Der Agent als Autokrat

Die voluminöse Putin-Biografie von Steven Lee Myers zeichnet Aufstieg und Machtpolitik des russischen Präsidenten nach. Von Stephan Baier
Der Kreml bereitet sich auf Medwedew vor
Foto: dpa | Der Herrscher: Der russische Präsident Wladimir Putin schreitet unter Applaus durch die St. Georgs-Halle im Moskauer Kreml.
Der Kreml bereitet sich auf Medwedew vor
Foto: dpa | Der Herrscher: Der russische Präsident Wladimir Putin schreitet unter Applaus durch die St. Georgs-Halle im Moskauer Kreml.

Umfassend, detailgenau und wohlrecherchiert ist die große Putin-Biografie des amerikanischen Journalisten Steven Lee Myers, der viele Jahre als Chefkorrespondent der „New York Times“ in Moskau zubrachte. Myers zeichnet auf 700 Seiten das Porträt eines zwar kalten, doch auch cholerischen Machtmenschen, der heute der unumschränkte Herrscher in Russland ist. Putin habe „weit und breit keinen ernstzunehmenden Konkurrenten um die Macht vor der Präsidentschaftswahl, die 2018 wiederum ansteht“, bilanziert der Autor. Wladimir Putin habe „weder die Sowjetunion noch das Zarenreich wiederhergestellt, sondern ein neues Russland mit Merkmalen und Mentalitäten beider Imperien, mit ihm als Generalsekretär und Souverän zugleich“.

Bis er auf diese hellsichtige Bilanz stößt, darf der Leser sich allerdings ausführlich mit der Herkunft, dem Werdegang, der Machtergreifung und dem Machtausbau des starken Mannes im Kreml beschäftigen. Myers schreibt keineswegs langatmig, eher faktendicht und journalistisch. Dennoch verlangt die Gründlichkeit der Darlegung dem Leser einige Geduld ab. Mehr als 200 Seiten widmet der Autor der Lebensgeschichte Wladimir Putins bis zur Übernahme der Präsidentschaft. Dass der heutige Autokrat „ein Spross des Proletariats, nicht der sowjetischen Intelligenz oder der politischen Elite“ gewesen sei, dass der Kampfsport Judo ihn Disziplin und Strenge gelehrt habe, dass er sich seinerseits beim KGB beworben hat und geradezu sehnsüchtig auf den Eintritt in die Welt der Spione gewartet habe, erfährt der Leser hier. Myers schildert den KGB treffend als „Staat im Staat, ständig auf der Suche nach Feinden im Inneren und Äußeren“. Solche Charakterisierungen sind erhellend, weil sie beleuchten, was Putin beabsichtigte, als er später Vertraute aus der KGB-Nachfolgeorganisation FSB in die Schlüsselstellen seines Staates beförderte.

Der junge Putin, der sich nicht an Operationen „gegen den äußeren, sondern gegen den inneren Feind“ beteiligte, habe die Arbeit des KGB zugleich rationalisiert und romantisiert, meint der Autor. Bereits in diesem Teil seiner Biografie unterscheidet er sauber zwischen Gerüchten und Fakten, zwischen eigener und fremder Analyse. Auch wenn manche Thesen – etwa der Mythos, Putin habe seine mittlerweile geschiedene Frau einst nur aus Karrieregründen geheiratet – unaufgeklärt bleiben, zeichnet Myers doch faktengestützt das Psychogramm eines kalten und fleißigen Karrieristen, der nie mit den Methoden des KGB oder der Sowjettradition brach. In jener Politik, die endlich 1991 zum Zusammenbruch der Sowjetunion führte, habe Putin keine Rolle gespielt. Aber er landete „nicht ganz freiwillig… auf der Gewinnerseite“.

Die ausführliche Darstellung der KGB-Jahre wirft ein bezeichnendes Licht auf die von jeder Rechtsstaatlichkeit Lichtjahre entfernte Machtpolitik Putins als Präsident und zeitweise als Ministerpräsident. Der Autor schildert die Hemmungslosigkeit, mit der Putin sich das Fernsehen gefügig machte, die Medien gleichschaltete, gegen Kritiker und Oppositionelle vorgeht und einen engen Zirkel unantastbarer, korrupter Berater um sich schart. Ausführlich seziert er den Feldzug des Präsidenten gegen den unbequemen Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski, gegen unabhängige Journalisten wie Anna Politkowkaja und politische Opponenten wie Boris Nemzow.

