Wesen der Kirche

Braucht Christsein Kirche?

Die Kirche als „Spenderin der Gnade“ aufzufassen, ist etwas aus der Mode gekommen. Das muss nicht so bleiben.
Lichtkunstfestival „Evi Lichtungen“ in Hildesheim
Foto: dpa | Eine Besucherin steht im Weltkulturerbe Kirche St. Michaelis, das beim Lichtkunstfestival „Evi Lichtungen“ vom Künstlerkollektiv „Penique Productions“ von innen verhüllt und illimuiniert wurde.

Im Rahmen des viele mit Reformhoffnungen motivierenden, aber durch seinen Säkularismus auch viele irritierenden „Synodalen Weges“ der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken wurde nicht nur über Frauenpriestertum und Zölibatspflicht diskutiert, sondern auch darüber abgestimmt, ob es ein priesterliches Amt in einem zeitgemäßen Christentum überhaupt noch braucht. Das war keine bloße Provokation, sondern eine wirkliche Frage der einem modernen Dekonstruktivismus zuneigenden Frankfurter Delegiertenmehrheit. Es wird dann argumentiert, Jesus habe kein hierarchisches klerikales Priestertum begründet, sondern seine Jüngerschaft zur gleichberechtigten Brüderlichkeit/Geschwisterlichkeit und gegenseitigen Liebe verpflichtet. Standesunterschiede habe es im Urchristentum noch nicht gegeben, sondern seien eine mittelalterliche, auf römischem Recht basierende Fehlentwicklung, die eine Reform der Kirche hinter sich lassen müsse.

Wer einmal solche Erwägungen begonnen hat, wird dann auch weiter fragen, ob Christsein überhaupt einer Kirche wie der weltweit agierenden und kirchenrechtlich verfassten römisch-katholischen Kirche bedarf. Ist Religion und Christsein nicht Privatsache, die zuerst den Einzelnen in seiner Nachfolge betrifft und alles Soziale und Rechtliche als verfremdend ausblendet? Der radikale Christ Sören Kierkegaard, dem die katholische Marianität und Gemeinschaft der Heiligen nicht vertraut war, hat im 19. Jahrhundert die bürgerliche dänische Staatskirche sogar als Verunmöglichung echten Glaubens gesehen und sich vor seinem Tod als Christuszeuge massiv gegen sie gestellt.

„Kirche versteht und lebt nur, wer sie trotz allem Negativen
als Mittlerin zu Christus und Spenderin der Gnade,
vor allem der Gabe der Eucharistie, zu lieben vermag.
Deshalb glaubt niemand allein und ohne frei gewählte Bindungen“

Braucht sich ein Gläubiger von einer amtlichen Institution oder einem Kleriker etwas in seinen Glauben und sein persönliches Christusverhältnis hineinsagen lassen? Gewiss nicht! Aber Kierkegaard hat übersehen, was Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. 2006 als Motto seines Besuchs in seiner bayerischen Heimat wählte: „Wer glaubt, ist nie allein!“ Das gilt übernational-global und auch existenziell vor Ort. Wie wenig Priestertum und Kirche überflüssig sind, erkennt man am unmittelbarsten aus der Perspektive einer Pfarrei, in der ein Christ geboren und getauft, gefirmt und verheiratet wird, seinen Sonntag hält, die Sakramente der Buße und Eucharistie empfängt und am Ende seines Lebens kirchlich begraben wird. So hat eine Pfarrei den Gläubigen bisher Geborgenheit, Verlässlichkeit und Heimat im Glauben vermitteln können, in denen niemand „allein“ oder isoliert blieb. Das Kirchenjahr hat immer wieder die Heilsereignisse in Erinnerung gebracht, die Glocken riefen nicht zu Protest, sondern zu Gebet und Gottesdienst.

Leider ist dieser Zusammenhang im Zuge moderner und säkularisierender Entwicklungen oft abhandengekommen. Der Sonntag hat seine sakrale Bedeutung verloren, der Gottesdienstbesuch ließ rapide nach und in die Pfarrgemeinden ist dann oft ein ungeistlicher Aktivismus eingedrungen. Ein Roman wie Georges Bernanos‘ „Tagebuch eines Landpfarrers“ (1936) trifft kaum noch die heutige Pfarrei-, Priester- und Glaubenswirklichkeit. „Kooperative Pastoral“ von Seelsorge-Teams hat den Bezug zu einem Pfarrer als „pastor proprius“ (eigener Hirte) in den immer größeren „Seelsorgeeinheiten“ verstellt.

