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Das Charisma des Hörens

Der 6. Juni steht im Zeichen der Sehbehinderung. In der katholischen Bücherei in Bonn gilt das jeden Tag.
Vom Auge über den Mund ins Ohr: Das Tonstudio der DKKBLesen.
Foto: Fromme | Vom Auge über den Mund ins Ohr: Das Tonstudio der DKKBLesen.

Achtung Aufnahme!“ heißt es tagtäglich im Tonstudio der Deutschen Katholischen Bücherei für barrierefreies Lesen in Bonn. Draußen auf dem Gang mahnt ein Leuchtschild zur Ruhe. Im zweiten Stock des imposanten Gebäudes im Bonner Norden werden jährlich bis zu 100 Hörbücher und zahlreiche Zeitschriften für blinde, seh- und lesebehinderte Menschen produziert. Der Gesamtbestand erreicht inzwischen fast 13.000 Hörbuchtitel und 4.000 Blindenschriftbücher, die kostenlos entliehen werden können. Wenn am Vormittag das Postauto anrollt, haben die Bibliotheksmitarbeiter schon kistenweise lehrreiche und unterhaltsame Literatur auf CDs zusammengestellt, die nun an Nutzer in aller Welt verschickt wird. 

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Während der Postwagen vom Hof fährt, läuft der Betrieb im Tonstudio weiter. Den geschulten Ohren von Tonstudioleiter Johannes Nonn entgeht nichts. Nachdem er die dicke schalldichte Tür verschlossen und am Regiepult Platz genommen hat, hört er jeden Versprecher, jedes Husten, jedes Knarzen des Stuhls. Heute sitzt Karin P. Vanis in Studio 1 und liest Auszüge aus der Kölner Kirchenzeitung. Gleichzeitig wird in Studio 2 ein Krimi von Schauspieler Udo Schüller eingesprochen. Nachdem der letzte Satz eines Buches gelesen ist, folgt am PC die weitere Bearbeitung. Anschließend werden die Neuproduktionen in das Ausleihsystem eingepflegt und stehen ab sofort für die Ausleihe auf CD und inzwischen auch für den Download zur Verfügung. Seit einigen Monaten bietet die DKBBLesen das Hörbuchhören per App an. Seitdem die kostenlose Blibu Bonn App in den Appstores zur Verfügung steht und das Hören mit Smartphones und iPhones ermöglicht, melden sich vermehrt jüngere Interessenten. Neben den Eigenproduktionen übernimmt die Bonner Bücherei zahlreiche Werke von den anderen Hörbuchproduzenten, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Ein Schwerpunkt ist die theologische Literatur.

Im Anfang war die Schrift

Heiligenbiographien, Gebete, das Gotteslob, die Einheitsübersetzung der Bibel werden von den Hörern gern zur Glaubensvertiefung aber auch zur Wissensvermehrung genutzt. Zahlreiche Geistliche und Ordensleute, aber auch interessierte Laien nehmen zudem das Angebot des Stundenbuchs in hörbarer Form gerne an. Monatlich verschickt die Bücherei außerdem eine CD mit verschiedenen vornehmlich theologischen Zeitschriften. Diplom-Theologe Michael Schroeter wählt die Bücher aus, die für die Kundschaft produziert werden sollen. Regelmäßig greift er auch Anregungen der Hörer auf. So verfügt die Bücherei stets über Bücher, die die aktuelle Diskussion abbilden.

 Seinen Anfang nahm die Bücherei jedoch mit der Blindenschrift, die von Louis Braille (1809-1852) erfunden wurde. Mit sechs tastbaren erhabenen Punkten in unterschiedlicher Kombination lässt sich das ganze Alphabet darstellen. So war es 1918, am Ende des Ersten Weltkrieges, dem Borromäusverein in Bonn möglich, eine Blindenbücherei zu gründen, um den zahlreichen Kriegsblinden die Lektüre zu ermöglichen. Unermüdlich übertrugen ehrenamtliche MitarbeiterInnen Bücher in Blindenschrift und verliehen diese. Der Bestand stieg stetig an. Leider wurden im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Bücher durch Besatzungstruppen zerstört, da diese glaubten, bei der Blindenschrift handle es sich um eine Geheimschrift. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ließen sich nicht unterkriegen und bauten den Bestand wieder auf und weiter aus.

Durchbruch: Die Kompaktkassette

Es gab und gibt auch heute zahlreiche blinde und sehbehinderte Menschen, doch viele können unter anderem aufgrund ihres Alters die Blindenschrift nicht erlernen. So entschied sich der Borromäusverein 1964 zusätzlich zur Einrichtung eines Tonstudios innerhalb der Blindenbücherei, um gute Literatur in hörbarer Form zu verschicken. Die ersten Hörbücher wurden auf Tonbändern angeboten. Die Nutzerzahl blieb überschaubar, da die Bedienung von Tonbandgeräten ein nicht unerhebliches Maß an Geschicklichkeit erforderte. Der Durchbruch für die Hörbuchausleihe kam im Jahr 1973 mit der Umstellung des Versands auf die handliche Kompaktkassette. Die Hörbuchproduktion stieg stetig an. Der Borromäusverein stieß mit dem Raumbedarf der Blindenbücherei an seine Grenzen. Da trat der damalige ehrenamtliche Vorsitzende des Deutschen Katholischen Blindenwerks (DKBW), Hubert Roos, auf den Plan und regte den Neubau eines Büchereigebäudes im Bonner Norden auf einem Grundstück der Schwestern der Christlichen Liebe aus Paderborn an. Das DKBW und die Schwestern der Christlichen Liebe übernahmen gemeinsam die Trägerschaft über die Blindenbücherei und gründeten zu diesem Zwecke eine gemeinnützige GmbH. Am 31. August 1986 fand die feierliche Schlüsselübergabe statt.

Seit 2003 ist das DKBW alleiniger Gesellschafter der Bücherei. Heute arbeiten mit der Geschäftsführerin insgesamt sechs Mitarbeiter in der Bücherei, hinzu kommt ein Pool von fünfzehn Hörbuchsprechern, die ihre geschulten Stimmen zur Verfügung stellen. Die Bücherei, die bis 2018 Deutsche Katholische Blindenbücherei hieß, wurde umbenannt in Deutsche Katholische Bücherei für barrierefreies Lesen (DKBBLesen). Hintergrund ist eine Änderung des Urheberrechts. Seitdem dürfen nicht nur Blinde und hochgradig Sehbehinderte Bücher und Hörbücher ausleihen, sondern alle jene, die kein normal gedrucktes Buch handhaben können, also etwa Parkinson- und MS-Kranke, Schlaganfallpatienten und Legastheniker. Durch die Änderung des Urheberrechts darf die Bonner Bücherei nun auch bereits erhältliche Hörbücher konvertieren und anbieten.

Auf diese Weise finden die Stimmen prominenter Sprecher Einzug in die Bibliothek. Da wird der Krimi dann schon einmal von einem Tatort-Kommissar gelesen oder ein Roman vom Autor höchstpersönlich vorgetragen. Neue Interessenten müssen ihre Berechtigung zur kostenlosen Ausleihe durch die Kopie des Schwerbehindertenausweises oder durch ein ärztliches Attest nachweisen. Die DKBBLesen finanziert sich ausschließlich über Spenden und gelegentliche Zuwendungen von Stiftungen. 

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Birgit Fromme Gotteslob

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