Myers zeigt, dass der russische Präsident dem Militär und dem einst von ihm geführten Geheimdienst FSB eine zentrale Rolle beim Wiederaufbau der Nation zuweist: Rund 70 Prozent aller hohen Regierungsposten seien mit ehemaligen Militär-, Polizei- und Geheimdienstmitarbeitern besetzt worden, „von denen viele einen Hintergrund im KGB hatten“. Dabei gehe es aber weniger um Ideologie als um Loyalität, um „ein vollständiges Netz an Untergebenen… das vor allen Dingen ihm loyal ergeben war“. Als Feindbild diene der sich nach Osten ausbreitende „Westen“, wie Myers mit Zitaten belegt und an der Politik gegenüber Georgien und der Ukraine zeigt. Russland sei zunehmend streitlustig und respektiere die Souveränität seiner Nachbarn nicht mehr. „Es schien, als wäre der Bär, der einst die Sowjetunion gewesen war, nach zwei Jahrzehnten aus seinem Winterschlaf erwacht.“ Als Antwort auf die „Expansion Europas in Richtung Ukraine“ baue Putin an seiner Eurasischen Union. Deren national-konservative Ideologie ruhe auf den religiös-geopolitischen Theorien von Iwan Iljin und Alexander Dugin. Putin preise die „russki mir oder russische Welt an, jene Gemeinschaft, die über Grenzen hinweg durch Sprache, Kultur und Glauben vereint war“.

Auch wenn Putin Symbole – etwa die alte Hymne – aus der Sowjetzeit wieder einführte, wolle er doch keineswegs das sowjetische oder kommunistische System einführen. „Er hatte die Absicht, etwas viel Älteres, viel Reicheres und Tieferes wiederherzustellen: die Idee der russischen Nation, das Imperium des ,Dritten Roms‘, indem er seinen eigenen Kurs entwarf, der fremden Werten gegenüber unempfänglich war.“ Diese idealisierte Fassade hinderte den Präsidenten aber nicht daran, die Privatisierungen der 1990er Jahre – zugunsten des Staates, seines Netzwerks und offenbar auch seiner selbst – zu revidieren. Der Autor zeigt die zentrale Rolle des Erdgas-Riesen Gazprom in der Machtpolitik der „Kreml GmbH“, und zugleich, wie die immergleichen Putin-Vertrauten in wirtschaftliche Schlüsselstellen gehievt und damit zu Milliardären gemacht wurden. So habe der Präsident eine neue Generation von Oligarchen geschaffen: „Hartnäckig, farblos, verschwiegen und immens loyal gegenüber dem Mann, der sie aus der relativen Unbekanntheit herausgeholt hatte.“ Gazprom (einst vom späteren Präsidenten und Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew geleitet) sei nicht bloß das mächtigste Unternehmen des Landes, sondern der „mächtige Arm seiner Außenpolitik von Asien bis Europa“. Putins zweite Amtszeit als Präsident sei geprägt von der „Konsolidierung der Kontrolle des Kreml über das Parlament, die Verwaltung und die Medien“.

Jenes vierjährige Intermezzo, in dem Medwedew Präsident von Putins Gnaden – und Putin selbst ein ausgesprochen machtbewusster Ministerpräsident – war, charakterisiert der Autor nicht als Rollentausch: Putin habe viele Befugnisse einfach mitgenommen, habe dem Präsidenten öffentlich souffliert, sei „außerstande oder nicht willens“ gewesen, „in den Hintergrund zu treten“. Medwedew sei auch als Präsident nur der „Juniorpartner“ auf dem Tandem gewesen. Putin habe nicht nur ein Vetorecht ausgeübt, sondern auch die Details der Politik diktiert.

Auch mit der Rolle der russisch-orthodoxen Kirche im System Putin setzt sich der Autor kritisch auseinander, erwähnt Gerüchte über die KGB-Nähe von Patriarch Kyrill, dessen „wirtschaftliche Aktivitäten im Tabakimport in den Neunzigern und seine Vorliebe für gehobene Luxusgüter“. Gravierender scheint aber auch dem Autor, dass Kyrill „die Gläubigen direkt in eine Allianz mit dem Staat“ führte. Insgesamt schildert er eine verwundete und verwundbare, zugleich aber gefährlich aggressive Großmacht, die von einem nur mehr von Höflingen umringten rücksichtslosen Machtmenschen autokratisch geführt wird. Dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert könnte, glaubt Myers nicht.

Steven Lee Myers: „Putin – Der neue Zar“, Orell Füssli Verlag, Zürich 2016, ISBN 978-3-280-05602-8, 703 Seiten,

EUR 28,95

Themen & Autoren

Kirche

Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller
Die Mehrheit der Katholiken ist gegen sie. Die Abgabe ist längst nicht mehr zeitgemäß und schon gar nicht zukunftsfähig. Die jüngste Umfrage ist nur ein Warnschuss.
05.08.2022, 11 Uhr
Peter Winnemöller