Das Judentum studieren

Für ein differenziertes Bild auf das Heilige Land: Studienleiterin Melanie Mordhorst-Mayer zu 40 Jahre "Studium in Israel". Von Andrea Krogmann
Pessach-Fest in Jerusalem
Foto: KNA | Deutsche Theologen können in Israel die Schriftauslegung studieren – unser Bild zeigt jüdische Frauen an der Klagemauer vor einer Thorarolle.

Als das „Studium in Israel“ in den 1970er Jahren geboren wurde, war das deutsch-israelische Verhältnis geprägt von einem behutsamen Herantasten aneinander unter der Last der deutschen Geschichte. In der Zwischenzeit ist der Austausch weit fortgeschritten, auch dank eines „Dialogs auf Augenhöhe“, der das Vertrauen wachsen ließ, sagt Melanie Mordhorst-Mayer der „Tagespost“. In der 2. Intifada (2001–2002) hat die deutsche evangelisch-lutherische Pfarrerin an dem ökumenischen Studienprogramm in Jerusalem teilgenommen, seit 2016 ist sie dessen vierte Studienleiterin. Ende Mai feiert „Studium in Israel“ mit einer internationalen Jubiläumskonferenz zum „Rabbinische Literatur“ an der Hebräischen Universität (HU) in Jerusalem sein 40-jähriges Bestehen.

Frau Mordhorst-Mayer, „Studium in Israel“, was heißt das?

Deutschsprachige christliche Theologiestudierende aus Europa kommen für zwölf Monate nach Jerusalem, um im Masterprogramm auf Hebräisch an der HU jüdische Theologie und Schriftauslegung zu studieren. Das Programm ist ökumenisch ausgerichtet. Allerdings sind die Sprachkenntnisse bei Katholiken oft eine Barriere: denn neben Althebräisch wird auch Neuhebräisch vorausgesetzt. Das als „Grassrootsprojekt“ Ende der 1970er Jahre – als auch Christen und Juden in Deutschland langsam wieder den Kontakt aufnahmen – entstandene Programm wird seit 2002 von den Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) gefördert und ist seit 2007 Teil von „Evangelisch in Jerusalem“. Verpflichtend vorgegeben sind neben dem Ausbau der Ivritkenntnisse Studien des Talmuds als Grundlage des rabbinischen Judentums, das Studium des Midrasch, also der jüdischen Auslegung der heiligen Schrift sowie eine Einführung in die rabbinische Literatur. Dazu kommen von uns verpflichtend angebotene, begleitende Blockseminare, Exkursionen und Vortragsreihen zu verschiedenen Themen aus Politik und Gesellschaft.

Welchen Zweck verfolgen Sie damit?

Ein großer Gewinn ist, mitzubekommen, dass das Judentum eine vielfältig gelebte Religion ist. Diese Vielfalt ist so in Deutschland nicht erfahrbar. Hier in Jerusalem ist es im Alltag präsent und in seinen vielen Strömungen erlebbar und greifbar. Darüber hinaus als christliche Theologinnen und Theologen auch wissenschaftlich in jüdische Schriftauslegung einzutauchen, ist sowohl für den christlich-jüdischen Dialog als auch für das eigene christliche Selbstverständnis und die Theologie eine große Bereicherung.

Warum „brauchen“ angehende Theologen dieses Verständnis des Judentums?

Wir haben einen Teil unserer heiligen Schriften gemeinsam: Was wir Altes Testament nennen, ist im Judentum der Tanach. Daher ist es wichtig zu sehen, dass es verschiedene Formen der Auslegung derselben Texte gibt, und dass im Judentum Auslegungen gefunden werden, die anders sind als christliche und die alle für sich in ihren Pluralitäten legitim sind; und dass das über Jahrhunderte gewachsen ist. Oder dass sich das Christentum aus dem Judentum entwickelt und an ihm geschärft hat, ebenso wie das Judentum sich auch in Abgrenzung zum Christentum weiterentwickelt hat. Heute sind es zwei gelebte Religionen, die neben- und immer wieder miteinander leben, die Gesellschaft prägen und zum Ziel haben, das Gute für die Welt zu tun. Wir sehen, dass es verschiedene Ansätze gibt und beide ihre Berechtigung haben. Wir dürfen das Judentum nicht vereinnahmen und Juden nicht die christliche Auslegung aufdrücken. Um den teilweise noch immer herrschenden verzerrten Sichtweisen entgegenzuwirken, ist es wichtig, die jüdische Schriftauslegung und das gelebte Judentum wahrzunehmen. Die Studierenden tragen diese richtigere, an der Wirklichkeit geprüfte Sicht der verschiedenen Ausprägungen des Judentums zurück in ihre Heimat, in die Theologie, in die Schulen und Gemeinden. Damit tragen sie zu einem authentischeren Bild des Judentums in Deutschland bei.

