World Trade Center

Der Albtraum der freien Welt hält weiterhin an

20 Jahre danach: Wie der fundamental-islamische Terror und die daraus entstandenen Bilder des 11. September 2001 die Welt verändert haben.
Trümmer des World Trade Centers mit Feuerwehrmann
Foto: U.S. Navy Photo by Journalist 1st Class Preston Keres | Auf den Trümmern der eingestürzten Türme des World Trade Centers signalisiert ein Feuerwehrmann, dass er Unterstützung von mindestens zehn weiteren Feuerwehrleuten benötigt.

Als Maler stand Gerhard Richter vor einer schier unlösbaren Aufgabe: Wie kann man den 11. September 2001 ins Bild setzen, ohne sich der überwältigenden Macht der bekannten Fotografien und Filmaufnahmen zu unterwerfen? Viele seiner Versuche scheiterten, viele Entwürfe vernichtete Richter. Er war frustriert, gab aber nicht auf.

„Wie kann man über den 11. September 2001 sprechen,
ohne sich dem zu unterwerfen, was die Medien daraus gemacht haben?“

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Doch so speziell diese Aufgabenstellung erscheint – der bedeutendste lebende Künstler in der Auseinandersetzung mit dem einschneidenden Ereignis der Zeitgeschichte –, es ist im Grunde das Problem, vor dem wir alle stehen: Wie kann man über den 11. September 2001 sprechen, ohne sich dem zu unterwerfen, was die Medien daraus gemacht haben? Ohne die klischeehafte Sprache zu imitieren, die vorschnellen Schlüsse zu übernehmen, die Floskeln nachzuplappern und am Ende den Bezugspunkt nicht im historischen Ereignis selbst und auch nicht in der eigenen Biographie, sondern in der medialen Parallelwelt zu finden?

Was sich dem übermächtigen Narrativ der Medien vorderhand entzieht, ist die eigene Erfahrung. Wo war ich? Wie war das damals? Doch selbst der eigenen Erfahrung ist zu misstrauen, wenn sie mehr als je zuvor in der Geschichte der Menschheit eine Medienerfahrung war: Alle Welt saß gebannt am Bildschirm und blickte auf dieselben Bilder; jeder hat ihn irgendwie miterlebt, diesen Tag, aber das Erleben bestand zumeist darin, aufwühlende Stunden vor dem Fernseher verbracht zu haben. Unvergessen ist mir das Gespräch mit einer Frau in Kalifornien, die, Monate später, in Tränen ausbrach und sagte, sie wolle nicht noch einmal ein"9/11" erleben. "Wo haben Sie den Tag denn erlebt?" fragte ich und vermutete wegen ihrer Emotionen, dass sie in Washington oder New York dabei gewesen sei. Antwort: Zuhause in Kalifornien, vor dem Fernseher. 2000 Meilen vom Terrorgeschehen entfernt.

Der Schrecken eskalierte

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Zur Macht der Bilder kam die Echtzeiterfahrung: das Geschehen entwickelte sich live vor den Augen des Milliardenpublikums, es war noch nicht konserviert in der Kapsel der Dokumentation, der Ausgang so offen wie der eines Fußballspiels, das live übertragen wird. Dass die brennenden Türme einstürzen würden, war nicht gleich absehbar und gab dem Geschehen eine abrupte Wendung. Der Schrecken eskalierte. Als aber der erste Turm in sich zusammengebrochen war, musste mit dem Kollaps des anderen Turmes minütlich gerechnet werden – der namenlose Tod in der Staub- und Rauchwolke stand unmittelbar bevor und wurde mit Spannung erwartet. So wurde aus Berichterstattung unweigerlich eine Pornographie der Gewalt und des Grauens; das scheinbare Dabeisein schloss die stärksten Emotionen ein und das eigene Risiko aus. Genau das ist das Wesen der Pornographie: alles sehen und nichts zeigen müssen.

Verstärkt wurde die Wirkung durch eine Sprache, die sich in den ersten Stunden so rasch entwickelte wie die Bilder. Osama bin Laden, Al Kaida, Taliban – kaum bekannte Namen und Vokabeln wurden fix mit dem Geschehen verknüpft. Das World Trade Center wurde zum "Ground Zero" erklärt   ein Begriff, der aus dem Zeitalter der ersten Atomtests stammt und im Jahr 2000 auf das wochenlange Wahldrama in Florida gemünzt worden war. Am Tag der Terroranschläge wurde das Medienetikett rasch an die New Yorker Zerstörungsbilder geheftet. "Nine-Eleven", davon sprach am ersten Tag noch kein Mensch, doch kurz darauf setzte sich der Begriff bis in die deutschen Medien und Alltagsgespräche durch.

