Gottvertrauen

Christliche Verheißung schützt vor perspektivloser Verzweiflung   

Warum Christen angesichts  globaler Katastrophenstimmung nicht den Kopf verlieren sollten, sondern sich auf Gott und seine Frohe Botschaft verlassen können.
Hungerstreik
Foto: Michael Schick, imago-images | Öffentlichkeitswirksame Radikalisierung um gesellschaftliche Wahrnehmung zu erreichen: Beseelt von ihrer Mission zur Rettung des Klimas, feiern Teenager in Frankfurt den ersten Tag eines Hungerstreiks vor der Presse.
Vor einigen Wochen  geriet ein schon Anfang des Jahres veröffentlichtes Porträt der Evangelischen Nachrichtenagentur idea über den CDU-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Armin Laschet plötzlich in den Fokus der Öffentlichkeit. Darin wurde Laschet mit der Aussage zitiert, der Glaube an Gott sei "prägend" für sein "Verständnis der Welt": "Wenn man daran glaubt, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, macht man auch Politik anders als zum Beispiel ein Kommunist, der bis zum Lebensende dringend mit allen Mitteln das Paradies auf Erden schaffen will." Diese Worte lösten eine Welle scharfer Kritik aus, auch von christlicher Seite. "Wenn wir unseren Glauben nur als eine Vertröstung auf ein besseres Jenseits verstehen, dann brauchen wir hier auf dieser Welt nichts anzupacken, nichts zu verändern", zürnte etwa der bloggende evangelische Pastor Heiko Kuschel. "Dann lassen wir alles so, wie es ist, Gott wird sich schon darum kümmern." Auf eine so verstandene Religion treffe wirklich das Diktum der marxistischen Religionskritik zu, sie sei nur "Opium des Volkes".   
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Derweil sind am 30. August im Berliner Regierungsviertel sieben junge Erwachsene in einen unbefristeten Hungerstreik getreten, um die Politik zu entschlossenem Handeln gegen die drohende Klimakatastrophe zu drängen: "Hungerstreik der letzten Generation" haben sie ihre Aktion genannt. In einer Presseerklärung heißt es, dieser Name beziehe sich darauf, dass sie die letzte Generation seien, die noch handlungsfähig sei, um den Klimakollaps abzuwenden. Ohne diese Erläuterung könnte man den Eindruck haben, die jungen Aktivisten sähen sich als die letzte Generation der Menschheit überhaupt   und diese Assoziation ist wohl kaum ganz unbeabsichtigt.

„Ohne den Glauben an Gott
kann das Wissen um die Grenzen der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten
leicht zu Resignation führen„

Mit der Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Weltendes, so sollte man meinen, müssten gerade Christen sich eigentlich gut auskennen. In der Geschichte des Christentums hat es immer wieder Zeiten gegeben, in denen eine nahe Endzeiterwartung virulent wurde; zahlreiche religiöse Reformbewegungen innerhalb wie außerhalb der Kirche sind daraus hervorgegangen. Allerdings war aus christlicher Perspektive der Gedanke an das Ende der Welt stets untrennbar mit dem Gedanken an die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit verbunden. In jüngerer Zeit ist diese Vorstellung hingegen weitgehend verdrängt worden durch eine säkularisierte Vision des Jüngsten Tages: das Schreckbild einer durch menschengemachte Katastrophen unbewohnbar gewordenen Erde.

In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass der Begriff "Apokalypse", der im allgemeinen Sprachgebrauch vielfach als praktisch gleichbedeutend mit "Weltuntergang" verwendet wird, dem Wortsinn nach eigentlich "Offenbarung" bedeutet. Wenn also die gegenwärtige, von der Covid-19-Pandemie und Prognosen zur Klimakatastrophe beherrschte Atmosphäre in der öffentlichen Debatte als "apokalyptisch" bezeichnet wird, wäre zu fragen: Was "offenbart" sich eigentlich darin?  

Die Menschheit ist in ihrer Wirksamkeit begrenzt

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Eine Antwort darauf könnte lauten: Was sich hier offenbart, ist die ultimative Ohnmacht des Menschen   das Scheitern des menschlichen Strebens nach Herrschaft über das eigene Schicksal. Seit den naturwissenschaftlich-technischen Umwälzungen der Frühen Neuzeit – exemplarisch seit Francis Bacon (1561-1626), der als erster die Idee formulierte, der Zweck der Wissenschaft sei es, "zur Erleichterung des menschlichen Standes" zu dienen –, hat die Vorstellung, Fortschritt in Wissenschaft und Technologie gewährleiste einen fortwährenden Zuwachs an Selbstbestimmung, allgemeine Verbreitung gefunden. Aber nahezu von Anfang an hat diese Auffassung auch bereits ihre Negation in sich getragen, nämlich die Einsicht, dass das Eingreifen des Menschen in die natürliche Ordnung Konsequenzen hat, die er nicht überblicken, geschweige denn kontrollieren kann.

