Der Aufstieg der Streaming-Anbieter

Die Konkurrenz zwischen Kino und Online-Plattformen wird sich noch verschärfen. Von Tobias Grünwald

Kino und Fernsehen stehen seit jeher im Wettbewerb zueinander. Als in den 1960er Jahren TV-Serien Kinofilmen ernsthafte Konkurrenz machten, waren Stimmen zu hören, das Kino habe ausgedient. Wer sollte für einen Film Geld ausgeben, wenn ihm „Bonanza“, „Mit Schirm, Charme und Melone“, „Kobra, übernehmen Sie“, „Auf der Flucht“ und viele weitere Serien frei Haus geliefert werden? Allen Unkenrufen zum Trotz überlebte jedoch das Kino. Einen Film auf der großen Leinwand in einem abgedunkelten Saal ohne Ablenkung zu sehen, ist noch immer ein ganz besonderes Erlebnis. Deshalb wirbt ein deutscher Filmverleih mit dem Satz: „Kino – dafür werden Filme gemacht“.

Die Werbeaussage stimmt freilich nicht mehr ganz, seit „Netflix“ angefangen hat, Dokumentar- und Spielfilme zu produzieren, die lediglich über den Streaming-Anbieter vertrieben werden. Für einen Eklat sorgte etwa auf den letztjährigen Filmfestspielen Cannes, wo zwei Netflix-Filme in den Wettbewerb aufgenommen worden waren, die Weigerung der Online-Plattform, sie nach dem Filmfestival in die französischen Kinos zu bringen. Denn laut einem französischen Gesetz hätte Netflix nach der Kinoauswertung drei Jahre warten müssen, bis der amerikanische Konzern die Filme ins Netz hätte stellen dürfen. Aber genau das ist Netflix' Geschäftsmodell: Ins Kino werden seine Filme selten gebracht – wenn überhaupt, dann zeitgleich mit dem Streaming-Start auf der Online-Plattform.

Dieses Jahr wurden in Cannes keine Netflix-Filme gezeigt. Hatte die Vereinigung der französischen Filmverleiher und Kinobetreiber doch durchgesetzt, dass im Wettbewerb nur noch Filme vorgestellt werden, die nach den Festspielen in den französischen Kinos laufen. Weil alle Filme, die in Frankreich im Kino gezeigt werden, Abgaben zahlen, aus denen wieder französische Filme produziert werden, vermuten die einen hinter dem „Boykott“, Netflix-Filme in Cannes zu zeigen, handfeste protektionistische Interessen der französischen Filmindustrie. Die anderen weisen auf filmästhetische Gesichtspunkte nach dem Motto „große Bilder gehören auf die große Leinwand“ hin. Allerdings beginnen Regisseure aus der obersten Hollywood-Liga – etwa Alfonso Cuarón, Paul Greengrass und Martin Scorsese – Filme für „Netflix“ zu drehen.

Der auf den Filmfestspielen Cannes ausgefochtene Streit ist indes nur die eine Seite in der Konkurrenz zwischen Kino und Streaming-Anbietern. Denn Online-Plattformen wie Netflix oder Amazon werden insbesondere wegen der eigenproduzierten Serien abonniert. Gegen eine monatliche Gebühr (um die 10 EUR) kann der Abonnent sie sehen, wann und wo er will. Manchmal stellt der Streaming-Anbieter die Serie Folge für Folge, meistens aber gleich eine ganze Staffel ins Internet ein. Die Entscheidung, in welchem Zeitraum der Zuschauer die einzelnen Folgen sehen möchte, liegt allein bei ihm. Die meisten Online-Serien folgen dem Prinzip des „Cliffhangers“: Eine Folge endet mit einem Handlungshöhepunkt, der sich in der nächsten Folge fortsetzt. Dadurch werden häufig ganze Staffeln auf einmal konsumiert.

Die Online-Plattform Netflix wächst rasant. Für dieses Jahr hat sie angekündigt, für die Entwicklung von neuen Produktionen acht Milliarden Dollar aufzuwenden. Ein Schwerpunkt seien Originalserien aus Europa, für deren Produktion der Konzern eine Milliarde Dollar bereitstellt. Netflix und anderen Streaming-Anbietern erwächst allerdings eine neue Konkurrenz: Kürzlich beschlossen drei der größten öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten Europas eine Kooperation in Sachen Serien-Entwicklung. Anfang Mai kamen France-Télévisions-Präsidentin Delphine Ernotte, ZDF-Intendant Thomas Bellut und RAI-Generaldirektor Mario Orfeo überein, in den nächsten Jahren gemeinsam eine Reihe von sogenannten High-End-Serien zu entwickeln und zu koproduzieren. Neben den drei Großen seien RTVE aus Spanien, RTBF und VRT aus Belgien sowie RTS aus der Schweiz als „privilegierte Partner“ mit an Bord. Darüber hinaus sei die Allianz auch für weitere Interessenten offen.

Der Wettbewerb zwischen Kino und Serien wird sich deshalb wohl noch verschärfen. Bei allen Qualitätsschwankungen der Online-Serien können „High-End“-Produktionen es inzwischen filmästhetisch durchaus mit jedem Kinofilm aufnehmen. Das Kino wird wegen seines einzigartigen Filmerlebnisses sicher weiter bestehen. Die Frage jedoch, wie sich die harte Konkurrenz durch die Online-Anbieter auf das Filmgeschäft auswirken wird, kann nur die Zukunft beantworten.

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