Deutsche Studierende nach Israel zu schicken, war in den 1970er Jahren eine Art Pionierarbeit. Wie hat sich das deutsch-israelische Verhältnis seither gewandelt?

Die ersten Jahre waren ein vorsichtiges Herantasten mit einer besonderen Sensibilität. Die Pioniere kamen bewusst mit dem Ziel, neu anzuknüpfen, sich von der deutschen Geschichte zu distanzieren und nahmen dankbar jede mögliche Begegnung wahr. In der Folgezeit wuchsen die Kontakte, aber auch das Bewusstsein für einen Dialog auf Augenhöhe, bei dem es um Respekt ging und bei dem ausdrücklich keine Mission betrieben wurde. Dadurch konnte das Vertrauen wachsen. Heute bringen viele der deutschen Studierenden noch diese Sensibilität mit, während hier in Israel eine größere Unbefangenheit herrscht. Viele Israelis waren mittlerweile in Deutschland, der Austausch ist weit vorangeschritten.

Jerusalem ist nicht nur Juden und Christen heilig, auch der Islam ist in der Stadt präsent...

... und auch wir haben ihn von Anfang an mit im Blick, etwa in einem Blockseminar und Vorlesungen, aber auch in Exkursionen etwa in die muslimische Altstadt und auf den Haram al-Scharif. Aber das Programm ist aus dem christlich-jüdischen Dialog erwachsen, das ist unser Schwerpunkt, ebenso wie Hebräisch als Sprache klare Priorität hat.

Ein anderer Aspekt, dem man sich hier nicht entziehen kann, ist der israelisch-palästinensische Konflikt. Was bedeutet dieser für Ihr Programm?

Der Konflikt ist schon bei der Auswahl der Studierenden ein Thema. Politische Positionen in dem Konflikt sind aber kein Ausschlusskriterium für Bewerber, anders etwa als der geäußerte Wunsch nach Judenmission. Mit unserem Begleitprogramm versuchen wir, die verschiedenen Lebensrealitäten mit einer größtmöglichen Dichte an Originalstimmen wahrzunehmen. Unser Ziel ist es, das Schwarz-Weiß-Denken aufzubrechen. Viele Studierende kommen mit Vorurteilen und merken, dass das Land viel komplizierter ist. Wenn sie am Ende mit mehr Fragen als Antworten nach Hause gehen, hatten wir Erfolg.

Wohin geht die Reise des „Studium in Israel“ in Zukunft?

Seit 40 Jahren sind wir auf Wanderschaft – unter anderem haben wir nie eigene Räume gehabt, sondern nach 25 Jahren in gemieteten Räumen des Ratisbonne-Instituts der Salesianer alle paar Jahre den Standort gewechselt. Unser Ziel ist es, auch räumlich anzukommen und langfristig ein Studienzentrum zu schaffen, das den Namen verdient. Derzeit haben wir ein Haus in Westjerusalem in Aussicht. Da wir ein gemeinnütziger Verein ohne eigenes Kapital sind, wird dies ein großes Fundraising-Projekt. Auch die Re-Finanzierung der Studiengebühren – 10 000 Euro kostet allein die HU pro Studierendem und Jahr – erfolgt jedes Jahr über die Landeskirchen und wird nicht einfacher. Da auch die Lebenshaltungskosten in Jerusalem sehr hoch sind, ist ein weiteres Ziel, Lebenshaltungsstipendien anzubieten, damit auch in Zukunft junge Theologiestudierende für ein Jahr in Jerusalem leben und studieren können.

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