Barmherzigkeit

Das war nicht die Stunde der Teufel

Eine Reise an die Grenzen der Gnade: Der heilige Brendan und seine Gefährten beteten erfolgreich um eine Gnade für den Verräter Judas.
St.Brendan's Kirche; St.Brendan Fenster
Foto: Andreas Franz Borchert | Der irische Nationalheilige Brendan hat - so berichtet die Legende - für Judas Iskariot bei Gott einen Tag Erlass der Pein in der Hölle erbetet.

Irland war einst ein katholisches Land. Vor dem Beitritt zur Europäischen Union  (1973) mussten auf dem heiligen Berg der Iren keine Hinweisschilder montiert werden. Jeder wusste, dass man sich an diesem Ort der Buße ordentlich zu benehmen hatte. Probleme mit der Entsorgung des Restmülls gab es auch nicht, weil sich die Pilger mit nüchternem Magen auf den Weg begaben. Der heilige Berg der Iren heisst Croagh Patrick. Er liegt in der Grafschaft Mayo. Sie ist nach dem Mönch Mayo benannt, der im siebten Jahrhundert an der Westküste ein Kloster gründete.

Längst sind die Zeiten vorbei, da fromme Pilger barfuß über die Geröllhalde auf 764 Meter Höhe stiegen. Hier oben fastete einst der Heilige Patrick im 5. Jahrhundert vierzig Tage lang. Dann fühlte er sich stark genug, das Böse von der Insel zu vertreiben. Er nahm eine Glocke und schmetterte sie in ein Tal, wo die Schlangenbrut hauste. Seit diesem Wurf gibt es keine Schlangen mehr auf der Insel. Als Missionar war St. Patrick Symboldidaktiker. Einem keltischen Fürsten erklärte er das Geheimnis des dreieinigen Gottes (Trinität) durch den Aufbau eines Kleeblatts („Shamrock“). Mit dem „Drowning of the Shamrock“ endet der St. Patrick‘s Day (17. März) in Strömen von Guinness. James Joyce behauptete daher, die irische Übersetzung der Bibel beginne nicht mit der Genesis (1. Buch Moses), sondern der „Guinnesis“.

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Mit dem heiligen Brendan treiben Iren keinen Scherz

Mit ihrem zweiten Nationalheiligen haben die Iren keine Scherze dieser Art getrieben. Auch er hat einen heiligen Berg, den Mount Brendan auf der Dingle Halbinsel. Von seinem Gipfel aus richtet sich der Blick des Pilgers in jene Weite des Meeres, auf die sich der Mönch und Seefahrer Brendan oder irisch Breandán (385–461) mit seinen zwölf Gefährten wagte. Die ersten Jünger waren Fischer. Durch Jesus hatten sie rasch gelernt, dass ihr Handwerk durchaus eine symbolische Bedeutung haben konnte. Missionare werfen ihre Netze aus, um Seelen aus den Abgründen des Lebens zu retten. Doch auch unter den Verstorbenen gibt es arme Seelen. Die Toten sind nicht tot. Sie leben in der Hölle, wie es das Glaubenskenntnis in aller Wahrheit und Wahrhaftigkeit bezeugt. Christus war hinabgestiegen in jene Hölle, die heute meist euphemistisch als „Reich des Todes“ umschrieben wird.

Brendan unternahm eine wahrhaft höllische Reise über den Atlantik. Seine Pilgerreise führte ihn an die Grenzen der Gnade. Einige behaupten, er habe als erster Seefahrer vor Leif Eriksson und Christoph Kolumbus Amerika entdeckt. Das mag sein, wäre aber für Brendan und seine Gefährten keiner Erwähnung wert gewesen. Sie wollten keine neuen Länder und Absatzmärkte für irische Schafswolle und Torf entdecken. Brendan und seine zwölf Jünger unternahmen eine Expedition in unerschlossene geistige Räume. Sie liegen jenseits der Geschichte. Welche Leistung dabei den einzelnen Jüngern zukam, ist nicht mehr zu ermitteln. Wenn die Legende von Brendan („Navigatio Sancti Brendani“) spricht, dann sind immer auch seine Gefährten gemeint. Ein Kapitän auf hoher See ist nichts ohne seine Mannschaft. Das gilt auch für das Schiff der Kirche.

