Das fragmentierte „Ich“

Postmoderne Bastel-Identitäten bestimmen die Lebensläufe vieler Menschen. Neben zahllosen realen Welten tun sich immer mehr virtuelle auf. Biographische Zerrissenheit ist auch zentralen Gestalten des Glaubens nicht fremd, sie finden jedoch einen tragfähigen Anker. Von Felix Dirsch
Wer bin ich, wer war ich, wer könnte ich sein?
Foto: dpa | Wer bin ich, wer war ich, wer könnte ich sein? Immer wieder beschäftigt Künstler und Denker die Frage der Identität.

Der Begriff „Identität“ zählt zu den Zauberwörtern im interdisziplinären Diskurs unserer Zeit. Aus der Zahl der Definitionen ist vielleicht folgende am meisten konsensfähig: „Identität ist objektiv die Unverwechselbarkeit der Persönlichkeit, also das, wodurch sich ein Mensch vom anderen unterscheidet, und subjektiv das Gefühl, wer man ist.“ Gerade aus dem Bereich der Psychologie und der Soziologie kamen in den letzten Jahrzehnten bahnbrechende Werke auf den Markt, etwa Erik Eriksons Studie „Identität und Lebenszyklus“, die den „Zuwachs an Persönlichkeitsreife“ am Ende der Adoleszenz in den Blick nimmt und im Hinblick auf das Erwachsenenleben untersucht. Der Gesellschaftstheoretiker Erwin Goffmann hat Erikson weitergeführt. Ein erfolgreiches Sachbuch des letzten Jahrzehnts, vom promovierten Philosophen Richard D. Precht verfasst, trägt den Titel „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“.

Wer über das Phänomen der überlappenden Vielfalt an Identitäten nachdenkt, tut das nicht selten im Zusammenhang mit dem Schlagwort „Postmoderne“. Zu dessen Hintergründen zählt der Niedergang des neuzeitlichen Subjekts, dessen „Tod“ einer der Vordenker der Postmoderne, Michel Foucault, vor Jahrzehnten wirkmächtig verkündet hat. Schon im 19. wie im frühen 20. Jahrhundert war das Subjekt in weitreichender Weise entlarvt worden – und das von einer illustren Autorenreihe von Marx bis Freud. Die ökologische Krise und der Feminismus gaben dem maskulinen neuzeitlichen Persönlichkeitskult den Rest.

Die Pluralisierung der Lebenswelten ist einer der wesentlichen Zugänge zu den Phänomenen der Postmoderne. Bereits seit längerer Zeit erodieren die Milieubindungen, jeder steht vor unzähligen Wahlmöglichkeiten. Die Philosophen Paul Feyerabend und Jean-Francois Lyotard näherten sich der postmodernen Richtung über die Kritik der sogenannten „großen Erzählungen“. Diese haben demnach Eindeutigkeiten und Ganzheiten festgelegt, die es bei genauem Hinschauen gar nicht gibt. Lyotard belegt das am Beispiel der Genese des digitalen Wissens. Die großen Erzählungen können totalitäre Ideologien wie Kommunismus und Nationalsozialismus, aber auch das Aufklärungsdenken mit seinem Insistieren auf der omnipräsenten Gültigkeit der Rationalität beinhalten.

Feyerabend empfand eine solche Fixierung als „Methodenzwang“. Er postulierte im Gegensatz dazu die Vielfalt von Zugängen zu Wissenschaft, Kunst, Philosophie und Gesellschaft. Seine Schrift „Wider den Methodenzwang“ machte das Motto „Anything goes“ weithin bekannt. Zur Signatur der Postmoderne gehören Eklektizismus, Beliebigkeit und Individualisierung. Auch der Faktor Globalisierung kann nicht außer Acht bleiben. Die grundlegenden Debatten über die Postmoderne fanden zwar schon vor Jahrzehnten statt, doch ein allgemein akzeptiertes Nachfolgeparadigma ist noch nicht gefunden.

