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„Verein katholischer deutscher Lehrerinnen“: Bildung braucht Wissenschaft – und Orientierung

Der „Verein katholischer deutscher Lehrerinnen“ befasste sich auf seiner Jahrestagung mit dem Verhältnis von Ideologie, Wissenschaft und Orientierung.
Ursula Maria Fehlner
Foto: Verein katholischer deutscher Lehrerinnen (VkdL) | Bundesvorsitzende der katholischen Lehrerinnen: Ursula Maria Fehlner.

Wissenschaft statt Ideologie – Grundlage jeder Bildung“ lautete das Thema der diesjährigen Jahrestagung des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen e.V. (VkdL) im Kloster Himmelpforten am vergangenen Wochenende. Mit Blick auf gesellschaftliche Strömungen wie Postkolonialismus, Gender oder Wokeness, die sich auch im Bildungsbereich zunehmend auswirken, ist dieses Thema ohne Zweifel hochaktuell. Der traditionsreiche Berufsverband für Pädagoginnen aller Bildungsbereiche und Fachrichtungen vom vorschulischen Bereich bis zur Universität wurde im Jahr 1885 in Koblenz von Pauline Herber gegründet, wie Bundesvorsitzende Ursula Maria Fehlner der „Tagespost“ gegenüber erläutert.

„Wie der Name schon aussagt, hat sich der VkdL vom Beginn an bis heute am christlichen Menschenbild sowie an der Glaubens- und Sittenlehre der katholischen Kirche orientiert“, charakterisiert Fehlner den reinen Frauenverband. Daher ist der Verband auch Mitglied der internationalen katholischen Lehrerschaft, der UMEC/WUCT. „Der VkdL richtet sich primär an katholische Frauen, die Lehren und Erziehen als Beruf ausüben oder ausgeübt haben und eine entsprechende Ausbildung besitzen, Männer sind aber im Förderverein und während der Tagungen herzlich willkommen“, beschreibt die frühere Lehrerin die Zielgruppe. Zu den Fördermitgliedern gehöre beispielsweise der emeritierte Bamberger Erzbischof Dr. Karl Braun. Mit Blick auf die Zukunft äußert sich Fehlner hoffnungsvoll: „Wir stellen ein neues Interesse bei jungen Menschen fest, die bewusst ein katholisches Profil suchen. Unser bekanntestes Mitglied und inzwischen unsere Fürsprecherin auch in diesem Bereich ist die heilige Edith Stein.“

Was ist überhaupt Ideologie?

Am Tagungsthema orientiert stand der hochkarätige Festvortrag des Rechtshistoriker Dr. Tilman Repgen unter dem Titel „Bildung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Ideologie“. Der Ordinarius für Deutsche Rechtsgeschichte, Neuere Privatrechtsgeschichte und Bürgerliches Recht sowie Dekan der Fakultät für Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg stellte grundsätzliche Erwägungen zu den Begriffen Ideologie, Bildung und Wissenschaft in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Zunächst unterschied Repgen zwischen zwei möglichen Bedeutungen von Ideologie. Meistens werde Ideologie wie schon von Napoleon abwertend verwendet und in einen Gegensatz zur Wissenschaft gebracht. „Solche Ideologien sind in der Regel durch die Verabsolutierung einzelner  Aspekte des menschlichen Lebens gekennzeichnet, aus der sie eine Gesamtdeutung der Welt ableiten. Das führt zur Einseitigkeit und damit Unrichtigkeit, wie es etwa heute für gender und wokism zu sagen ist.“

In einem freiheitlich-demokratischen Staat sei diese Sichtweise allerdings schädlich für die Bildung. Sie verstelle den Blick auf ein Problem der Wissenschaften, die generell nicht voraussetzungslos arbeiteten, sondern weltanschauliche Grundanlagen hätten. „Es sind immer Vorwegannahmen nötig, und diese Vorwegannahmen sind auch weltanschaulich geprägt“, betonte Repgen. In den Sozialwissenschaften aber verstehe man unter Ideologie ein gesellschaftlich geteiltes System von Überzeugungen im Sinne einer Weltanschauung und rücke damit „sehr nahe an etwas, das durchaus zur Bildung zählt: nämlich die Orientierung am Menschen.“

