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Cornelia Schleime: Die Freiheitskünstlerin

In der DDR verfolgt, im Westen im Schatten männlicher Kollegen. Nun würdigt die Galerie Judin die ostdeutsche Künstlerin.
Von hier nach dort verliert sich der Ort
Foto: Bernd Borchardt / Courtesy Galerie Judin | Cornelia Schleime: "Von hier nach dort verliert sich der Ort", 2020.

Wer kennt sie nicht, die großen Stars der deutschen Malerei wie Georg Baselitz, Markus Lüpertz und Gerhard Richter? Aber Cornelia Schleime? Alle vier verbindet ein gemeinsamer Weg: sie sind nach dem Krieg beziehungsweise vor der Wende aus ostdeutschen Gebieten in den Westen geflohen und haben dort Karriere gemacht. Bis heute steht Cornelia Schleime jedoch im Schatten ihrer männlichen Kollegen. Damit teilt sie das Schicksal vieler Kolleginnen in einer immer noch von Männern dominierten Kunstwelt. Im letzten Jahr wurde ihr siebzigster Geburtstag mit Ausstellungen in Dresdener Museen gefeiert; jetzt steht Cornelia Schleime mit einer fulminanten Berliner Einzelausstellung im Rampenlicht des Kunstmarkts, der für ihre Werke inzwischen sechsstellige Beträge aufruft.

Im Jahre 1953 in Ost-Berlin geboren, wuchs Schleime in einer Zeit zunehmender politischer Unterdrückung und ideologischer Kontrolle auf. Schon früh entwickelte sie – nicht zuletzt aufgrund ihrer katholischen Erziehung – eine Distanz zum totalitären Regime der kommunistischen Sowjetvasallen. Als freiheitsliebende Frau sprengte sie mit ihrer kreativen Experimentierfreude die Konventionen der Genossen, die ihr eine Berufsausbildung zur Friseurin und Maskenbildnerin ermöglicht hatten. Doch Schleime wollte mehr. In ihr schlummerte ein außergewöhnliches künstlerisches Talent, das sie ab 1975 an der Dresdener Kunsthochschule entfalten konnte. Kritisch und subversiv setzte sie sich während ihrer Studienzeit mit der sozialistischen Realität ihres Heimatlandes auseinander. Dabei offenbarte sich bereits Schleimes Meisterschaft in einer beeindruckenden Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen wie Musik, Tanz, Performance, Film, Collage und Malerei.

Unabhängig bis zum heutigen Tag

Aufgrund ihrer kritischen Haltung gegenüber dem Regime wurden die Behörden bald auf die Künstlerin aufmerksam. Schleime erhielt Ausstellungsverbot, wurde drangsaliert und bespitzelt. Nach dem Studium fand sie in der alternativen Künstlerszene Ost-Berlins einen Resonanzraum. Immer vehementer wehrte sich Cornelia Schleime gegen die Unterdrückung, sie wurde zu einer Protagonistin des künstlerischen Freiheitsstrebens und damit zur Gefahr für die DDR-Kulturbürokratie. 1984 musste sie mit ihrem sechsjährigen Sohn Moritz, heute ebenfalls ein renommierter Künstler, Hals über Kopf Ost-Berlin verlassen; seitdem ist fast ihr gesamtes bis dahin entstandenes Oeuvre verschollen. Zweifelsohne fiel es der staatlichen Zensur zum Opfer; ob es vernichtet wurde, oder ob sich Dritte daran bereichert haben, ist bis heute ungeklärt.

Ohne sich dem Druck von staatlicher Kontrolle und Zensur zu beugen, ist es Cornelia Schleime schon früh gelungen, eine unverkennbare künstlerische Sprache zu entwickeln, die sie bis heute weiterentwickelt. Einst suchte sie mit ihren expressiven Werken nach Ausdrucksmöglichkeiten jenseits der staatlich verordneten Ästhetik des Arbeiter- und Bauernstaates, heute spielt sie mit den Klischees einer westlichen Konsumgesellschaft, deren künstlerisches Schaffen immer mehr von Design und Marketing dominiert wird.

