„Das digitale Klassenzimmer schadet dem Lernen“

Der Psychiater und Hirnforscher warnt vor der Begeisterung über digitale Geräte in Schulen und im Kindesalter. Von Manfred Spitzer
Tabletcomputer an Schulen in Baden-Württemberg
Foto: dpa | Ein Tablet-PC befindet sich heute in vielen Schultaschen.

Zum Programmieren-Lernen schon in der Grundschule: „Keine gute Idee. Das kann nicht funktionieren, weil man zum Programmieren bestimmte logische Prozesse verstanden haben und bestimmtes mathematisches Grundwissen haben muss. Das ist frühestens in der Mittelstufe der Fall. In der Oberstufe kann man Programmieren lernen, in der Grundschule jedenfalls nicht.“

Zur frühen Erfahrung mit Computern: „Es ist schlichtweg so, dass Kinder, egal was es ist, viel schneller lernen als Erwachsene. Das gilt auch für den Umgang mit einem Smartphone. Ein Kind lernt auch leichter sprechen und es lernt ganz schnell laufen. Das ist lange bekannt und nichts Besonderes. Das hat auch mit Computern nichts zu tun. Es hat nicht mal damit zu tun, wie gut sich ein Kind entwickelt. Denn ein Kind braucht bestimmte Dinge als Input. Es muss die Dinge anfassen, es muss mit den Dingen umgehen lernen. Wenn heute die Kinder an die Schule kommen und keinen Griffel mehr halten können, weil sie sich nur noch mit Wischen über eine Glasoberfläche beschäftigt haben und ihre Hand damit weder motorisch, noch sensorisch in irgendeiner Weise vernünftig trainiert haben, dann haben sie einen großen Nachteil. Wir ziehen uns eine Generation von Behinderten heran, ich sage es mal drastisch. Je mehr Fingerspiele sie im Kindergarten machen, desto besser sind sie mit 20 in Mathematik, weil die Zahlen über die Finger und deren komplexen Gebrauch ins Hirn kommen. Wenn sie nur wischen als Kindergartenkind, endet ihre Karriere als Putzfachkraft.“

Zum verantwortungsvollen Umgang, Stichwort Digitalkompetenz: „Das muss man mal relativieren. Sie können mit einem Dreijährigen nicht über Bonbons reden und sagen, hey, hier hast Du einen Stapel Bonbons, jetzt geh' mal verantwortungsvoll damit um. Das ist Nonsens. Sie können mit Pubertierenden, die gerade anfangen, in alle möglichen Dinge sich einzudenken und einzufühlen, nicht sagen, benutz‘ Dein Smartphone aber bitte nur in ganz verantwortlicher Weise. Wir wissen doch, wie wir Menschen uns verhalten, und Sex and Crime ist nach wie vor der Hauptinhalt des Internet. Kein 14-Jähriger wird da nicht herangehen und hingucken wollen, 14-Jährige sind so, genauso wie Dreijährige, die Süßes mögen. Das ist unsere Biologie, die ist so. Eine große Blikk-Studie aus dem letzten Jahr, von deutschen Kinderärzten an 6 000 Personen gemacht, hat ergeben, dass die 13-Jährigen sich durch das Smartphone überfordert fühlen und dass sie die Kontrolle darüber verlieren, weil das Smartphone suchterzeugende Eigenschaften hat. In Korea gibt es über 30 Prozent Süchtige, wir sind bei acht Prozent.

Besser keine Computer in der Schule? „Wenn man die Studienlage dazu ganz ernsthaft anschaut, hat Herr Macron schlichtweg recht, wenn er sagt, wir verbieten die Smartphones an französischen Schulen ab Herbst 2018. Denn es gibt große Untersuchungen, die zeigen, dass die Schulleistungen der Schüler sinken und zwar nach der neuesten Studie um 20 Prozent, wenn man WLAN und Computer an Schulen einführt. Und es gibt keine Studie, wirklich keine, die das Gegenteil sagt. Deshalb verstehe ich nicht, wie man sich hinstellen kann und sagen: wir brauchen mehr Tablets in den Grundschulen. Sogar der Chef von Apple sagt, Tablets sind nicht für meinen Neffen in der Schule. Auch Steve Jobs, der Erfinder des iPads, hat gesagt, die sind nichts für Kinder. Aber jetzt geben sie die schon in Kindergärten und in der Grundschule aus. Das ist wirklich ein Skandal, denn noch mal: Wir wissen, dass die dem Lernen schaden und nicht nützen.“

