Geniale Paare

Der Biograph zeichnet eine streitbare Lichtgestalt

Martin von Tours und Sulpicius Severus: Was zeichnet einen Bischof aus?
St. Martin
Foto: wiki | So sah der Maler El Greco den heiligen Martin.

Was macht einen guten Bischof aus? Natürlich gehören die mildtätigen Werke zu seinem Profil, aber entscheidender noch der „himmlische Kriegsdienst“ im Kampf gegen die widergöttlichen Mächte draußen in der Welt und in den eigenen Reihen. Das war die Ansicht des Schriftstellers Sulpicius Severus (um 353-420). Mit seiner Biographie des heiligen Martin von Tours (316-397) schuf er das Vorbild vieler kommender Hagiographien. Er war überzeugt: Mönche sind bessere Bischöfe. Sie wissen, dass die Kirche mit den bösen Geistern kämpfen muss. Denn sie sind die Herren in dieser Finsternis (Epheser 6, 12).

Wie Jesus trieb Bischof Martin die Dämonen aus. Doch während die Welt wie zu seiner Zeit voller Teufeleien ist, glaubt niemand mehr an den Geist, der stets verneint und alle geordneten Verhältnisse durcheinander bringt. Papst Paul VI. war einer der letzten, der hier ein klares Wort sprach. Heute von der streitenden Kirche („ecclesia militans“) und der geistlichen Waffenrüstung des heiligen Martin zu sprechen, wäre extrem unpopulär. Doch war Jesus populistisch?

„Freilich beim heutigen Zeitgeist, da alles bodenlos verkommen ist,
muss es beinahe als etwas Außerordentliches erscheinen, wenn ein Bischof soviel Charakter hat,
dass er sich nicht zur Gefallsucht und Heuchelei erniedrigt.“

Die Weihe zum Exorzisten ist nicht abgeschafft, und Mönche im Bischofsamt gibt es noch heute. Heiner Wilmer SCJ ist ein Nachfolger des heiligen Bischofs Bernward von Hildesheim, der an der Seite Otto II. mit der Waffe in den Krieg zog. Lode Van Hecke OCSO, Abt der Abtei Orval, ist Bischof von Gent. Der junge Trappist Erik Varden OCSO ist Bischof von Trondheim.

Martin war der von Engeln begleitete Mann. „Dass Martinus oft mit Engeln vertrauten Umgang gepflogen hat, dessen sind wir ganz sicher“, bezeugt sein Biograf. Die bischöflichen Begleiter erinnern an jene himmlischen Heere, die mit lauter Stimme den Triumphgesang des Gloria anstimmen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf der Erde. Aber eben nur bei den Menschen seines Wohlgefallens. „Da erschienen ihm auf einmal zwei Engel mit Schild und Lanze bewehrt wie himmlische Krieger.“ Ihre Botschaft ist eindeutig: Nur die streitende Kirche wird eine triumphierende Kirche („ecclesia triumphans“) sein.

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Besessene begannen bei seiner Anweseheit zu stöhnen

Sobald der heilige Martin seine Bischofskirche betrat, bot sich ein „merkwürdiges Schauspiel: In der ganzen Kirche stöhnten die Besessenen und zitterten wie Menschen, die den Richter kommen sehen und ihre Verurteilung befürchten müssen“. Sulpicius Severus nennt seinen Helden einen „Soldaten Christi“. Der junge Martin war römischer Soldat. Nach seiner Bekehrung füllte er das kriegerische Ideal mit neuen Inhalten. Nun kämpfte er im Namen Christi gegen Besessene und Bischöfe. Die vielen Feinde in den eigenen Reihen schärften sein Profil und ließen den streitbaren Bischof weit über seine Zeit hinaus zu einer Lichtgestalt werden. Den Mönch Martin hatte es nicht ins Bischofsamt gedrängt.

Doch, wie damals üblich, von Klerus und Volk gewählt, entzog er sich nicht seinen Aufgaben. Er führte ein Klosterleben in der Welt. In seiner Person vereinte er Kontemplation und Aktion. Er war Martha und Maria zugleich. Martin besaß Charakter wie wenige Bischöfe seiner Zeit. Sein Biograf hebt die geistige Unabhängigkeit besonders hervor. „Freilich beim heutigen Zeitgeist, da alles bodenlos verkommen ist, muss es beinahe als etwas Außerordentliches erscheinen, wenn ein Bischof soviel Charakter hat, dass er sich nicht zur Gefallsucht und Heuchelei erniedrigt.“ Seine Amtsbrüder meiden ihn und bald nimmt Martin an den Synoden nicht mehr teil.