Das wissenschaftlich-technische Fortschrittsdenken hat stets versucht, diesen bedrohlichen "Schatten" loszuwerden, indem es postulierte, die Kollateralschäden des Fortschritts würden sich durch noch mehr Fortschritt beheben lassen. Folgerichtig ist auch der Umgang mit den gegenwärtigen und prognostizierten zukünftigen Krisen und Katastrophen von einem Aktionismus geprägt, der sich   von massiven polizeilichen Maßnahmen zur Durchsetzung radikaler "Zero-Covid"-Strategien, wie wir sie etwa in Australien sehen, bis hin zu der Vorstellung, man könne die Erderwärmung durch politische Beschlüsse zur Regulierung von CO2-Emissionen aufhalten   als zunehmend verzweifelter Versuch erweist, menschliche Handlungsvollmacht zurückzugewinnen. Mit anderen Worten, die Lösungsversuche sind vielfach von derselben menschlichen Hybris geprägt, die die Krise erst verursacht hat.

Beruhigend und entlastend: Gott ist der Herr der Geschichte

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Dem Christen, der daran glaubt, dass in letzter Instanz nicht der Mensch, sondern Gott der Herr der Geschichte ist, eröffnet sich – insoweit wäre den eingangs zitierten Worten Armin Laschets gegen alle Kritik Recht zu geben – eine andere Perspektive. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass dieser Glaube die Verantwortung des Menschen für sein Tun und Unterlassen nicht etwa schmälert, sondern sogar unterstreicht: Schließlich bekennen Christen sich zu dem Glauben, dass Christus bei Seiner Wiederkehr am Ende der Zeiten die Lebenden und die Toten richten wird. Der Glaube daran, dass letztlich Gott das Schicksal der Welt in der Hand hält, bietet also keine Rechtfertigung für Untätigkeit oder Gleichgültigkeit gegenüber den Krisen der Gegenwart; aber er bewahrt vor Überforderung, vor dem lähmenden Gefühl der Unzulänglichkeit angesichts des erdrückenden Gewichts der globalen Probleme.

Ohne den Glauben an Gott kann das Wissen um die Grenzen der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten leicht zu Resignation führen – zu jenem "Gefühl der Vergeblichkeit", von dem die katholische Sozialaktivistin Dorothy Day bereits 1963 schrieb, es sei "eines der größten Übel unserer Tage": Besonders junge Menschen, so beobachtete sie, neigten zu der Ansicht, alle Bemühungen um eine bessere Zukunft seien von vornherein sinnlos, weil nichts, was der Einzelne tun könne, jemals genug sei. "Sie sehen nicht, dass man eine Mauer Stein für Stein bauen, einen Weg Schritt für Schritt gehen muss", kommentierte Day. "Wir können nur für die eine Handlung des gegenwärtigen Augenblicks Verantwortung übernehmen. Aber wir können Gott anflehen, dass Er die Liebe in unseren Herzen vermehrt, sodass sie unser Handeln belebt und verwandelt, und wir können gewiss sein, dass Gott die Früchte unserer Bemühungen annimmt und sie vervielfältigt, so wie Jesus die Brote und Fische vermehrt hat."

Heil ist nicht in dieser Welt zu finden 

Das wohl gewichtigste Argument für Christen, angesichts globaler Katastrophenstimmung nicht den Kopf zu verlieren, findet sich indes in Jesu Worten selbst. So sehr Er Seine Jünger dazu anhält, jederzeit auf Seine Wiederkunft vorbereitet zu sein, wachsam zu sein und auf Vorzeichen zu achten, so sehr ermahnt Er sie in der großen Endzeitrede in Matthäus 24 auch, sich von "Kriegen und Kriegsgerüchten", von Hungersnöten und Erdbeben nicht irreführen zu lassen: "Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende." Und wenn das Ende schließlich doch kommt? Dann kommt auch der Herr wieder. Sollte man nicht annehmen, dass Christen diesem Ereignis, wenn schon nicht mit freudiger Erwartung, so doch immerhin mit Hoffnung entgegensehen?  

Aus der Perspektive einer vor allem in der westlichen Welt vielfach müde und kraftlos erscheinenden Christenheit mag man sich versucht fühlen, die Akteure des "Hungerstreiks der letzten Generation" für ihre Opferbereitschaft zu bewundern oder gar darum zu beneiden. Aber es ist eine Opferbereitschaft, die aus Verzweiflung geboren ist: Diese jungen Leute setzen ihr Leben ein, weil sie keine lebenswerte Zukunft vor sich sehen. Das ist der entscheidende Schwachpunkt säkularer Weltuntergangsvisionen gegenüber der christlichen Endzeiterwartung: Ihnen fehlt die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde.

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16.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst