Feuilleton

Das Netz des Guten

Am 27. März 2016 verstarb Mutter Angelica, Gründerin von EWTN. Von Josef Bordat
Mutter Angelica,  Gründerin des Eternal Word Television Network
Foto: IN | Mutter Angelica ist die Gründerin des Eternal Word Television Network.

Als Mutter Angelica, Schwester des Ordens der Klarissen von der Ewigen Anbetung, vor zwei Jahren starb, hinterließ sie nicht weniger als das größte religiöse Medienunternehmen der Welt, das bis zu eine Milliarde Menschen erreicht. Das Eternal Word Television Network (EWTN) wurde 1976 von ihr gegründet. Wie die Pioniere der Computerbranche beginnt die Karriere des EWTN in der Garage. Und zwar in der des Klosters Our Lady of Angels (Unsere Liebe Frau von den Engeln) in Irondale im US-Bundesstaat Alabama, das Angelica Rizzo, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, 1962 selbst gegründet hatte. Dort beginnt sie, Fernsehsendungen zu produzieren und auszustrahlen.

Mit den Software-Nerds ihrer Zeit teilt Mutter Angelica die riskante Startbedingung: keine Erfahrung auf dem Gebiet und sehr begrenzte finanzielle Mittel: Sie besaß zu dieser Zeit 200 Dollar und hatte lediglich eine Highschool-Ausbildung absolviert. Einen Unterschied zu den Steve Jobs' und Bill Gates' der späten 1970er Jahre gibt es aber doch: Als Mutter Angelica EWTN gründet, war sie bereits 58 Jahre alt und blickte auf eine über dreißigjährige Ordenszeit zurück. Auch diese begann sehr ungewöhnlich: 1941 erkrankte Angelica Rizzo an einem Magenleiden. Eine Röntgenaufnahme bestätigte, dass etwas in den Inneren Organen nicht stimmte. Doch die Ärzte konnten ihr nicht helfen, Medikamente und Therapien blieben ergebnislos. Die Heilung gleicht einem Wunder: Nach einer Novene zur Heiligen Therese von Lisieux, die eine zum katholischen Glauben konvertierte Frau für sie betet, wird die damals 20-Jährige gesund.

Diese Erfahrung vertiefte ihren Glauben so sehr, dass sie am 15. August 1944 in das Kloster der Armen Klarissen der Ewigen Anbetung in Cleveland (Ohio) eintritt. Ihre Mutter war dagegen, dass ihr einziges Kind einen religiösen Lebensweg wählt – doch Angelica verspürte eine so starke Berufung, dass sie sich entschied, trotzdem ins Kloster zu gehen. Um den Widerstand der Mutter zu vermeiden, verließ sie heimlich ihr Haus und schrieb ihrer Mutter: „Wenn Du diesen Brief liest, werde ich in Cleveland sein. Ich bin in das Kloster der Anbetung eingetreten.“ Ein Jahr darauf erhielt sie den Ordensnamen Mary Angelica of the Annunciation (Maria Angelika von der Verkündigung).

Auch im Kloster erfährt Angelica einen richtungsweisenden Einschnitt: Als sie etwa 30 Jahre alt ist und bereits die ewigen Gelübde abgelegt hatte, putzt sie mit einem elektrischen Schrubber den Fußboden. Dabei rutscht sie auf dem seifigen Untergrund aus und wird hart gegen eine Wand geschleudert. Sie verletzt sich schwer am Rücken. In den folgenden Monaten verschlechtert sich ihr Zustand, und die Schmerzen werden unerträglich. Eine Operation ist nicht mehr zu vermeiden. In der Nacht vor dem Eingriff betet sie, aus Angst nicht mehr laufen zu können oder gar zu sterben: „Gott! Du hast mich nicht so weit gebracht, dass ich nun den Rest meines Lebens auf dem Rücken verbringen muss. Bitte, Jesus, mein Herr, wenn Du mir erlaubst, wieder gehen zu können, werde ich zu Deiner Ehre ein Kloster bauen. Und ich werde es im Süden bauen!“ Die Operation gelang und nach vier Monaten konnte Mutter Angelica auf eigenen Beinen das Krankenhaus verlassen. Und gründet in Alabama jenes Kloster, in dem EWTN seinen Anfang nahm.

Inmitten des protestantisch geprägten „Bible Belt“ Alabamas wird EWTN rasch zur Stimme der nordamerikanischen Katholiken. 1984 startete bei EWTN ihre Sendereihe „Mother Angelica Live“, in der sich die Zuschauer mit Fragen direkt an die Ordensschwester wenden konnten. Die größten Fans von Mutter Angelica fanden sich unter konservativen Katholiken und Traditionalisten, die an ihr schätzten, dass sie sich nicht dem Zeitgeist beugte. Doch mit ihrem Humor und der Fähigkeit, in leicht verständlicher Sprache den Glauben zu vermitteln, gelang es ihr, auch viele Menschen außerhalb der Kirche anzusprechen. EWTN wächst und gedeiht. Zu dem Medienunternehmen gehören inzwischen mehrere Radio-Plattformen, Online- und andere digitale Mediendienste sowie weltweit tätige Nachrichtenagenturen und ein Verlag. Von EWTN wird seit 2011 auch das Blatt „The National Catholic Register“ herausgegeben, die älteste landesweite katholische Zeitung der Vereinigten Staaten, die alle zwei Wochen erscheint.

Wer so erfolgreich und folgenreich wirkt, wird in der Katholischen Kirche geschätzt und geehrt, auch als Frau. Im Jahre 2009 erhielt sie in Anerkennung ihres treuen, außerordentlichen Dienstes von Papst Benedikt XVI. den Orden Pro Ecclesia et Pontifice verliehen. Doch auch außerhalb der Kirche wird ihre Arbeit respektiert. Die US-amerikanische „National Cable & Telecommunications Association“ (NCTA) hat Mutter Angelica bei ihrer Jahresversammlung 2003 in Chicago in die Reihe der „Pioniere des Kabelfernsehens“ aufgenommen. Es ist wohl so, wie Raymond Arroyo es 2009 im Titel seiner Biographie auf den Punkt brachte: Mutter Angelica – Eine Nonne schreibt Fernsehgeschichte. Und diese geht weiter: 24 Stunden lang, an sieben Tagen in der Woche.

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