Den Dompatronen ganz nah

Das neue Dommuseum Ottonianum Magdeburg präsentiert archäologische Entdeckungen, in deren Zentrum Königin Editha steht. Von Veit-Mario Thiede
Heiliger Mauritius, Madonna und heilige Katharina von der Westfassade des Doms.
Foto: Veit-Mario Thiede | Heiliger Mauritius, Madonna und heilige Katharina von der Westfassade des Doms. Sandstein, um 1500.

In das ehemalige Magdeburger Gebäude der Reichsbank sind archäologische Schätze eingezogen. Sie kamen bei Ausgrabungen am und im Dom zutage, der gegenüber des neuen Dommuseums majestätisch aufragt. Die Landeshauptstadt Magdeburg brachte 3,25 Millionen Euro für die Einrichtung auf, die Kloster Bergesche Stiftung steuerte 725 000 Euro bei. Die in der einstigen Schalterhalle auf 650 Quadratmetern präsentierte Ausstellung hat mehrere Schwerpunkte. Es geht erstens um Kaiser Otto den Großen (912–973), dem das Dommuseum seinen Namen „Ottonianum“ verdankt, und seine Ehefrau Editha (910–946), deren vor einigen Jahren wiederentdeckte sterbliche Überreste für großes Aufsehen sorgten. Zweitens stehen das 968 auf Bitten Ottos vom Papst begründete Erzbistum Magdeburg und einige seiner bedeutenden Bischöfe im Blickpunkt. Und drittens werden den Besuchern die Ergebnisse der archäologischen Ausgrabungen nahegebracht.

Träger des Ottonianums sind die Landeshauptstadt, das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie sowie die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt. Sie legen großen Wert auf publikumsnahe Wissensvermittlung über die rund 100 präsentierten Grabungsfunde. Der dienen Zeichentrickfilme und Hörstationen. Das angesehene Büro Holzer Kobler entwarf die Ausstellungsarchitektur, die den rechteckigen Raum merkwürdigerweise diagonal durchzieht. Dazu erklärt Tristan Kobler: „Die von uns gesetzte zentrale Achse der Ausstellung nimmt exakt die Mittelachse des Domes auf.“ Auf der liegen im Dom das Hochgrab des Erzbischofs Ernst von Sachsen (1464–1513) sowie die Gräber Ottos des Großen und Edithas. Ottos Grab wurde 1844 geöffnet und eine Zeichnung seines Schädels angefertigt, die nun in der Schau zu sehen ist. In der aber spielt Königin Editha die Hauptrolle. Aufrecht steht der mittels 3D-Drucker reproduzierte Deckel ihres Hochgrabs vor uns. Er zeigt die Königin. Als die Forscher 2008 den Deckel vom Hochgrab hoben, machten sie eine sensationelle Entdeckung: Einen kleinen Bleisarg, in den man anlässlich der Erneuerung des Grabes 1510 Edithas sterbliche Überreste und was sich sonst noch im alten Grab befand umgebettet hatte. Im schummrigen Schatzraum funkelt matt der Bleisarg. Er ist leer, weil die Überreste nun in einem neuen Behälter im Hochgrab ruhen. Ausgestellt sind überdies Fragmente wertvoller Seidenstoffe, in die die tote Königin gehüllt war.

Eine zweite Schatzkammer birgt Funde aus den Gräbern von Erzbischöfen. Der 1154 bis 1192 amtierende Wichmann von Seeburg-Gleiß, ein enger Berater Kaiser Friedrich Barbarossas, ist mit Kelch und Ring vertreten. Aus dem Grab Ottos von Hessen (1327–1361), einem Enkel der heiligen Elisabeth von Thüringen, stammen Kelch und Patene. Von der Mitra des Erzbischofs Dietrich von Portitz (1361–1367 im Amt) sind Textilfragmente aus Seide und vergoldeten Metallfäden erhalten. In die Amtszeit des von Kaiser Karl IV. zu seinem Stellvertreter im Reich erhobenen Erzbischofs Dietrich fiel 1363 die Schlussweihe des seit 1209 erbauten gotischen Doms, dessen Vorgänger einem verheerenden Stadtbrand zum Opfer gefallen war.

Für die Wiederaufnahme der Bauarbeiten sorgte 1476 der im zarten Alter von zwölf Jahren zum Erzbischof postulierte, aber erst 1489 konsekrierte Ernst von Sachsen. Der aus kurfürstlichem Hause stammende Ernst war ein jüngerer Bruder des Luther-Beschützers Friedrich der Weise. Erzbischof Ernst bescherte sich selbst ein prachtvolles Andenken, indem er sich im Mittelbau zwischen den Westtürmen des Domes eine Grabkapelle einrichtete.

Der Dom und das Dommuseum ergänzen sich aufs Beste. So macht uns das Dommuseum zum Beispiel mit den Erzbischöfen Wichmann und Otto bekannt, deren Grabfiguren im Gotteshaus zu sehen sind. Und durch einen Film im Ottonianum wird informiert, dass Erzbischof Dietrichs Grab links hinter dem von ihm gestifteten Hochaltar aus wertvollem Rotmarmor zu finden ist. Keinesfalls versäumen sollte man einen Abstecher zum Paradiesportal. Außerordentlich gefühlsbetont geben sich da die Steinfiguren der fünf törichten und der fünf klugen Jungfrauen. Einige der Törichten heulen herzzerreißend, weil sie wegen mangelnder Vorbereitung keinen Einlass ins Reich Gottes finden. „Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“, wie es bei Matthäus im Neuen Testament heißt. Die Klugen aber sind bestens präpariert – und haben daher das berühmte „Magdeburger Lächeln“ aufgesetzt.

Dommuseum Ottonianum Magdeburg, Domplatz 15. Täglich 10–17 Uhr. Informationen: Tel.: 0391/5 40 35 30, Internet: www.dommuseum-ottonianum.de. Eintritt: 7,50 Euro

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