Zeitgeist-Wirken

Da ist kein Platz für die göttliche Offenbarung

Frühe Hinweise auf den Synodalen Weg gibt es schon beim evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher: Bevor die Religion gefunden werde, müsse die Menschheit gefunden werden.
Schleiermacher
Foto: Wikipedia

Die katholische Kirche steht seit der Aufklärung mit dem „Zeitgeist“ im Konflikt und fühlt sich unter Rechtfertigungszwang. An sich hat sie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil den Weg aufgezeigt, wie sie und ihre Gläubigen wirksam sein können in der Gesellschaft der Freien und Gleichen, ohne die christliche Substanz zu opfern. Aber das wurde nie verstanden und angenommen. Und die Funktionäre des „Synodalen Wegs“ wollen davon nichts mehr wissen. Denn sonst würden sie sich bemühen, den Laien eine Spiritualität zu vermitteln, die im IV. Kapitel von „Lumen Gentium“ wurzelt. Stattdessen optiert man für einen Weg, wie ihn schon Friedrich Schleiermacher (1768–1834) der Evangelischen Kirche gewiesen hatte.

„Hier liegt der Unterschied zu den Bischöfen und Laienkatholiken des 19. und 20. Jahrhunderts:
Sie waren nicht von Minderwertigkeitskomplexen
gegenüber der neuheidnischen Gesellschaft ihrer Zeit geplagt.
Sie wollten nicht die Kirche unter Preisgabe ihrer Substanz zu retten versuchen“

Die Absicht Schleiermachers war es, in der Zeit der Aufklärung „Religion“ wieder salonfähig zu machen. Darin trifft er sich mit dem „Synodalen Weg“, um diesem zumindest ebenfalls ein edles Ziel zu unterstellen. Schleiermacher verfasste 1799 die Schrift „Über die Religion“, der er den Untertitel gab: „Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“. Die Strategie Schleiermachers bestand darin, die christliche Religion auf ein den „Aufgeklärten“ zumutbares Maß einzudampfen. Religion sei deshalb bloß noch „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“, wobei Gott und die Unsterblichkeit „nicht die Angel und Hauptstücke“ der Religion seien.

Um dahin zu kommen, ging er, wie derzeit der „Synodale Weg“, einer den Menschen bindenden Offenbarung aus dem Weg und machte den Menschen selbst zum Ausgangspunkt der Religion: „Um die Welt anzuschauen und um Religion zu haben, muss der Mensch erst die Menschheit gefunden haben... Zur Menschheit also lasst uns hintreten, da finden wir Stoff für die Religion.“

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So sei die Geschichte „der höchste Gegenstand der Religion“: „Die verschiedenen Momente der Menschheit aneinanderzuknüpfen und aus ihrer Folge den Geist, in dem das Ganze geleitet wird, erraten, das ist ihr höchstes Geschäft.“ Ist das nicht eine schöne Vorwegnahme dessen, was sich der „Synodale Weg“ vorgenommen hat: „Die Zeichen der Zeit zeigen an, in welcher Richtung die Tradition weiterentwickelt werden muss. In seinem Glaubenssinn erkennt das Gottesvolk kraft des Geistes, wo die Wege des Glaubens verlaufen: was aus der Vergangenheit zu bewahren und was abzulegen, was weiter zu entwickeln und was neu zu integrieren ist. Die Theologie reflektiert, was als Tradition gilt, gegolten hat und gelten kann“ (Orientierungstext, 34).

Dass in Schleiermachers Konzeption die Selbstoffenbarung Gottes, das Ein-für-allemal des Gottmenschen Jesus Christus sowie die bindende Gültigkeit der Heiligen Schrift keinen Platz mehr haben würden, war die logische Folge seiner Konzeption. Zeitgenössisch anmutend sagte Schleiermacher: „Was heißt Offenbarung? Jede ursprüngliche und neue Anschauung des Universums ist eine.“ Denn jeder „Sehende“ sei „ein neuer Priester, ein neuer Mittler, ein neues Organ“. Zu glauben und anzunehmen, was „ein Anderer“ getan habe, sei demgegenüber „ein harter und unwürdiger Dienst“. Vielmehr solle jeder mit eigenen Augen sehen „und selbst einen Beitrag zutage fördern zu den Schätzen der Religion“.

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„Jede heilige Schrift ist ein Mausoleum der Religion“

Zu Recht verachte man deshalb die „dürftigen Nachbeter“, die ihre Religion „ganz von einem Andern ableiten“ oder die „an einer toten Schrift hängen“. Denn: „Jede heilige Schrift ist nur ein Mausoleum der Religion, ein Denkmal, dass ein großer Geist da war, der nicht mehr da ist.“ Ist es da noch weit zur Aussage der Deutschen Bischofskonferenz im Mediencommuniqué vom 29. September 2022, Wahrheitsansprüche ließen sich nicht einfach mit dem Verweis auf die Geschichtlichkeit aller Wahrheitserkenntnis pauschal vom Tisch wischen?