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Ohne Priester, ohne Sakramente ohne Kirche wird das Christentum relativierbar

Damit steigt die Versuchung, das Christsein orientierungslos allein zu leben, auf die private Bibellektüre zu beschränken oder ohne jede Praxis gar ganz aufzugeben. Glücklich, wer einen außerpfarrlichen Bezug in einer geistlichen Gemeinschaft oder bei einem ausstrahlenden Kloster gefunden hat. Denn ohne jede Form verdunstet der Glaube, wie ebenfalls von Bernanos gesehen wurde.

Dass christlicher Glaube einen „Widerhaken“ braucht, an dem er sich festhalten und auch anstoßen kann, ergibt sich aus seiner inkarnatorischen Struktur. Sonst könnte, wer ohne Priester, ohne Sakramentalität und ohne Kirche Christ sein will, bald auf die Idee kommen, dass auch Christus relativierbar ist im Sinne pluralistischer Religionstheorien. Der Bonner Theologe Karl-Heinz Menke hat in mehreren Büchern vor diesen Abwegen gewarnt, zuletzt in „Inkarnation. Das Ende aller Wege Gottes“ (Regensburg 2021).

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Antirömische Affekte gegen das Papsttum gab es immer wieder

Dieser „Widerhaken“ liegt nicht nur in der bis zum Kreuzestod führenden Menschwerdung Gottes, sondern auch in ihrer Weiterführung im mit der Eucharistie, der Auferstehung und Geistsendung verbundenen kirchlichem Amt, das eben nicht dekonstruktivistisch zu eliminieren ist, sondern wie das Kreuz bis ans Ende der Zeiten ein Zeichen des Widerspruchs (Lk 2, 34f) und des Ärgernisses (Mt 11, 6; 1 Kor 1, 23) bleibt. Gegen das Papsttum hat sich geschichtlich immer wieder ein „antirömischer Affekt“ (Carl Schmitt; Hans Urs von Balthasar) geregt, ob von „rechts“ oder von „links“ angefacht.

Auch die Kontestationen zur Geschlechterfrage, die in Anknüpfung an eine Gender-Anthropologie teilweise auch auf dem „Synodalen Weg“ offenbar wurden, hängen damit zusammen. Fixierung auf Macht- und Strukturfragen mag Soziologen und Medienleute interessieren, kann aber nicht zu einem friedvollen, respektvollen und empathischen Umgang des Einander-lieben führen.

Eindrückliche Plädoyers von Ratzinger und Balthasar

Schon 1971 haben Hans Urs von Balthasarund Joseph Ratzinger in der Münchener Katholischen Akademie Bayern zwei eindrückliche Plädoyers gehalten über „Christ-Sein heute“ und „Warum ich noch in der Kirche bin“ (Neuausgabe Freiburg 2013). Die damaligen Argumente bleiben weiter aktuell: Kirche versteht und lebt nur, wer sie trotz allem Negativen als Mittlerin zu Christus und Spenderin der Gnade, vor allem der Gabe der Eucharistie, zu lieben vermag. Deshalb glaubt niemand allein und ohne frei gewählte Bindungen. In einem fiktiven Dialog „Was geht mein Glaube die Kirche an?“ sagte Hans Urs von Balthasar abschließend: „Persönliche Religion ist das Gegenteil von privater Religion, je persönlicher sie wird, desto offener für Gemeinschaft ist sie auch. So entspricht es dem innersten Mysterium Gottes: Der Sohn, der Vater, der Heilige Geist sind in der Einheit Gottes austauschbare ,Personen‘, aber sie sind es nur kraft des ewigen Austauschs der Liebe zwischen ihnen“ (Die Antwort des Glaubens, Neuausgabe Freiburg 2005, 53).

Wenn so theologisch und spirituell wieder die richtigen Prioritäten gesetzt werden, ist niemand im Christsein isoliert oder entfremdet, kann es zu einer „Reform aus dem Ursprung“ (Walter Kasper) kommen und eine neue Evangelisierung wird freudige Wirklichkeit.

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