Philosophie

Denken in der Liebe und das konsequent leben

Hans Urs von Balthasar hielt Ferdinand Ulrich für einen der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. In Deutschland ist er wenig bekannt, in den Vereinigten Staaten wird er gerade neu entdeckt.
Ferdinand Ulrich, Philosoph
Foto: Ulrich-Archiv

Was ist die Aufgabe der Philosophie? Geht es darum, die Welt besser zu verstehen oder sich selbst zu erkennen? Thomas von Aquin hat gesagt, man „philosophiere nicht deshalb, um zu wissen, was die Menschen gemeint haben, sondern um zu erkennen, wie sich die Wahrheit der Dinge verhalte.“ Das heißt: Philosophie bezieht sich auf eine bestimmte Ordnung des Seins. Sie konstruiert keine Wirklichkeit, sondern tritt in eine Wirklichkeit ein, die schon da ist und sich ihr im Nach-Denken eröffnet. Im Christentum heißt diese Wirklichkeit „Schöpfung.“ Bis in ihre feinsten Verästelungen hinein ist sie ein Spiegelbild ihres Schöpfers, der sich darin zeigt und gibt und mitteilt, zuhöchst dem Menschen, dessen freie Antwort er erhofft. So gesehen, lebt Philosophie ganz wesentlich vom Hören und Empfangen, vom Dank und von der Hingabe an die Wahrheit; letztlich ist sie eine Weise jener Liebe, in der „die Wahrheit zum Sieg gelangt“, wie Augustinus sagt.

„Einheit von Lehre und Leben, von Glaube und Vernunft,
von Christsein und Menschsein ist Ulrichs Vermächtnis an die Philosophie.“

 

Nur wenige haben diese Einsicht in ihrem Denken und ihrem Leben so konsequent umgesetzt wie Ferdinand Ulrich (1931–2020), der als Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule (später der Universität) Regensburg und viele Jahre hindurch als Gastprofessor an der Hochschule für Philosophie in München lehrte.

Den Satz des heiligen Thomas von Aquin zitiert Ulrich im Vorwort seiner ersten und wichtigsten Schrift „Homo abyssus. Das Wagnis der Seinsfrage“ (1961). Hans Urs von Balthasar hat das Genie des 25 Jahre Jüngeren sofort erkannt und dieses wie alle weiteren Bücher in seinem Johannes-Verlag veröffentlicht. In Deutschland ist Ulrich bis heute weitgehend ein Geheimtipp geblieben und hat vor allem durch persönliche Begegnungen gewirkt. In den USA hat David C. Schindler den „Homo abyssus“ vor kurzem ins Englische übertragen und damit einer jungen Forschergeneration zugänglich gemacht, die diese originelle Philosophie neu für sich entdeckt hat und auf vielfache Weise fruchtbar weiterentwickelt.

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Sein Denken eine Synthes aus Glaube und Vernunft

Einen „spekulativen Thomismus“ nennt Schindler das Denken Ulrichs. Es wurzelt einerseits in jener Synthese von Glaube und Vernunft, die Thomas von Aquin in unerreichter Meisterschaft vorgelegt hat, und lebt im beständigen Gespräch mit seiner Seinslehre, die vom Begriff der Seinsteilhabe (participatio) oder Seinsschenkung her entfaltet wird. Andererseits nimmt Ulrich in diesen Dialog mit Thomas die großen Strömungen der neuzeitlichen Philosophie mit auf: den Deutschen Idealismus, dessen pseudo-theologische Struktur er besonders bei Hegel scharf durchschaut, aber ebenso Karl Marx oder Friedrich Nietzsche, in denen er prophetische Gestalten erblickt, deren Religionskritik ex negativo die Wahrheit des Christentums erweist.

