Das Geschäft mit der ökologischen Panikmache

Umweltschutz wird mehr und mehr zur Ideologie der Zukunft. Hinter manchen Phrasen vom Weltuntergang lauern aber nicht nur hehre Ziele, sondern auch handfeste politische und ökonomische Interessen. Denn: Weltuntergangsängste sind ein prima Geschäft. Bekommt die Ökologie vielleicht deshalb immer stärker religiöse Züge? Ist der Pantheismus gar die Religion der Zukunft? Von Oskar M. Jakobsen

Brasilianische Regenwald ist bedroht
Foto: IN | Der brasilianische Regenwald ist bedroht: Seine Schönheit ist ein beeindruckendes Zeichen der Schöpferkraft Gottes. Viele Umwelt-Aktivisten verdrängen dies.

Sie tanzen um ein lichterloh brennendes Feuer, lodernde Fackeln in der Hand. Die Mittsommernacht ist warm, über dem Waldhain steht die Sichel des Neumonds. Die Gesänge der Tanzenden durchdringen die Stille. Sie tanzen schneller, springen johlend durch die Flammen und lassen ein Feuerrad über Felder und Wiesen rollen. Hokuspokus? Vielleicht. Auf jeden Fall ein alter katholischer Volksbrauch, begangen am 24.6., dem längsten Tag des Jahres, dem Johannistag. Später wurde dieser Tag von verschiedenen Gruppierungen ideologisch besetzt. Wie von den Wandervögeln, einer Jugendorganisation auf Basis neuheidnischer Philosophien, die sich in solch unterschiedlichen Richtungen wie Reformpädagogik und Freikörperkultur austobte. Die Nationalsozialisten hingegen missbrauchten die Sonnenwendfeier im Rückgriff auf germanische Kulte. Auch die Kommunisten verklärten das Naturerleben – als Antwort auf die Industrialisierung. „Zurück zur Natur“, so das Motto, galt in der industrialisierten Welt für alt und jung gleichermaßen, dem Bildungsphilister ersetzte der sonntägliche Spaziergang den Besuch der Heiligen Messe: „Mag frei Natur im Herzen wieder glühen“ (Goethe).

Heute begehen esoterische Kreise das Mittsommernachtsfest als „Fest des zyklischen Lebens zwischen Tod und Wiedergeburt“. Sie suchen in verklärt mystischem Erleben Ruhe und Frieden. Der Hunger der Seelen nach Spiritualität ist groß in unserer Zeit. Doch das Neuheidentum ist durchdrungen von verschiedenen Strömungen, denen nur eins gemein ist, die Vergottung von Natur und Materie. Aber Gott zu extrapolieren und wie einen Schleier über das Wesenhafte der Natur zu legen, heißt, ihn seiner Offenbarung zu berauben. Nichts anderes geschieht im großen Stil, seit die pan- und a-theistischen Weltanschauungen Legion wurden. Der Pantheismus, Extrakt der Aufklärung, behauptet, „es gebe kein von der Materie und diesem Weltgebäude unterschiedenes göttliches Wesen, und die Natur selbst, das ist die Gesamtheit der Dinge, sei der einzige und höchste Gott“ (Toland, Adeisidaemon). Man darf die im Pantheismus anklingende Christusferne nicht verharmlosen: Pan, der bocksfüßige Hirtengott, steht für animalische Triebbefriedigung, ekstatische Verzückung – und für die Pan-ik, die er erzeugt, wenn es ihm beliebt, die „ruhende Herde auseinanderzutreiben“, wie die Legende mitteilt. Diese Christusferne durchzieht alle neuheidnisch-materialistischen Strömungen und verdunkelt den Horizont durch das „schwarze Licht“ des Saturn, das einige esoterische Verbände entfalten, wie Elena Petrowna Blavatskys Theosophen, die Thule Gesellschaft oder die sich in deren Dunstkreis bewegende SS Heinrich Himmlers. Die Gefahr, dass Naturglaube zu einer „Blut und Boden“-Ideologie degeneriert, mit menschenverachtendem Handeln, ist so gering nicht. Wicca-Kult und Blut-und-Boden-Theorie sind eineiige Zwillinge. Wohlgemerkt, wir sprechen hier von fehlgeleitetem Naturverständnis mit nihilistischen Elementen, nicht vom gutmeinenden Engagement besorgter Ökologen.

 

An dessen soziales Gewissen appelliert der Philosoph Hans Jonas, der im Februar 1993, also genau vor 20 Jahren, in New York starb. In seinem Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ entwirft er ein Konzept einer Zukunftsethik. Sein Leitsatz ist angelehnt ist an Kants „Kategorischen Imperativ“. Jonas' „Ökologischer Imperativ“ lautet: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“. Es ist interessant zu beobachten, dass Jonas ihn 1979 formuliert, zu der Zeit, als sich weltweit die „grüne Bewegung“ formierte und zeitgleich die vom damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter in Auftrag gegebene Umweltstudie „Global 2000“ erschien. Deren Schlussfolgerung entspricht den „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome von 1972, der damit einer neuen politischen Ideologie Raum bot.