Die Evangelische Kirche ist nach anfänglichem Widerstand den Weg gegangen, den ihr Schleiermacher gewiesen hat. Man kann jedoch nicht behaupten, dass es ihr dadurch gelungen sei, die „Verächter“ der Religion wieder für diese zu gewinnen. Vielmehr war die Evangelische Kirche im 19. und 20. Jahrhundert, ja bis in die Gegenwart keine Kraft mehr, die den jeweils herrschenden neuheidnischen Kräften etwas substanziell Christliches entgegenzusetzen vermochte. Die Charakterisierung von Religion als „feierliche Ergänzung“ durch Karl Marx dürfte den Sachverhalt treffen. Und gemessen am geringen Ertrag war der Preis hoch, den die Evangelische Kirche bezahlt hat: ihre inhaltliche Entkernung und Zerlegung in zahlreiche Richtungen und „Bekenntnisse“, die vorläufig noch institutionell vom Staat zusammengehalten und finanziell am Leben erhalten werden.

Die Glaubenslehre kann sich nur organisch entwickeln

Heinrich Heine hat das Ergebnis der Schleiermacherschen Anpassung in seinen „Reisebildern“ (II,9) ironisch kommentiert, wenn er seinen Protagonisten, Herrn Hyazinth, über die protestantische Religion sagen lässt: „Gäbe es in der protestantischen Kirche keine Orgel, so wäre sie gar keine Religion. Unter uns gesagt, diese Religion schadet nichts und ist so rein wie ein Glas Wasser, aber sie hilft auch nichts.“

Die katholische Kirche in Deutschland hat demgegenüber im 19. und 20. Jahrhundert dem nationalistischen Zeitgeist nicht als Zivilreligion die Schleppe hinterhergetragen. Auch wenn der Widerstand in den Zeiten vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil aus heutiger Sicht bisweilen theologisch ungelenk war und sich noch mancher Anleihen aus dem Ancien Regime bediente, blieb die Kirche eine Kraft, die unter den Gebildeten zwar ihre „Verächter“ hatte, die jedoch den Pathologien des jeweiligen Zeitgeistes etwas substanziell Christliches entgegenzusetzen hatte. Sie blieb der letzte Mahner an die Geltung der Grundrechte und diente als Stütze, um den Rechtsstaat wieder aufzubauen.

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Die Zeiten für die katholische Kirche wären insofern heute besser, als sie in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Wegweisung besitzt, wie sie unter Bejahung der Demokratie und der offenen Gesellschaft fruchtbar wirken kann. Zur Voraussetzung hat dies allerdings, dass der Glaube unangetastet bleibt, dass Gott in Jesus Christus ein für alle Mal gesprochen hat und der Papst sowie das Bischofskollegium – geleitet vom Heiligen Geist – die letztverantwortlichen Ausleger des Wortes Gottes sind.

Hier liegt der Unterschied zu den Bischöfen und Laienkatholiken des 19. und 20. Jahrhunderts: Sie waren nicht von Minderwertigkeitskomplexen gegenüber der neuheidnischen Gesellschaft ihrer Zeit geplagt. Sie wollten nicht die Kirche unter Preisgabe ihrer Substanz zu retten versuchen. Vielmehr ertrugen sie es im Geiste Christi, als „dürftige Nachbeter“ verachtet zu werden, weil sie noch überzeugt waren, dass man den Glauben nur „ganz von einem Andern ableiten“ kann.

„Angel und Hauptstücke der Religion“

Und es war für sie im Sinne des Mönchs und Kirchenvaters Vinzenz von Lérins unzweifelhaft, dass sich die Glaubenslehre nur organisch weiterentwickeln kann: „Die Kirche bemüht sich mit aller Energie nur darum, das Alte treu und weise zu verwalten, und wenn etwas davon seit alter Zeit unausgebildet und unfertig ist, es auszugestalten und glatt zu feilen, wenn etwas bereits deutlich ausgeprägt und entfaltet ist, es zu festigen und zu sichern, und wenn etwas bereits bekräftigt und festgelegt ist, es zu bewahren.“ (Commonitorium 23, 17)

Der Vater als Schöpfer, der Sohn, wie er zu uns gesprochen hat, und der Geist, der in die ganze Wahrheit einführt, sind und bleiben für die katholische Kirche „Angel und Hauptstücke der Religion“. Wenn das im „Synodalen Weg“ relativiert wird, dürfte Heinrich Heine auch betreffend die katholische Kirche noch Recht bekommen. In seinen „Reisebildern“ unkte er über den katholischen Glauben: „Es ist eine Religion, als wenn der liebe Gott, Gott bewahre, eben gestorben wäre, und es riecht dabei nach Weihrauch, wie bei einem Leichenbegängnis, und dabei brummt eine so traurige Begräbnismusik, dass man die Melancholik bekömmt.“

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