Ist das keine Verteufelung der Computer? „Ich verteufle nicht. Schauen Sie, ein Smartphone erzeugt hohen Blutdruck, macht kurzsichtig, und zwar in Südkorea schon 95 Prozent der jungen Bevölkerung. Normal wären fünf Prozent höchstens. Smartphones bewirken Diabetes, Schlafstörungen, Depressionen. Mädchen mit 13, die täglich mehr als drei Stunden in Facebook sind, haben die doppelte Wahrscheinlichkeit, mit 18 depressiv zu sein. Smartphones erzeugen Sucht.“

Diese Geräte gehören zum Alltag: „Dieses Argument akzeptiere ich nicht. Es hat immer bei jeder neuen Technik eine Technik-Folgenabschätzung gegeben. Beispiel radioaktive Strahlen. Als die Röntgen-Strahlen erfunden wurden, hat man sich in Berlin 1895 gegenseitig geröntgt. Heute greifen wir uns an den Kopf. In den Kinderabteilungen der Schuhgeschäfte gab es Tausende von Durchleuchtungsgeräten. Das ist das strahlenintensivste Verfahren in der Medizin, und die waren in den Kinderabteilungen bis in die 70er-Jahre. Oder Asbest: Das hat man in den Häusern auch nicht einfach hingenommen und gesagt, das ist halt da, wir gehen weniger rein. Nein, wir reißen heute die Häuser ab.“

Digitales Lernen: Vorteil oder Nachteil? „Eine große Studie der Pisa-Studienleiter aus dem Jahr 2015 hat folgendes untersucht: Wie viel wurde in über 60 Ländern in Digitalisierung investiert und wie haben sich die Pisa-Leistungen verändert? Und da kam raus: Je mehr in Digitalisierung investiert wurde, zum Beispiel in Australien und Finnland ganz viel, desto schlechter wurden die Pisa-Leistungen im Beobachtungszeitraum. Die Australier haben 2008 Computer eingeführt und 2016 wieder weggeräumt, weil sie so schlecht geworden sind in der Pisa-Studie. Wir tun den Schülern keinen Gefallen, was ihre Gesundheit und ihre Bildung anbelangt, wenn wir Bildungseinrichtungen digitalisieren. WLAN im Klassenzimmer senkt die Leistung um 18 Prozent, weil die Kinder mehr abgelenkt sind.“

Googeln oder Bücher? Wenn Sie googeln, brauchen Sie keine Medienkompetenz. Sie brauchen Vorwissen in dem Bereich, in dem Sie googeln. Wir wissen seit 2012, dass Google für die Wissensvermittlung schlechter ist als Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften. Wir sollten also in der Schule nicht googeln, weil wir da Wissen erwerben wollen, wirkliches Wissen, das wir hinterher gebrauchen können. Wenn Kinder also nach der Schule gut googeln können sollen, dürfen sie in der Schule eines nicht: Googeln! Das haben Harvard-Professoren herausgefunden, im Science Magazine publiziert, und ich kann nicht verstehen, wie sich unsere Politiker dieser Idee immer völlig verstellen. Die wollen das einfach nicht hören. Das ist kriminell!

Es hat sich gezeigt, dass je medienkompetenter ein Kind ist, desto eher liest es Bücher und nicht vom Bildschirm. Kalifornische Studenten wurden gefragt, ob sie nur vom Schirm lesen. Die Antwort: Beides, auch Bücher. Denn über den Bildschirm flattere jeder Blödsinn; bei Büchern seien sie halbwegs sicher, dass stimmt, was drinsteht.“

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