Im Erschrecken vor künftigen Gefahren, die Menschen und Umwelt bedrohen, entwickelte sich mehr und mehr ein Verständnis dafür, was es zu schützen gilt. Doch hier lauert Gefahr. Erscheinen manche Endzeitszenarien nicht als Synonym für menschliche Allmachtsfantasien? Die vom Heiligen Bonifatius gefällte Donar-Eiche, ersteht sie wieder, im Baumbestand des von westlichen Intellektuellen vergotteten Regenwaldes? „Die Fieberkurve unseres Planeten steigt in alarmierendem Tempo. Schon in wenigen Jahren könnte es zu spät sein für wirksame Gegenmaßnahmen. Dann ist die globale Erwärmung unumkehrbar. Ausläufer der katastrophalen Folgen spüren wir schon jetzt.“ Meldungen wie diese verfehlen ihre Wirkung nicht. Erwarten wir Wohlstandskonsumenten nicht, geradezu pan-isch, ein ökologisches Desaster, wie den Überschlag auf einer Achterbahn? Pan-ikmache gehört zum Geschäft. Längst sind die ökologischen Global-Player, wie Greenpeace oder Attac, Meinungsführer in der Medienschlacht um den Naturschutz und präsentieren ihre Weltrettungspläne mit der moralischen Umwelt-Keule. Viel wirksamer als die roten Fahnenheere der Kommunisten ist eine in den Medien geschickt platzierte Wal-Rettungsaktion.

Laut Umfrage befürchten 70 Prozent aller Deutschen eine heraufziehende Klimakatastrophe. Schon in der Schule bekommen Kinder Endzeitstimmung eingeimpft. Ab 2020 sollen die Industriestaaten jährlich an die Entwicklungsländer 100 Milliarden US-Dollar zahlen, zur Wiedergutmachung angeblicher Klimaschäden. Wozu diese riesige Kapitalverteilung? Sollen neue Finanzmärkte erschlossen und Menschen nach den Richtlinien eines pantheistisch-materialistisch geprägten Weltbildes indoktriniert werden? Denn entgegen der UN-Horrorprognosen stagniert die Erderwärmung seit über zehn Jahren. Wer die Faktenlage analysiert, stellt fest, dass weniger als die Hälfte der bisherigen Erwärmung der technischen Entwicklungen der letzten beiden Jahrhunderte geschuldet ist. Selbst bei steigenden CO2-Emissionen würde die Erwärmung in diesem Jahrhundert 2° Celsius kaum überschreiten. Zudem ist laut wissenschaftlicher Forschung die Sonne für die Temperaturschwankungen auf unserem Planeten ebenso verantwortlich wie CO2. Doch die UN-Klimaexperten ignorieren in ihren Klimarechnungen die Sonnenaktivität beharrlich. Weil solche Erkenntnisse nicht ins Konzept der von Menschen verursachten Klimakatastrophe passen. Hieß es doch schon 1998 in einem Bericht des Weltklimarates (IPCC): „Um Aufmerksamkeit zu erregen, brauchen wir dramatische Statements und keine Zweifel am Gesagten. Jeder von uns Forschern muss entscheiden, wie weit er eher ehrlich oder eher effektiv sein will“. Vielleicht geht es manchem weniger um die Säuberung der Umwelt, als vielmehr um die Durchsetzung eines ökologisch-humanistischen Superstaates? Das ist kein Heilsweg.

 