Reduzierung auf die Mantelteilung

Martin von Tours gehört zu den beliebtesten Heiligen der Christenheit. Im Luthertum besaß er einst einen festen Platz, weil der Übersetzer der Bibel am Gedenktag des heiligen Martin (11. November) getauft wurde. Beliebtheit hat immer ihren Preis. Das komplexe Bild des Bischofs mit visionärer Kraft, der ein stummes Mädchen heilt und einen bellenden Hund bändigt, der heidnische Tempel zerstört, falschen Propheten ins Wort fällt und Fernheilungen bewirkt, wurde auf die berühmte Geschichte von der Teilung seines Soldatenmantels reduziert. Das Werk der Barmherzigkeit wurde von den Zeitzeugen belächelt. Sie sahen nicht, worum es in dieser Begegnung geht. Martin hatte in dem Armen von Amiens Christus erkannt. Die Engelschar verkündigt es ihm durch das Bibelzitat aus dem großen Weltgericht: „Was immer ihr einem meiner Geringsten getan, habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40) Martin ist eine eschatologische Gestalt. Er hatte „Überdruss an der Gegenwart“.

Sulpicius Severus kannte Martin persönlich und hat seine Biografie noch zu Lebzeiten des Mönchsbischofs abgeschlossen. Über das äußere Leben des kämpferischen Bischofs sammelte er viele Zeugnisse. Gerne hätte er auch über das innere Leben seines Helden geschrieben. Dieses spielte sich jedoch hinter der verschlossenen Tür seines Herzens ab. Martin war ein großer Beter und Büßer. Den Inhalt seiner Gespräche mit Gott und der immer wieder bezeugten Dialoge mit den Engeln gab er nicht preis. „Keine menschliche Rede vermag sein inneres Leben, seinen gewöhnlichen Wandel, seine Seelenverfassung zu schildern, die immer auf Himmlisches gerichtet war.“ Der wahre Mann Gottes verliert in allen Kämpfen niemals die innere Sammlung. Er lebt inmitten der Welt aus dem Überweltlichen. Das Tränencharisma bezeugt seine hohe Empathie. In der Lebensbeschreibung werden viele Tränen vergossen. Sie sind Zeichen der Ergriffenheit von Gottes Gegenwart.

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Ein reflektierter Schriftsteller legt Zeugnis ab

Nach dem Studium in Bordeaux hatte Sulpicius Severus geheiratet, früh seine Frau verloren und sich dann aus der Welt zurückgezogen. In Primuliacum, dem heutigen Prémillac bei Périgueux, gründete er ein Kloster. Hier lebten nach Martins Tod auch seine Schüler, darunter der Mönch Gallus. In den „Dialogen“ bezeugt er weitere Taten des Bischofs.

Sulpicius Severus war ein reflektierter Schriftsteller und für Martin ein kongenialer Partner. Denn ohne seine Arbeit an der Biografie des Heiligen, wüssten wir nichts von diesem charismatischen Mann. Mit der Bischofskritik stilisiert er Martin zum leuchtenden Gegenbild der Kleriker seiner Zeit. Wie jeder Autor wünscht er seinem Buch Erfolg. Im heutigen Verlagswesen wird eine erfolgreiche Autorschaft an den Verkaufszahlen gemessen. Diese ökonomische Orientierung gilt auch für große religiöse Verlage, die ihr Programm nach dem Zeitgeist ausrichten. Ein Blick in die Verlagsgeschichte zeigt zuweilen einen erschreckenden Verlust des Anspruchs.

Severus schreibt nicht für Bestsellerlisten

Im Zeitalter der Vervielfältigung von Büchern durch handschriftliches Abschreiben galten andere Maßstäbe. Der Biograf des Heiligen schrieb nicht für Bestsellerlisten. Er wollte auch keine Preise und akademischen Ehren erringen. Wie alle christlichen Schriftsteller der Vergangenheit schrieb er für Gotteslohn. Wer darin nur einen Akt der Bescheidenheit sieht, verkennt den höchsten Anspruch des Biografen. Er will als Autor vor Gott bestehen. Ihm geht es um Seelenheil und ewiges Leben und ein Buch, das im Himmel Beifall findet. Warum? Weil es die Lesenden zum christlichen Glauben führt. Der selbstbewusste Biograf blieb Realist. Nicht jeder Mensch ist religiös ansprechbar. Sulpicius Severus kannte seine Zielgruppe und verausgabte sich nicht mit einem Einsatz auf unfruchtbarem Boden. „Wenn sonst einer beim Lesen ungläubig bleibt, so ist das seine eigene Schuld. Wenn Gott auch nicht für jeden Leser schlechthin einen Lohn bereit hält, so doch, wie ich fest vertraue, für den gläubigen Leser.“

Wir leben in einer Zeit der großen Verluste. Der Himmel ist in eine unendliche Ferne gerückt. Deshalb fehlt den geistlichen Kämpfen die Ausrichtung. Die ecclesia militans führt wie so oft in ihrer langen Geschichte Krieg in den eigenen Reihen. Martin hat diese Auseinandersetzungen auf Bischofskonferenzen und Synoden gemieden. Er war wie viele Heilige ein großer Einzelner. Mit der Berufung einzelner Menschen am See Genezareth begann das Leben der Kirche auf Erden. Im Einzelnen hat sie sich immer wieder erneuert. Darin wird sich auch bis ans Ende der Welt nichts ändern. So reitet der heilige Martin weiter durch die Zeit.

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