Wissenschaft braucht Empirie

Anschließend erläuterte der Festredner die Grenzen der Wissenschaft. „Die Wissenschaften können nur Teilaussagen über die Welt machen, niemals die ganze Welt erklären. Ihr Objekt sind stets Ausschnitte des Ganzen.“ Das gelte gleichermaßen für Geistes- wie Naturwissenschaften. „Die Kernfrage der Wissenschaft lautet: was ist empirisch beweisbar? Eine Weltanschauung kann sie nicht produzieren“, betonte Repgen. Die Geschichtswissenschaft etwa könne „keine Antwort auf den Sinn der Geschichte geben“, wie dies der Glaube mache. Ebenso müssten andere Disziplinen bei dieser Frage die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft respektieren. „Wenn die Theologie Aussagen über die Heilsgeschichte macht – etwa, wenn die Begründung für ein bestimmtes Ereignis gegeben wird –, hat dies vor den Augen der Geschichtswissenschaft nur dann Bestand, wenn sich diese Begründung auch aus der Sichtweise der empirischen Geschichtswissenschaft als mindestens mögliche Deutung ergibt“, führte Repgen gegenüber dieser Zeitung aus.

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Als Kernfrage der Bildung schließlich benannte der Referent die Frage nach dem Menschen, die stets eine weltanschaulich geprägte Antwort hervorbringe. Im historischen Rückblick nannte Repgen hier den Versuch des Materialismus, alle Welterklärung auf materielle Zusammenhänge zu reduzieren, die Idee, alles als eine Entwicklungsgeschichte zu beschreiben sowie Darwins verbreitete Hypothese, das Leben sei spontan entstanden und habe nur eine materielle Ursache. Die Folge: „Normative Systeme sind vor diesem Hintergrund dann ganz auf Nützlichkeit ausgerichtet. Es geht nur noch um die Durchsetzung von Interessen, nicht von Wahrheit.“

Gestaltung des unvollkommenen Menschen

Bildung an sich definierte Repgen als den Prozess der Gestaltung des unvollkommenen Menschen, nach Pico della Mirandola hin zur freien und selbstbestimmten Entscheidung der Person, nach Thomas von Aquin mit dem Ziel der Rückkehr des ebenbildlichen Individuums zu Gott. Bildung brauche zwar Wissenschaft, aber auch eine Richtung, ein Ziel, die Orientierung am Sinn des Lebens, so Repgen. „Das wird vom Glauben geleistet. Er baut auf Vertrauen, das wiederum aus persönlichen Beziehungen wächst. Bildung braucht daher Vorbilder.“ Da Glaube und Vernunft nach Johannes Paul II. „unterschiedliche Erkenntnisordnungen“ seien, dürfe „der Glaube nicht mit wissenschaftlich begründeten Erkenntnissen in Widerspruch geraten. Aber auch die materialistische These über die Entstehung des Lebens ist nicht wissenschaftlich bewiesen.“ Der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt jedenfalls habe auf dem Sterbebett in einem abstrakten Glauben Halt und Zuversicht gefunden und damit „einen Sinn, den die Wissenschaft letztlich nicht zu zeigen vermag, der aber doch für die Bildung des Menschen wichtig ist.“

Weitere herausragende Elemente der Tagung waren die von Annette Schöningh kuratierte Ausstellung „Die Weiße Rose – Gesichter einer Freundschaft“ sowie die Verleihung des Pauline-Herber-Preises für Personen oder Institutionen, die sich besonders im Bildungs- und Wissenschaftsbereich auf der Basis des christlich-katholischen Menschenbildes auszeichnen, an den Molekularbiologen, Internisten und Labormediziner Prof. Dr. Paul Cullen von der Universität Münster. Die Laudatio hielt Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (AlfA).

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