Menschliches Ermessen muss immer zu kurz greifen, weil es Unheilsprognosen ein größeres Gewicht verleiht als Heilserwartungen. Eigentlich muss man das Rad auch gar nicht mehr neu erfinden. Es rollt längst. Seit 2000 Jahren. Christus hat es durch seine Menschwerdung ins Rollen gebracht. Wer die Schöpfung als göttliches Geschenk versteht, begreift auch den Wert des Menschen. Papst Benedikt XVI. weist unter anderem in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ darauf hin. Darin unterstreicht er die Bedeutung einer ganzheitlichen Beziehung des Menschen zu Umwelt und Natur. Im Gegensatz zu diesseitszentrierten weltlichen Philosophen, die allein auf die Macht des Menschen setzen, um Lösungswege zu finden, stellt der Heilige Vater fest, dass der Mensch, als Bewahrer der Schöpfung, nicht selbst zum Gott wird, sondern zum verantwortlichen Sachwalter. Diese Definition greift weit über das rein Irdische hinaus, denn Natur als Gabe Gottes, ist Teil Schöpfung, daraus erwächst eine Verantwortung gegenüber der ganzen Menschheitsfamilie, und, über den Tag hinaus, für zukünftige Generationen. Diese Definition ist seit jeher Grundlage christlichen Denkens. Johannes Paul II. widmete seine 1990er „Botschaft zum Weltfriedenstag“ dem Thema: „Friede mit Gott, dem Schöpfer, Friede mit der ganzen Schöpfung“. Damit richtete er das Augenmerk auf unsere Verantwortung als Geschöpfe Gottes und beklagte, dass „der Weltfriede (...) auch durch den Mangel an der gebührenden Achtung gegenüber der Natur (...) bedroht ist“. Im Hinblick auf das Umweltbewusstsein forderte er, dass es „nicht geschwächt werden darf, sondern vielmehr gefördert werden muss, so dass es sich entwickelt und reift und in Programmen und konkreten Initiativen einen angemessenen Ausdruck findet“. Knapp zwanzig Jahre früher, 1971, also noch ein Jahr, bevor der Club of Rome seinen aufrüttelnden Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte, wies Papst Paul VI. darauf hin, dass die Menschen „die Natur so unbedacht ausgeschlachtet haben, dass Gefahr besteht, sie zu zerstören, und dass der in solchem Missbrauch liegende Schaden wieder auf sie selbst zurückfällt“. Er fügte noch eine weitere Warnung hinzu: „Der Mensch hat auch die menschliche Gesellschaft selbst nicht mehr im Griff, so dass er für seine Zukunft Lebensbedingungen herbeiführen kann, die für ihn ganz und gar unerträglich sind. Es handelt sich um die Soziale Frage, die so weite Dimensionen hat, dass sie die gesamte Menschheitsfamilie erfasst.“

Die Gegner des Christentums, die in der alttestamentlichen Trennung von Gott und Welt eine Entheiligung der Natur sehen, und mit falschem Zungenschlag gleichfalls auch die christliche Theologie als Ursache der heutigen Umweltkrise betrachten, verfolgen nicht selten als Ziel die Zerstörung des Christentums. Stattdessen propagieren sie asiatische Einheitslehren (Buddhismus, Hinduismus, Taoismus) oder die Naturreligionen, insbesondere der nordamerikanischen Indianer. Mit böswilliger Ignoranz berücksichtigen sie nicht, dass der berühmte Satz aus der Genesis: „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen“, nicht bedeutet, die Natur zu zerstören, sondern im Gegenteil, sie im Sinne des Schöpfers zu hegen und pflegen. In der ganzen christlichen Tradition finden sich durchgehend Ansätze zu einer „Theologie der Natur“, von Augustinus über Johannes Scotus Eriugena, Hildegard von Bingen, Franz von Assisi bis hin zu Henry Newman. Doch nicht nur deshalb ist die Unterstellung christlicher Naturfeindlichkeit völlig absurd, die Umweltzerstörungen in pantheistisch und von Naturreligiosität geprägten Kulturen wie in Japan, China oder Indien beweisen, dass die Umweltkrise nicht auf ein bestimmtes religiöses Wirklichkeitsverständnis zurückzuführen ist, sondern Ergebnis einer menschen- und naturfeindlichen materialistischen Politik ist.

In seiner beeindruckenden Rede vor dem Deutschen Bundestag betonte Papst Benedikt XVI. nachdrücklich die Achtung vor der Schöpfung und den Schutz der Lebensgrundlagen der Menschen: „Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.“

Es stimmt, die Bewältigung der Umweltkrise erfordert einen Bewusstseinswandel und damit die Wiederbelebung christlicher Grundhaltungen wie Einsicht, Weisheit, Gottesfurcht, kurz, die Gaben des Heiligen Geistes. „Veni, Creator Spiritus, mentes tuorum visita“. In dieser Ausprägung denkt auch Robert Spaemann, wenn er formuliert, nur ein „wie immer begründetes religiöses Verhältnis zur Natur“ kann langfristig eine menschenwürdige Existenz des Menschen sichern. Nach dem sichtbaren Scheitern der säkularen Ersatzreligionen und nachdem sich die utopischen Verheißungen von Wissenschaft und Technik als fauler Zauber entpuppten, werden wir mehr und mehr verstehen, dass nur im überwunden geglaubten Christentum Orientierung und Sinngebung für eine wirklich humane, ökologische und soziale Welt liegt.

Die Kirche hat hier eine große Aufgabe. In einer globalisierten Gesellschaft müssen wir das Gemeinwohl der gesamten Menschheitsfamilie im Auge haben – von Adam bis zum Ende der Welt (Augustinus), aber auch das Diesseits und das Reich Gottes, Himmel und Erde. Eine zu große Verantwortung? Keineswegs, wir brauchen nur buchstäblich „katholisch“ zu sein, das heißt, „das Ganze betreffend“, „allgemein“, um die „Stadt des Menschen“ zur einer grenzenlosen Stadt Gottes zu machen.

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