Kirche im Wandel

Braucht die Kirche  überhaupt Mitglieder?

Warum das unaufhaltsame Gesund-Schrumpfen der Großkirchen ein Signal ist, mit der „Entweltlichung“ endlich Ernst zu machen.
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Foto: Stock Adobe | Liegt die Zukunft der Kirche in kleinen Basisgemeinden wie z. B. den Familien als "Kleinkirche"? So wie bisher, wird es aller Voraussicht zumindest nicht weitergehen: Schwindende Mitgliederzahlen lassen auch das ...

Christiane Florin, die derzeit vielleicht profilierteste Religionsjournalistin Deutschlands, ist aus der katholischen Kirche ausgetreten. Derweil denkt die TV-Moderatorin Anne Will nach eigenem Bekunden "jeden Tag" darüber nach, diesen Schritt zu vollziehen. Überraschend sind diese Nachrichten im Grunde nicht   im Gegenteil: Dass Menschen, darunter gerade auch Personen des öffentlichen Lebens, aus der Kirche austreten, weil sie die Hoffnung aufgegeben haben, die Kirche könnte sich ihren Vorstellungen und Wünschen entsprechend wandeln, ist ein seit Jahrzehnten geläufiger und immer wiederkehrender Vorgang. Auffällig ist indes, dass auch der Reformeifer des "Synodalen Weges" daran offenbar nichts zu ändern vermag.

Wie schon der öffentlichkeitswirksame Kirchenaustritt der beiden "Maria 2.0"-Initiatorinnen im vergangenen Jahr deutlich gemacht hat, werden die den Synodalen Weg dominierenden Bemühungen, Lehre und Praxis der Kirche an die Wertvorstellungen der säkularen Gesellschaft anzupassen oder wenigstens anzunähern, seitens einer kirchenkritisch gesonnenen Öffentlichkeit weithin als "zu wenig, zu spät" wahrgenommen. Gleichzeitig hört man immer häufiger von gläubigen Katholiken, die gerade deshalb einen Kirchenaustritt erwägen, weil es ihnen zunehmend schwerfällt, in der Kirche des Synodalen Weges jene "eine, heilige, katholische und apostolische Kirche" wiederzuerkennen, zu der sie sich im Credo bekennen. So verliert die Kirche gewissermaßen auf beiden Flügeln Mitglieder, und es scheint offenkundig, dass keine Seite über ein Mittel verfügt, diese Entwicklung aufzuhalten.

„Eine ,entweltlichteʻ, eine ‚von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kircheʻ
– so mahnte Papst Benedikt XVI. im Jahr 2011 im Freiburger Konzerthaus –
könne sich ,besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden‘“

Erscheint es demnach unausweichlich, dass die Großkirchen in Deutschland – die katholische ebenso wie die in der EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen – sich für die absehbare Zukunft auf massive Verluste an Mitgliedern, an Geld und gesellschaftlichem Einfluss werden einstellen müssen, dann könnte man meinen, es sei an der Zeit, gedanklich einen Schritt weiter zu gehen und die Frage zu stellen, ob die Kirche überhaupt gut daran tut, sich als mitgliedschaftsbasierte Organisation zu verstehen und zu verhalten. Wenn diese Frage ungewohnt oder gar abwegig erscheint, dann unterstreicht das nur umso mehr die Notwendigkeit, sie zumindest einmal zu erwägen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Mitgliederzahlen der Großkirchen in einem grotesken Missverhältnis zur tatsächlichen Beteiligung am religiösen Leben stehen. Da der institutionelle Apparat der Kirchen zur Sicherung seiner Funktionstüchtigkeit aber gerade auch auf die große Zahl der "passiven" Mitglieder angewiesen ist, arbeiten Pastoraltheologen und Religionssoziologen – anstatt etwa den möglicherweise riskanten Versuch zu unternehmen, die Kirchenfernen zu aktivieren und ins kirchliche Leben einzubinden – seit Jahrzehnten daran, das Phänomen der "distanzierten Mitgliedschaft" als eine legitime Option darzustellen, die zu respektieren und sogar wertzuschätzen sei.

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Die einen suchen dies unter Verweis auf die Freiheit eines Christenmenschen theologisch zu begründen, die anderen argumentieren ganz pragmatisch: Auch Fußballvereine haben schließlich Mitglieder, die selbst nicht Fußball spielen und sich womöglich nicht einmal besonders für Fußball interessieren, die Arbeit des Vereins aber dennoch als förderungswürdig erachten – etwa, weil sie im Sport eine sinnvolle Form sozialpädagogischer Jugendarbeit sehen. Die Annahme, es sei sinnvoll und angemessen, die Kirche in dieser Hinsicht mit einem Sportverein zu vergleichen, wirft bereits ein grelles Licht darauf, zu was für verzerrten Wahrnehmungen es führen kann, wenn das Streben nach Erhaltung der institutionellen Stabilität zum Selbstzweck wird und den eigentlichen Daseinszweck der Kirche in den Hintergrund drängt.  

