Musikalische Bildung

Chorschulen: Singen wie die Engel

Ein Blick auf die prägende Kraft von Chorschulen im Vereinigten Königreich, in dem es noch immer eine erstaunliche Zahl hervorragender Einrichtungen mit einem umfassenden Angebot und hohem Renommee gibt.
Premierminister RISHI SUNAK (UK) und seine Frau  AKSHATA MURTHY
Foto: IMAGO/Tayfun Salci | Vorbild Vereinigtes Königreich: Auch bei Premierminister Rishi Sunak - einem bekennenden Hindu - begann die Adventszeit mit festlicher Chormusik.

Kinder lieben nichts so sehr, wie ihre Eltern stolz zu machen. Wer sein Kind im Glauben erziehen und darin fördern will, eine wirklich tiefe, das ganze Leben verwandelnde Liebe zu Jesus Christus zu entwickeln, tut also gut daran, all jene Aktivitäten zu unterstützen, die an diesem wegweisenden Ziel ausgerichtet sind. Eine Möglichkeit hierfür bietet der Chorgesang. Wer seinem Kind die Möglichkeit bietet, regelmäßig an Chorproben und Aufführungen teilzunehmen, eröffnet ein weites Feld positiver Einflüsse. Sie betreffen nicht nur eine exzellente Körperhaltung, gesunde Atmung, Disziplin und ein gutes Miteinander, sondern auch die für ein gelingendes Leben so wichtige Fähigkeit, aufeinander zu hören und sich in eine Gemeinschaft einzufügen. All dies wird natürlich am besten unterstützt, wenn die Eltern dabei voll und ganz hinter ihrem Kind stehen.

„Die Sprache der Musik ist allen Generationen und Nationen gemeinsam.
Sie wird von jedermann verstanden, weil sie mit dem Herzen verstanden wird“

Aus dem Fußballsport ist bekannt, dass nichts einen kleinen Jungen oder ein kleines Mädchen so zielsicher antreibt, Punkte für ihre Mannschaft zu schießen, wie ein frenetisch jubelnder Vater oder eine ebensolche Mutter. Dasselbe gilt, wie aktuelle Studien belegen, auch für die Chorarbeit. Wenn ein Vater ganz selbstverständlich in der Kirchenbank sitzt, wenn sein Junge das „Ave Verum“ vorträgt, wird dessen Stimme ebenso zielsicher zum Himmel schweben wie der Ball ins Tor. Zu den Dingen, bei denen man Martin Luther auf keinen Fall widersprechen kann, gehört sein berühmter Satz „So sie‘s nicht singen, so glauben sie‘s nicht“. Musik entfaltet enorme katechetische, Körper, Geist und Seele prägende und zum Guten hin wandelnde Kräfte.

Der Comedian Fred Allen treibt es natürlich ein wenig auf die Spitze, wenn er sagt: „Das erste Mal, als ich im Kirchenchor sang, wechselten zweihundert Menschen ihre Religion“, aber die Erfahrung mit der missionarischen und ganzheitlich bildenden Kraft der Musik, die etwa am Beispiel des Ambrosius von Mailand oder Ephräms des Syrers ablesbar wird, ist unbestritten.

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Für Schule und Chor ist die Zusammenarbeit ein Gewinn

Deshalb hielten nicht nur jene Kathedralkirchen mit angeschlossenen Schulen, die sich zum Protestantismus bekannten, an der engen Verbindung zwischen Schule und Kirche fest, die vor allem in der regelmäßigen musikalischen Gestaltung der Gottesdienste durch die Schüler bestand – die Tradition der Chorschulen weitete sich aus. Tatsächlich ist eine solche Zusammenarbeit wie die zwischen Schule und Kirche für beide Seiten ein enormer Gewinn. Die regelmäßigen Aufführungsmöglichkeiten in den Gottesdiensten sind ein Ansporn für die Schüler und ein Gewinn für die Gemeinde.

Dies gilt vor allem deshalb, weil im Gottesdienst der Fokus nicht auf der Aufführung, also der Präsentation des Chores und seiner Möglichkeiten,sondern auf dem Gotteslob liegt. Steht dies im Vordergrund, richten sich alle Kräfte gemeinsam darauf aus, was dem Chorklang eine andere Qualität verleiht als die leistungsorientierte Selbstdarstellung. Wer heutzutage sehen will, welch prägenden Einfluss die Erziehung an einer Chorschule hat, kann dies in England beobachten, jenem Land, in dem diese Tradition ihre tiefsten Wurzeln geschlagen und ihre schönsten Blüten getrieben hat.