„Es gibt eine Hölle, nicht nur auf Erden. Doch auch die Hölle hat ihre Kulturgeschichte.
Die Entdeckung des Fegefeuers war bereits eine Entschärfung ewiger Höllenstrafen.
Es gab Auswege, wenngleich nicht für jeden Sünder“

Auf der Reise entdeckt Brendans „Kirche auf dem Weg“ eine kleine felsige Insel, gerade so groß, dass eine Person darauf sitzen kann. Hier liegt ein Ausgang der Hölle. Der Mann, dem sie hier begegnen, leidet eine unsägliche Pein. Sein Leib ist schwarz von Pech und Harz, das ihn glühend umhüllt. Die Flammen haben ihm Löcher in den Körper gefressen. Vor den Augen hängt zur Linderung der Schmerzen ein kleines Tüchlein und vom Himmel fällt kühlender Hagel auf ihn. Brendan erkundigt sich nach dem Schicksal und der Herkunft des Gepeinigten und erfährt, der Gequälte komme direkt aus der Hölle. An jedem Samstagabend erhalte er bis Sonntagmittag einen halben Tag Höllenurlaub. Dann führten ihn die Teufel wieder zurück ins Inferno.

Brendan kann sich nicht vorstellen, dass ein noch größeres Leiden möglich sei, als es dem Mann bereits jetzt zugefügt wird. Da unten in der Hölle, erklärt der Mann, werfen ihn die Teufel in waberndes Pech. Da ist die Hitze so groß, dass ein stählerner Berg darin schmelzen würde. Der Heilige erkundigt sich nach dem Namen des Unseligen und dieser antwortet: „Ich bin der arme Judas.“ Brendan kann den Anblick nicht ertragen. Voller Mitleid fragt er Judas, ob ihm nicht geholfen werden könne. Immerhin sei es Lehre der Kirche, dass Christen und besonders die Heiligen durch ihre Fürbitten Gnade für die armen Seelen erwirken können. Er und seine Mönche seien bereit, mit allem Eifer für das Seelenheil des Gemarterten zu beten. Judas erwidert: „Alles Bitten für mich ist gar verloren, denn Gott will sich nimmermehr meiner erbarmen.“

Mitleiden mit dem Sünder

Ist das die Lehre der Kirche – damals wie heute? Brendan harrt die ganze Nacht  neben Judas und leidet mit ihm bis Sonntagmittag. Dann kommt die Stunde der Teufel. Judas schreit so jämmerlich, dass es einen Stein erbarmen könnte: „Oh weh, ach und weh, muss ich aber in die große, unsägliche Pein!“ Sein Fall scheint aussichtslos, an seinem Schicksal gibt es offensichtlich nichts zu ändern. Alle glauben das bis zu dieser Begegnung auf dem Atlantik, auch Judas selbst.

Doch sitzt er zu recht in der Hölle? Er hatte den Herrn verraten. Folgte er dabei seinem freien Willen? War nicht der Teufel in ihn gefahren? Und musste Christus nicht am Kreuz sterben, damit Tod und Teufel überwunden werden? War Judas also in gewissen Sinne ein Erfüllungsgehilfe des Erlösungswerkes?
Vielleicht dachten sich die Seefahrer in diese Abgründe. Wir wissen es nicht. Christus war am Karsamstag hinabgestiegen in die Vorhölle, um den vor seiner Menschwerdung gestorbenen Gerechten das Heil zu verkünden. Diese Höllenfahrt („Descensus ad inferos“) hatte Bewegung in die unbewegliche Vorstellung vom Leben der Toten gebracht.

Vertrauen in die Macht des Gebetes und auf Gottes Barmherzigkeit

Wer zu Brendans Zeit und noch später eine Reise unternahm, der führte Reliquien mit sich. Unter ihrem Beistand konnte sich der Pilger sicherer fühlen. Brendan läßt den ganzen Reliquienschatz an Deck holen zur Unterstützung des Gebetskampfes gegen die Teufel, den er und seine Mönche jetzt aufnehmen. Da brausen die Höllendiener in einem großen Feuergewitter heran, dass es scheint, als brennten Meer und Luft. Die Teufel umschweifen das Schiff, spucken Feuer, Rauch, Pech und Schwefel aus ihren Mäulern.

