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Bringt Putins Krieg das Ende der grünen Romantik?

Selbst die bestmeinenden Idealisten müssen sich der Realität stellen, sobald sie in Verantwortung stehen. Dann sind sie in der Pflicht, eine Gesellschaft „am Laufen“ zu halten und haben keine Zeit mehr, Utopien nachzuhängen.
Biblis
Foto: Boris Roessler (dpa) | 2009 wussten viele noch, dass Energie „nicht auf Bäumen wächst“. Diese Erkenntnis dämmert derzeit vielen, die durch die Realität lernen müssen, dass mit hehren Ideen weder Wärme noch Licht erzeugt werden können.

Das Matthäusevangelium erzählt, wie Jesus einen „Besessenen“ heilt und die Pharisäer kommentieren, hier werde der Teufel mit Beelzebul ausgetrieben. Im Volksmund besagt dieser Spruch einfach nur, dass ein Übel durch ein anderes bekämpft wird, das womöglich noch schlimmer ist. Der Teufel heißt zurzeit Putin, von dessen Gaslieferungen vor allem Deutschland in gefährlicher Weise abhängig ist. Und Beelzebul ist der autokratische Herrscher von Katar, der uns nun das Gas liefern soll. Der Kotau des grünen Wirtschaftsministers Habeck vor dem Herrscher von Katar offenbart in quälender Weise die Doppelmoral der Bundesregierung. Gerade noch wollten vor allem die Grünen die Fußballweltmeisterschaft in Katar boykottieren, da dieses Land fundamentalste Menschenrechte verletzt. Und nun bettelt ihr Wirtschaftsminister um Gas.

„Zurzeit leiden die grünen Sektierer unter der Verschiebung der Aufmerksamkeit,
die Putins Krieg erzwungen hat“

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Schon die Regierung Merkel handelte ja nach der Devise: Lieber ein Pakt mit dem Teufel als Kernkraft. Es handelt sich hier um ein absolutes Tabu, das seine freundliche Formulierung in dem Sonnenblumenslogan „Atomkraft, nein danke!“ gefunden hat. Es geht hier um den Gründungsmythos der Grünen, mit dem die Identität jedes ihrer Wähler und Politiker steht und fällt. Die Demonstrationen gegen die Castor-Transporte nach Gorleben waren ihr Erweckungserlebnis. Und deshalb ist es undenkbar, dass die Grünen auch nur darüber diskutieren könnten, angesichts der Energiekrise an den wenigen noch laufenden Atomkraftwerken festzuhalten – geschweige denn, neue zu bauen, wie das die meisten unserer europäischen Nachbarn tun.

Hier zeigt sich, dass wir es mit einer Ersatzreligion zu tun haben, die um das apokalyptische Bild der Katastrophe kreist: Fukushima ist überall! Diese Sekte ist nun an der Macht. Da ist es nicht erstaunlich, dass die deutsche Politik immer wieder neue Sonderwege geht. Ja eigentlich gilt schon seit Merkel: Deutschland geht voran – auch wenn niemand in Europa folgt. Der deutsche Don Quixote kämpft nicht gegen Windmühlen, sondern baut sie. Davon profitiert nur eine immer größer werdende Menge der Windrad-Lobbyisten, die aus dem Sektierertum Geld zu machen verstehen.

Hysterie statt Umweltbewusstsein

Nun hat mit Putins Krieg gegen die Ukraine und seinen Folgen erstmals die Realpolitik unser grünes Bullerbü erschüttert. Das könnte einen entscheidenden Impuls geben, die ökologische Kommunikation wieder an Vernunft zu orientieren. Denn wohlgemerkt: Die Kritik an der grünen Ersatzreligion richtet sich nicht gegen die ökologischen Bewegungen, die eine sehr wichtige neue Dimension in der Politik etabliert haben. Sie richtet sich nur gegen Sektierer, deren fanatischste Vertreter sich leider vor allem in den grünen Jugendorganisationen, bei Fridays for Future und der „letzten Generation“ finden. Dort herrscht nicht Umweltbewusstsein, sondern Hysterie.

Zurzeit leiden die grünen Sektierer unter der Verschiebung der Aufmerksamkeit, die Putins Krieg erzwungen hat. Ähnlich wie beim Angriff auf die Twin-Towers am 11. September 2001 gibt es auch jetzt einen neuen Ernst, der Schluss macht mit der politischen Romantik. Von den Grünen selbst kann man das allerdings nicht erwarten.

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