Während die Großkirchen also einerseits, um nur ja keine Austrittsneigungen zu wecken, über den automatischen Kirchensteuereinzug hinaus praktisch keine Verhaltenserwartungen an die Kirchenmitgliedschaft knüpfen, sehen sie sich andererseits einem gewissen öffentlichen Erwartungsdruck ausgesetzt, ihre "Angebote" auch Nichtmitgliedern zugänglich zu machen. Wie etwa die Debatten über die kirchliche Trauung  von Bundesfinanzminister Christian Lindner, aber auch die vor einigen Jahren in den evangelischen Landeskirchen diskutierte Idee, Nichtmitglieder sollten für die Teilnahme an Weihnachtsgottesdiensten Eintritt zahlen, deutlich machen, gibt es innerhalb der Kirchen durchaus Stimmen, die die Anmutung zurückweisen, die Kirche dürfe zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern keine Unterschiede machen.

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Von Außenstehenden wird diese Einstellung indes gern als "unchristlich" kritisiert, und selbst wenn diese Kritik von Personen geäußert wird, die dem Christentum ansonsten nicht gerade wohlwollend gegenüberstehen, ist sie nicht gänzlich unberechtigt: Wenn etwa – gewissermaßen als letztes Druckmittel gegen den Kirchenaustritt – erwogen wird, ausgetretenen Kirchenmitgliedern ein christliches Begräbnis zu verweigern, erscheint der Hinweis angebracht, dass "Tote begraben" traditionell zu den Werken der Barmherzigkeit gezählt wird, zu denen Christen in besonderem Maße aufgerufen sind.

Solche Einwände ändern freilich nichts daran, dass eine Kirchenmitgliedschaft, die Geld kostet, ansonsten aber praktisch keine Konsequenzen hat, immer weniger Menschen als eine plausible, geschweige denn attraktive Option erscheint. Wiederum andererseits kann eine Kirche, die vorrangig die Bedürfnisse und Befindlichkeiten ihrer Mitglieder im Blick hat, schwerlich missionarisch wirken; das beginnt oft schon auf lokaler Ebene, wenn die Angebote der Pfarrei ganz auf die Interessen und Vorlieben eines kleinen Kreises von Unentwegten zugeschnitten sind, weil "die anderen ja doch nicht kommen" – ein Paradebeispiel für eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Jünger - keine Beitragszahler einer Körperschaft öffentlichen Rechts

Zusammenfassend gesagt birgt die Mitgliederfixierung der institutionellen Kirche die Gefahr, das Bewusstsein dafür zu trüben, dass der Auftrag Christi an Seine Kirche lautet: "Gehet hin in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern" (Mt 28,19) – zu Jüngern, wohlgemerkt, nicht zu Beitragszahlern in einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Man muss indes einräumen, dass das Strukturprinzip "Mitgliedschaft" so tief in der institutionellen Gestalt der Kirche verwurzelt ist, dass es schwerfällt, sich eine andere Struktur auch nur vorzustellen. Der Versuch muss dennoch gewagt werden – denn einem institutionellen Selbstverständnis, das aus einer Zeit stammt, als die Großkirchen zusammen nahezu die gesamte Bevölkerung der Bundesrepublik repräsentierten, fehlen im Grunde heute schon die realen Voraussetzungen, und in Zukunft wird sich dies zweifellos noch verschärfen.

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Anstatt etwa zu versuchen, die gewohnte Organisationsstruktur der Kirche lediglich im Maßstab zu verkleinern und ansonsten möglichst unverändert zu belassen, wäre die Kirche den Herausforderungen einer weitgehend entchristianisierten Umwelt womöglich eher gewachsen, wenn sie sich als ein Graswurzel-Netzwerk kleiner Gemeinschaften organisierte, in denen Zugehörigkeit nicht durch formale Mitgliedschaft hergestellt wird, sondern vielmehr durch persönliche Beziehung und durch aktive Teilnahme am religiösen und sozialen Leben der Gemeinde.

Gleichwohl wird man gut daran tun, sich ein solches "Gesundschrumpfen" der Kirche nicht allzu idyllisch vorzustellen. Die Kirche wird, wenn sie aus ihrer Rolle als finanz- und mitgliederstarke, gesellschaftlich relevante Institution – einer Rolle, die sie immer weniger glaubwürdig auszufüllen vermag – heraustritt, vieles, ja nach weltlichen Maßstäben vielleicht sogar fast alles verlieren, und es steht nicht zu bezweifeln, dass dieser Verlust schmerzlich sein wird.

Die Kirche kann sich von weltlichen Ansprüchen frei machen

Aber wenn er letztlich doch unausweichlich ist, können wir wenigstens dafür Sorge tragen, dass es ein heilsamer Schmerz wird.  Eine "entweltlichte", eine "von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche" – so mahnte Papst Benedikt XVI. im Jahr 2011 im Freiburger Konzerthaus – könne sich "besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden", ihre "Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben", und die "missionarische Pflicht, die über der christlichen Anbetung liegt und die ihre Struktur bestimmen sollte", werde "deutlicher sichtbar".

Vielleicht ist gerade das Weihnachtsfest ein guter Anlass, sich durch den Blick auf die nach weltlichen Maßstäben doch sehr bescheidenen Anfänge des Christentums im Stall von Betlehem daran erinnern zu lassen, dass die Kirche, um ihren göttlichen Auftrag zu erfüllen, in letzter Konsequenz nichts anderes nötig hat als das, was sie unmittelbar von Gott erhält: das Wort, die Sakramente und den Beistand des Heiligen Geistes. "Das Christentum", so schrieb G.K. Chesterton vor bald einem Jahrhundert, "ist zahllose Male gestorben und wiederauferstanden; denn es hat einen Gott, der den Weg aus dem Grab kennt." 

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