Ein Bruder will verzagen, doch Brendan lässt sich nicht von den Angriffen der Teufel irritieren, auch dann nicht, als sie brennende Schwefelstücke ins Meer fallenlassen. Er bittet Gott, dass er Judas noch eine weitere Nacht Höllenurlaub gewähre. Was niemand für möglich hielt, geschieht. Gott schenkt Judas sein Erbarmen. Die Teufel jaulen auf und drohen Judas, sie werden ihn am nächsten Tag desto stärker peinigen. Doch auch hier weicht Brendan nicht zurück und verbietet den Teufeln im Namen Gottes, die Pein bei der Rückkehr zur Hölle zu steigern. Die Hölle selbst hat ihre Gesetze. Sie ist kein rechtsfreier Raum.

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Reue im Angesicht des Todes

Warum hatte Brendan nicht gebeten, dass Gott dem Judas die Höllenqual gänzlich erspare? Da blieb etwas aufzuarbeiten. Deshalb geht Brendans Reise weiter durch die Zeit und ist noch nicht an ihr Ziel gekommen. Im späten 19. Jahrhundert ist es eine Liebesmystikerin, die tiefere Vorstöße in die Hölle wagt. Thérèse Martin (1873–1897) war von dem Glauben an die Macht der Gnade durchdrungen und hoffte, wie einst der irische Seefahrer, durch das Gebet die Sünder den ewigen Flammen entreißen zu können. Die vierzehnjährige Thérèse hört von einem grausamen Kriminalfall. Pranzini lautete der Name des Mannes, der in der Nacht vom 16. auf den 17. März 1887 einen dreifachen Mord begangen hatte. Am 13. Juli wird er zum Tode verurteilt, am 31. August soll er hingerichtet werden. In der Presse wird ausführlich über Pranzini berichtet. Dort ist auch zu lesen, dass er seine Taten nicht bereut und jeden geistlichen Beistand, jedes Zeichen der Buße ablehnt.

Nach katholischer Auffassung der Zeit war Pranzini damit Judas‘ Schicksal in der Hölle sicher. Anders denkt dagegen die Mystikerin der Gottesliebe. Im Gebet, so erinnert sie sich später, „sagte ich dem Lieben Gott, ich sei ganz sicher, dass er dem unglücklichen Pranzini verzeihen werde, dass ich dies sogar glauben würde, wenn dieser nicht beichtete und kein Zeichen der Reue gäbe, so großes Vertrauen hatte ich in die unendliche Barmherzigkeit Jesu“. Sie bitte Gott jedoch zu ihrem eigenen Trost um ein Zeichen der Reue.

Einsatz für die Verdammten

Thérèse will sicher gehen, dass sie sich nicht irrt, wenn sie auf die grenzenlose Liebe Christi setzt. Am Tag nach der Hinrichtung liest sie in der Zeitung, Pranzini habe ohne Absolution das Schafott bestiegen, dann „einer jähen Eingebung folgend“ sich umgewendet und das Kruzifix, das ihm der Priester hinhielt, dreimal geküßt. Tränen schießen Thérèse in die Augen, und die Begierde, weitere Seelen zu retten, glüht in ihr. In einem Moment höchster Liebe wird sie später einmal Christus bitten, er möge sie an den hintersten Ort der Hölle verbannen, damit auch dort in alle Ewigkeit sein Loblied gesungen werde. Das ist weit mehr, als Brendan und seine Jünger sich vorstellen konnten.

Es gibt eine Hölle, nicht nur auf Erden. Doch auch die Hölle hat ihre Kulturgeschichte. Die Entdeckung des Fegefeuers war bereits eine Entschärfung ewiger Höllenstrafen. Es gab Auswege, wenngleich nicht für jeden Sünder. Die Hölle ist eine überweltliche Wirklichkeit. Selbst der Engelpapst könnte unter Berufung auf das Dogma der Unfehlbarkeit ihre Abschaffung oder Aufhebung nicht verkünden. Über der Hölle gibt es den Himmel. Brendan und seine Gefährten hatten gezeigt, wie weit die Fürbitte der Heiligen reichen kann. Niemand weiß, ob die Hölle eines Tages freigebetet sein wird.

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