Die Gleichwertigkeit und Vielfältigkeit der Lebensformen werden in gegenwärtigen Diskussionen immer wieder herausgestellt – meist ohne Bezug auf das Gemeinwohl. Unterschiedliche Lebenswelten, von den rasant wechselnden Jugendkulturen an, schaffen eine Fülle von Identitäten. Ein zentraler Bereich dabei ist jener der virtuellen Welten. Viele Zeitgenossen kreieren sich eigene Existenzen auf „Facebook“, „Instagram“, „Twitter“ und anderen Plattformen. Öfters stellt sich die Frage, welche Identität besteht zwischen dem „realen“ Dasein und dem des „users“ im Netz. Die Frage ist ebenso schwer zu beantworten wie die der genauen Übereinstimmung zwischen einem Menschen zu Lebzeiten und seinem Leichnam. Beides ist nicht im strengen Sinn identisch. Multiple Identitäten spielten auch in der christlichen Geistesgeschichte von Anfang an eine nicht unbedeutende Rolle. Der Briefeschreiber Paulus galt manchem Theologen nicht nur als einer der Apostel. Häufig wurde er sogar zum eigentlichen Begründer des Christentums stilisiert. In genialer Weise interpretierte er die universale Wirkung von Tod und Auferstehung Jesu – in diametralem Unterschied zur Jerusalemer Urgemeinde. Paulus als Heidenmissionar, stets in feindlicher Umgebung, wirkt wie ein Zeitgenosse. Nichts dokumentiert das mehr als die Paulus-Schrift des französischen Gegenwartsphilosophen und Atheisten Alain Badiou, der Heideggers Denken im Licht des abgefallenen jüdischen Gesetzeslehrers deutet.

Die Frage „Wer bin ich?“ stellte sich dem Zeltmacher aus Tarsus mit Dringlichkeit. Nach seinem Damaskus-Erlebnis sprach man Paulus immer wieder auf sein früheres Leben an. Dass der Jäger zum Gejagten mutierte, irritierte in jedem Zeitalter. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat sein Leben nachhaltig verändert, und doch blieb er in vielerlei Hinsicht der Alte. Der zelotische Eifer überdauerte die einzelnen Phasen seines Daseins. Gleiches trifft auf seine hyperaktivistische Lebensweise zu. Die Verve, mit der er die junge Gemeinde verfolgte, behielt er bei, als er in der Post-Damaskus-Zeit Christus als den Gekreuzigten pries. Paulus ist der Mann einer Übergangsperiode. Er ahnte die Notwendigkeit des Bekenntnisses als äußeres Zeichen seiner Identitätssuche. Gerade der Rastlose, der Tausende von Kilometern zurücklegte, fand in den Unruhezeiten, in denen er lebte, ein Kriterium, das er an die Nachwelt weitergegeben hat: den Glauben, der die Gläubigen zu „Söhne Gottes in Christus Jesus“ macht (Gal 3, 26). Das feste Merkmal der Einheit mit Christus verbindet jene, die ansonsten denkbar verschieden sind: „Da gibt es nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, da gibt es nicht Mann und Frau“ (Gal 3, 28). Von den Gegenwartstheologen hat besonders Eugen Biser – beispielsweise in seiner Abhandlung „Der Zeuge“ – herausgestellt, inwiefern der Völkerapostel „in seiner Existenzerfahrung etwas von der Identitätskrise des heutigen Menschen vorweggenommen habe“.

Noch nach fast zwei Jahrtausenden steht die Redewendung vom „Saulus zum Paulus“ für eine vollständige Neuausrichtung des Lebenslaufes. Nicht ganz so drastisch verläuft die Konversion bei Augustinus. Sein Ja zu Christus ist nicht zu trennen von der Erziehung durch seine später gleichfalls heiliggesprochene Mutter Monika.