Informationen gibt es bei der Choir-Schools-Association

Einen guten Überblick über das derzeitige Angebot an Schulen mit Internatsbetrieb, die jenen, die in unmittelbarer Nähe zuhause sind, oft auch als Tagesschulen dienen, bietet die Choir Schools Association, die 44 Schulen im Vereinigten Königreich repräsentiert, die mit Kathedralen, Kirchen und Kapellen von Colleges assoziiert sind und an denen derzeit 1 200 Chorsängerinnen und Sänger ausgebildet werden. Wenngleich die meisten dieser Schulen mit der Church of England verbunden sind, gibt es auch Angebote für Katholiken, wie beispielsweise die Westminster Cathedral School in London. Der Alltag für die Kinder, die einen der begehrten Plätze an den Chorschulen erhalten, ist durchaus anspruchsvoll.

Denn zu der normalen akademischen Ausbildung kommen tägliche Chorproben, Einzelstimmbildung, Instrumentalunterricht sowie die Gestaltung der Eventsongs und Konzertreisen. Terminlich kulminiert all dies natürlich an den Hochfesten, an denen die Chöre stets besonders intensiv im Einsatz sind. Aus diesem Grund empfehlen die meisten Schulen die Teilnahme am Internatsleben, weil so Wegzeiten und Koordinierungsprobleme entfallen. Die Kosten für die Ausbildung an einer Chorschule sind nicht gering, es gibt aber staatliche Unterstützung und die Möglichkeit, ein Stipendium zu erhalten, die natürlich vor allem besonders begabten Kindern offen steht.

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Der Kathedralchor ist ein Zusatzangebot zur normalen Schule

Das System der Nachwuchsförderung für Kinder in den englischen Chorschulen ist breit aufgestellt. Sichtbar wird dies beispielsweise an der Kathedralschule von Ely. Koedukativ und sowohl mit Internatsbetrieb wie auch für Tagesschüler bietet Ely zusätzlich zum Schulprogramm Vorschule und Kindergarten an. 80 Prozent der rund 1 000 Schüler wohnen nicht im Internat und selbstverständlich singen nicht alle im berühmten Kathedralchor. Chorschüler zu sein ist hier Teil eines Zusatzangebotes, aus dem man viele mögliche Qualifikationen wählen kann.

Manche Schulen, wie beispielsweise die im Londoner Stadtteil Wimbledon gelegene Kings College School setzten eigene Schwerpunkte. In Wimbledon liegt er auf der Beschäftigung mit neuer Musik, für die ein Aufnahmestudio, eine Konzerthalle mit einem Steinway-D-Flügel und einer zweimanualigen Orgel eingerichtet wurden. Die Beschäftigung mit Musik – egal ob es sich um alte oder neue Musik, um solche aus der einheimischen Tradition des jeweiligen Landes oder der aus einem anderen Kontinent handelt – wirkt sowohl öffnend als auch einend. Denn „Die Sprache der Musik ist allen Generationen und Nationen gemeinsam. Sie wird von jedermann verstanden, weil sie mit dem Herzen verstanden wird“, sagte schon der italienische Komponist Gioacchino Rossino, der Frankreich zu seiner Heimat gemacht hatte, zu Recht.

Musik als Verbindung zwischen verschiedenen Kulturen

Die ganzheitlich bildende, friedensschaffende Kraft der Musik wird gerade in den vergangenen Jahren nicht nur in England mehr und mehr erkannt. Der Bildungsminister der Vereinigten Staaten, Miguel Cardona, sagte 2021: „Wie schön wäre es, wenn unsere Schulen und unser Erziehungsprogramm zeigen würden, dass Musik eine Kombination verschiedener Kulturen ist und unterschiedliche Kulturen ein Ausdruck vieler Arten von Musik sind? Für unsere Schüler gibt es hier eine Menge zu lernen. Nicht nur aus musikalischer, sondern aus globaler Perspektive, die ihnen zeigt, dass sie Teil einer größeren Welt sind.“

Letztlich unterstützen die Chorschulen in England und anderswo die Kinder, die in ihnen singen und lernen in jener zielführenden geistlichen Grundhaltung, die George Eliot so zum Ausdruck gebracht hat: „O möge ich Teil des unsichtbaren Chores jeder unsterblichen Verstorbenen werden, die neu im Geiste jener leben, deren Leben durch ihre Anwesenheit reich wird.“

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