraum wird alles als toxische Männlichkeit verdammt, was sich nicht dem kriecherischen Habitus der Aggressionsgehemmtheit fügt.

Im durchfeminisierten Deutschland fehlt Akzeptanz für Maskulines

Und so, wie im durchfeminisierten Deutschland der maskuline Pol in der öffentlichen Akzeptanz schwindet, so fehlt in unserer Kultur zusehends die Polarität des Thymos, des Zorns. Stattdessen wird alles Animalische, jedes naturbelassene Austoben und Sich-gehen-lassen in den Untergrund gedrängt, wo es sich in Eruptionen wie Amokläufen, Shitstorms, Selbstverletzungen und Depressionen in Erinnerung ruft. Der Burn-Out wurde in den 1990er-Jahren als Symptomatik etabliert, als die Aggressionsgehemmtheit gesellschaftlicher Konsens wurde.  Heerscharen an Lebensberatern verdienen seither prächtig daran, in Coachings unsere kulturell sedierten Vitalfunktionen zu reanimieren. In der Therapieindustrie arbeiten die Tatortreiniger unserer Deeskalationsversessenheit.
Es ist mit Krieg und Frieden eben so paradox und wechselwirkend verschlungen wie das Leben selber: Nur wenn dein böser Nachbar weiß, dass er sich lieber nicht mit dir anlegen sollte, führst du ein wahrhaft friedvolles Leben.

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