Bei kaum einem der großen Vertreter des christlichen Glaubens sind die pluralistischen Momente in seinem Leben so sichtbar wie bei Augustinus, der singulären Übergangsgestalt von der Antike zum frühen Mittelalter. Keiner erlebte so sehr die Postmoderne avant la lettre wie dieser umtriebige Wahrheitssucher. Durchgangsstationen seiner fragilen Existenz waren die Lehren der Skeptiker, der Manichäer, der Neuplatoniker, Endstation schließlich die christliche Orthodoxie. Eine singende Kinderstimme umrahmte die berühmte Episode. Sie forderte ihn auf, die aufgeschlagene Bibelstelle, das Wort des Paulus, zur Kenntnis zu nehmen: „Nimm und lies, nimm und lies.“ Das Licht der Gewissheit durchstrahlte Augustinus.

Paulus trat durch die Einheit mit Christus dem Relativismus seiner Zeit entgegen, während Augustinus einen festen Anker in der Ära des Niedergangs der jahrhundertealten Ordnungsmacht suchte. Der einstige Rhetorikprofessor fand seine Stütze in Gott: „… denn du hast uns zu dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ Die Untersuchung seines Selbsts, die ihn so akribisch vorgehen lässt wie moderne Psychologen, hat wesentliche Gründe in dem inhärenten Reifungsprozess. Nicht zufällig stellen die „Confessiones“ einen Meilenstein auf dem Weg zur modernen Autobiographie dar.

Im 20. Jahrhundert ist das Gefühl der Zerrissenheit des Daseins auch unter Christen verbreitet. Edith Stein, in einem jüdischen Elternhaus aufgewachsen, legte den Glauben ihrer Vorfahren ab und verfiel zeitweise atheistischen Einflüssen. Nach der Taufe trat sie in den Orden der Karmelitinnen ein. Sowohl als Angehörige dieses Konvents als auch als Jüdin verlor sie in der Gaskammer 1942 ihr Leben.

Romano Guardini, der mit seinen Betrachtungen über das „Ende der Neuzeit“ einer der Stichwortgeber der Nachmoderne ist, setzte sich mit der „Existenz des Christen“ (so der Titel seines posthum erschienenen Buches) wie nur wenige andere auseinander. Für den Religionsphilosophen ist lebendige Individualität eine (wenn auch wichtige) erste Stufe auf dem Weg zur Person. Der schon damals zu erkennende Kult um Persönlichkeit, Individualität und bindungslose Freiheit stieß bei Guardini auf Skepsis. Eigentliche Identität ist für ihn nur im Rahmen der Personalität aufzubauen. Person steht in einem Verhältnis zu sich selbst und ist im Mittelpunkt der Welt einzuordnen. Ohne ein „Du-Sprechen“ mit Gott kommt es nicht zu jenem schöpferischen Akt, der der Entstehung des Personalen vorausgehen muss. Im Gebet konkretisiert sich diese Verbindung. Personalität ergibt sich in vertikalen wie in horizontalen Kontexten. Nur wer Gott kennt, kennt Guardini zufolge den Menschen.

Kardinal Joseph Ratzinger bezog sich unmittelbar vor seiner Wahl zum Papst 2005 auf diese Traditionen. In seiner vehementen Kritik an der „Diktatur des Relativismus“ präsentierte er das Antidot zu allen Versuchen, die Grundlagen des Glaubens zu zerstören: nämlich die Verwurzelung „tief in der Freundschaft mit Christus“. Dieses Fundament macht es unmöglich, auf den Wellen des Zeitgeistes zu schwimmen, der „vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter“ reicht. Der Nachfolger Petri ist, wie eh und je, Fels in der Brandung – heute besonders gegen postmodernen Ordnungs-, Sicherheits- und Gewissheitsschwund. Die „Identität des Katholischen“ (Joseph Schumacher) ist hier ebenso konkret fassbar wie sie ihren Sitz im Leben offenbart.

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