Rache, Vergeltung, Erbarmungslosigkeit

 

Zu Bildern und Sprache kam die Deutung. Ab 11 Uhr Ostküstenzeit gab CNN mit "America under attack" die Richtung vor: Amerika befindet sich im Krieg. George W. Bush versprach, man werde die Verantwortlichen "jagen", der Republikaner John McCain schlug den neuen Ton an, der das christliche Amerika zurückführte in die alttestamentliche Logik: "Möge Gott den Mördern gnädig sein, denn wir werden es nicht sein." Noch 20 Jahre später klingt dieser Ton nach. Gerade erst hat Joe Biden fast wörtlich die Formulierungen jenes Tages übernommen: "Wir werden nicht vergeben und nicht vergessen. Wir werden euch jagen und es euch heimzahlen." Rache, Vergeltung, Erbarmungslosigkeit. "Nine-Eleven" wurde zur Rechtfertigungsformel für Streubomben und Foltermethoden; das verwundete Amerika torkelte in einen zwanzigjährigen Albtraum aus Hysterie, Gewalt und Selbstüberschätzung. Der Albtraum ist noch nicht vorüber.

Am 11. September 2001 war ich als Korrespondent in Washington, stand vor dem brennenden Pentagon, sprach mit Verletzten und Helfern, schrieb die Nacht durch meine Artikel und brach dann gleich nach Manhattan auf. In den ersten 24 Stunden überschlugen sich die Gerüchte. Erst hatten wir Angst vor weiteren Flugzeugen, die angeblich im Anflug waren, dann kam die Furcht vor der "zweiten Angriffswelle", vor Krankheitserregern, einem chemischen Angriff oder verseuchtem Trinkwasser. Einmal lag ich mit anderen in einem Hauseingang in New York, weil plötzlich alle panisch in dieselbe Richtung gerannt waren und Schutz suchten, wo sie ihn finden konnten. Medien hatten von einer Bombe in Midtown berichtet, die Nachricht hatte sich im Nu verbreitet, und alle waren losgelaufen, ich auch.

Angehörige hofften auf Rettung der Vermissten

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Als ich am 12. September vor den immer noch brennenden Trümmern des World Trade Centers stand, war ich fassungslos und kämpfte mit den Tränen. Das lag auch daran, dass weiter entfernt Hunderte mit Fotos von ihren Angehörigen standen und hofften, sie könnten noch lebend aus den Trümmern geborgen werden. Der Anblick des ungeheuren Trümmerhaufens, der rauchenden Schuttmengen und verbogenen Stahlträger machte jede Hoffnung zunichte. Kein Mensch, das war klar, konnte hier überlebt haben. Und noch einmal Tränen: Als amerikanische Feuerwehrleute einen Pfosten in die Trümmer rammen und die US-Flagge hochziehen. Das war weder angeordnet noch inszeniert, es war der natürliche und ungebrochene Patriotismus, den man als Deutscher nicht erleben kann.

Die eigenen Erinnerungen, ja, sie sind nicht verloren gegangen. Aber sie werden doch auch für mich überlagert von den viel eindringlicheren, den tief ins Gedächtnis eingebrannten Bildern aus den Medien. Ihrer Macht kann sich niemand entziehen. 

Medien kreieren eine eigene Realität

Diese überwältigende Macht begann nicht an jenem Tag. Die ikonographische Wende hat sich nicht im Handumdrehen vollzogen, sondern im Laufe von 150 Jahren, von den Anfängen der Fotografie und Tageszeitung bis zur totalen audiovisuellen Vernetzung der Weltgesellschaft, wie wir sie seit wenigen Jahren kennen. Hellsichtige Köpfe wie Kierkegaard und Thoreau hatten schon um 1850 vorausgesehen, dass die Medien nicht einfach nur abbilden und berichten, sondern eine eigene Realität kreieren werden, die mit der erfahrenen und erfahrbaren Wirklichkeit in Konkurrenz treten wird. Der 11. September 2001 brachte in diesem langen Wettstreit den Kantersieg der medial erschaffenen Zweitrealität; die vermittelte Wirklichkeit hat seither die Oberhand über dem selbst Erfahrenen.

Gerhard Richter hat nach vielen Versuchen doch noch ein Bild geschaffen, das er bejahen konnte. Er schuf eine fotorealistische Darstellung des Motivs von den brennenden Türmen, in Öl auf Leinwand, doch er beließ es nicht dabei, sondern verkratzte und verspachtelte die Oberfläche, bis das Bild die Grenzen des Verschwommenen, des Ungenauen, des Abstrakten berührte. So rückt das markanteste Bild jenes Tages in einen Schwebezustand zwischen dem dokumentarisch Abgebildeten und dem erinnernd Mitgedachten. Es hängt heute im Museum of Modern Art in New York.

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