Durch diese einzigartige Zusammenschau gelingt es Ulrich, die klassische Metaphysik, der man oft eine zu große Geschlossenheit und Abstraktheit vorwirft, existenziell aufzuhellen und auf die Anthropologie hin durchsichtig zu machen. Für ihn ist der Mensch das eigentliche „Thema“ der Seinsfrage. Das Sein ist (mit Thomas gesprochen) nichts Drittes zwischen Gott und Mensch, sondern als „Gleichnis der Güte Gottes“ dem Menschen bedingungslos geschenkt. Dieser Freiheit auf Seiten des Gebers entspricht die Freiheit auf Seiten des Empfängers: der Mensch kann die Gabe und damit Gott selbst annehmen oder ablehnen. In dieser unumgänglichen Entscheidung, sich der Mitteilung von Gottes Liebe zu öffnen oder zu verschließen, sieht Ulrich die „Abgründigkeit“ menschlicher Freiheit, die den Titel seines Hauptwerks liefert: „abyssus: id est homo – der Abgrund, das ist der Mensch“, wie es im Psalmenkommentar von Augustinus heißt.

Gedanken mit Folgen für den Lebensvollzug

 

 

„Abgründig“ sind die vielen Irrwege der Vernunft und des Lebens, auf denen sich der Mensch von Gott entfernt; das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) hat Ulrich von daher gelesen und ihm eine großartige Interpretation gewidmet („Gabe und Vergebung“, 2006). „Abgründig“ ist aber auch das Sein selbst, das Gott dem Menschen übereignet und dafür so sehr verendlicht und entäußert hat, dass es „nichts“ für sich und nur in den konkreten Dingen da ist. „Das Sein ist vollständig und einfach, aber es hat keine Subsistenz für sich“ – dieser Einsicht des heiligen Thomas hat Ulrich gewissermaßen sein ganzes Lebenswerk gewidmet. Darin lag für ihn die „Wahrheit der Dinge“: die Größe der Gabe zeigt sich in der Maßlosigkeit ihres Verschenkt-Seins, ihr Reichtum in der Armut, ihre Fülle in der Nichtigkeit der Liebe Gottes.

Vielleicht ahnt man, dass so eine Philosophie, die das Sein als Liebe auslegt, nicht ohne Konsequenzen für den eigenen Lebensvollzug bleibt. Sie bedeutet ja für den, der so denkt, das Eintauchen in jenes Sein, das sich ganz weggibt an den Anderen und von ihm auch abgelehnt und verstoßen werden kann. Die „Rezeption“ dieses Denkens beschränkt sich nicht auf den akademischen Diskurs, sondern setzt sich fort „in Fleisch und Blut“, wie Ulrich gerne sagte.

Er wollte lebendiges Zeugnis seiner Erkenntnis sein

Er selbst hat dies früh erkannt und bereits in den 1980er Jahren aufgehört, neue Texte zu publizieren. Sein Lebensmittelpunkt lag fortan im Gebet und in der geistlichen Begleitung, im lebendigen Zeugnis des „Seins als Liebe“, und zwar einer „Liebe umsonst (amor gratuitus)“, wie Augustinus sagte – einer Liebe, die sich verschenkt an den, dem sie begegnet, ohne Erwartungen, ohne Bedingungen.

Diese Einheit von Lehre und Leben, von Glaube und Vernunft, von Christsein und Menschsein ist Ulrichs Vermächtnis an die Philosophie. Letztlich hat er in seinem Werk schon vorweggenommen, was Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Fides et Ratio“ vom christlichen Denken der Zukunft erwartete: die Philosophie möge dazu beitragen zu zeigen, „dass der Mensch imstande ist, zu einer einheitlichen und organischen Wissensschau zu gelangen“, um so gegen eine nur „fragmentarische Annäherung an die Wahrheit“, die zur „Sinnzersplitterung“ führe, tatsächlich zur „inneren Einheit des heutigen Menschen beizutragen“ (Nr. 85).


Der Autor ist Mitarbeiter des Ferdinand Ulrich-Archivs in Passau.

– Die Werke Ferdinand Ulrichs werden vorgestellt auf der Homepage des Johannes-Verlags.

– Als Zugang zu Ulrichs Denken eignen sich „Atheismus und Menschwerdung“,
„Der Mensch als Anfang. Zur philosophischen Anthropologie der Kindheit“
oder „Leben in der Einheit von Leben und Tod“ (alle im Johannes-Verlag).

– Zur Philosophie Ulrichs: Stefan Oster: Person-Sein vor Gott.
Theologische Erkundungen mit dem Bischof von Passau, Freiburg 2015, 43–105
sowie der Vortrag von Bischof Oster „Denken in (der) Liebe“.

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