Nichts davon bei Cornelia Schleime. Zwar fesselt die Schönheit ihrer Bilder auf den ersten Augenblick, doch diese wollen nicht oberflächlich gefallen, sondern führen den Betrachter in abgründige Tiefen und offenbaren einen Blick in die Seele der Künstlerin. Die Auseinandersetzung mit ihren identitätsprägenden Erfahrungen aus der DDR-Vergangenheit, die dramatische Ausbürgerung und der Verrat an die Stasi durch engste Freunde, bilden die biografische Blaupause für Schleimes Bilder. Sie nutzt die Kunst als Medium der Selbstreflexion und verarbeitet im malerischen Prozess ihre persönlichen Traumata.

Zwischen Gelassenheit und Melancholie

Das künstlerische Ergebnis zeugt von einer heiteren Gelassenheit, die auch Cornelia Schleimes Persönlichkeit auszeichnet. So erinnert in der Berliner Ausstellung auf den ersten Blick nichts an die Verwerfungen in ihrem Leben. Bei genauerem Betrachten hingegen zeigen die Bilder eine berührende Melancholie, die uns in den Bann zieht. Die Dargestellten blicken uns an und wollen gesehen werden. Können wir dem Blick standhalten? Es ist ein fragender Blick; die Bilder sind eine Anfrage an uns als Betrachter: Wie stehen wir zu unserem Leben? Gelingt es uns ebenso souverän wie der Künstlerin, mit biografischen Brüchen umzugehen? Ihre Bilder geben keine Antworten, sondern fordern von uns eine Haltung ein. Eine innere Haltung der Freiheit und Zuversicht, was auch immer uns im Leben ereilen möge.

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Mit Ausnahme des einzigen Männerbildnisses in der Ausstellung, das an den Schauspieler Dennis Hopper erinnert, sind Schleimes Bildnisse keine Porträts bestimmter Persönlichkeiten; manche Bilder mögen zwar an die junge Conny erinnern, wie Schleime von ihren Freunden genannt wird, doch es geht ihr nicht um Selbstporträts, sondern um Gefühlsbilder. Schleimes Bilder zeigen nicht nur die Gefühle der Dargestellten, sondern lösen darüber hinaus in uns Gefühle aus. Sie fordern dazu auf, unsere innere Gefühls- und Seelenlandschaft zu vermessen. Können wir „Ja“ zu unserem Leben sagen? Führen wir es frei und selbstbestimmt? Oder leben wir in einer selbst verschuldeten Unmündigkeit und begraben unsere einzigartigen Potenziale in der Konformität eines Lebens, das zwar konventionelle Erwartungshaltungen erfüllt, aber unserer individuellen Einzigartigkeit keinen Raum zur Entfaltung eröffnet?

Tief in die Augen

Cornelia Schleime hat in ihrem Leben und in ihrer Kunst immer nach derartigen Entwicklungsräumen gesucht und sie in ihren jungen Jahren in Dresden und Berlin gefunden. Heute lebt sie bei Neuruppin und pendelt von dort zu ihrem Berliner Stadtatelier. Wer die Künstlerin auf dem Lande besuchen darf, erlebt sie befreit von den Großstadtzwängen inmitten der Natur, umgeben von Pflanzen und Tieren, die sich auch in ihren Bildern wiederfinden. Cornelia Schleime kennt sich genau und weiß, was ihr wann guttut. Sie hat einen kreativitätsfördernden Rhythmus gefunden und lebt ihren Bedürfnissen entsprechend, Tag für Tag. Diese selbstbestimmte Lebensweise ermöglicht ihr künstlerische Höchstleistungen, wie sie in der Berliner Ausstellung zu bewundern sind. Es sind kraftvolle Manifeste ihrer künstlerischen Existenz, die auch unserem Leben neue Horizonte eröffnen können.

„Von hier nach dort verliert sich der Ort“ betitelt Schleime ihr 200 x 340 cm großes querformatiges Meisterwerk, dessen Protagonistin uns tief in die Augen schaut. Titel und Bildaussage geben uns zu denken, denn wir selbst sind gemeint. Wer sich davon angesprochen fühlt, sollte die grandiose Gemäldeschau in der international renommierten Galerie Judin nicht verpassen. Sie liegt auf dem ehemaligen Gelände des Tagesspiegels, das heute zahlreiche Kunstgalerien beherbergt und immer einen Besuch wert ist.


Die Ausstellung Cornelia Schleime: „Ohne Lippen sind die Zähne kalt“, in der Galerie Judin, Potsdamer Str. 83 (Innenhof), 10785 Berlin läuft noch bis zum 1. Juni 2024.

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