Weihnachtslieder

Balkanrhythmen und die slawische Seele

Ein Gespräch über Weihnachtslieder mit der polnischen Rock-Folk-Band ENEJ.
Besinnliche Stimmung
Foto: BL | In besinnlicher Nacht erwärmt das Weihnachtslied besonders die Herzen.

Christliche Weihnachtslieder nehmen in der polnischen Kultur einen prominenten Platz ein – nicht nur im kirchlichen Kontext, sondern auch in der Musikbranche. Sie werden noch weiter unterteilt, in Christi Geburtslieder (kolędy) und weihnachtliche Hirtenlieder (pastorałki), und von Künstlern aller Genres interpretiert. Der größte polnische Radiosender, RMF FM, betreibt sogar einen Streamingdienst ausschließlich mit polnischen Weihnachtsliedern. In der Vielfalt der Interpretationen wird erkennbar, wie ernst sich die polnische Musikszene dem Thema Weihnachtslieder widmet. Gegenüber der Tagespost erklärt Krzysztof Głowiński, Pressesprecher der RMF-Gruppe, dass auf RMF Kolędy 27 unterschiedliche Weihnachtslieder auf Polnisch gespielt werden. Aufgrund der verschiedenen Interpretationen ergebe das insgesamt 150 Titel, die polnischen Versionen von „Stille Nacht” mitgerechnet. Zu den unter den Hörern beliebtesten drei Interpretationen gehören: Gdy się Chrystus rodzi in der Interpretation von Ryszard Rynkowski, der seit den 1970-ern im Musikgeschäft ist, Dzisiaj w Betlejem von Bajm, einer, ebenfalls seit den 70-er Jahren bestehenden, polnischen Rock-Pop-Band um die Vokalistin Beata Kozidrak, und A wczora z wieczora von Enej, einer 2002 gegründeten Rock-Folk-Band. Die letztgenannte Interpretation ist musikalisch sehr ungewöhnlich und sticht unter den anderen Weihnachtsliedern deutlich hervor. Deshalb baten wir Enej um ein Gespräch. Auf unsere Fragen antworteten der Bandleader, Piotr Sołoducha, genannt Lolek, und der Pusonist der Band, Jakub Czaplejewicz, genannt Czaplay. 

 

2018 habt Ihr eine CD mit dem Titel Kolędy pod wspólnym niebem (Weihnachtslieder unterm gemeinsamen Himmel) herausgebracht. Darauf sind insgesamt 13 Weihnachtslieder, sowohl polnische als auch ukrainische, die Ihr sowohl auf Polnisch als auch auf Ukrainisch singt. Wie kam es zu der Idee für die Platte? 

LOLEK: Weihnachtslieder sind ein Thema, das uns allen sehr am Herzen liegt. Wir alle singen sie gemeinsam an Weihnachten und wir haben eine reiche Tradition an Weihnachtsliedern. Wir wollten uns unseren Lieblingsweihnachtsliedern stellen. Ausprobieren, wie die uns bekannten Melodien, die uns über viele Jahre hinweg in unseren Familienhäusern begleiteten, im Enej-Stil klingen könnten. War das ein erfolgreicher Versuch? Das, hoffe ich, werden die Hörer an Weihnachten selbst beurteilen. Aber wenn jemand schon nach der Platte greift und sie in den CD-Player einwirft, während er den Tannenbaum schmückt, halten wir das für einen vollen Erfolg. 

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Eure Version von A wczora z wieczora (Gestern zum Abend hin) gehört gemäß dem Pressesprecher des Radiosenders RMF zu den beliebtesten Interpretationen polnischer Weihnachtslieder unter den Hörern von RMF Kolędy (RMF Weihnachtslieder). Wie erklärt Ihr diese Beliebtheit?

CZAPLAY: Eine solche Meinung freut uns sehr. Wir betonen immer, dass die Hörer für uns am wichtigsten sind – für sie sind wir schöpferisch tätig. Und warum es so gekommen ist, dass gerade dieses Weihnachtslied den Hörern des beliebtesten Radiosenders in Polen am besten gefällt? Wahrscheinlich liegt es an der Stilistik, in die wir diese wunderschöne Melodie gehüllt haben. Balkanrhythmen und östliche Melodien in den Partien der Bläser sind das, was in unseren Seelen spielt, und wahrscheinlich haben wir damit die Hörer gekriegt. 

Ihr bezeichnet Euren Stil als Genremix. Wie kann man ihn Lesern, die Eure Musik nicht kennen, beschreiben?

LOLEK: Es ist genau das, war Czaplay gerade gesagt hat. Jeder von uns ist auf eine andere Weise von Musik fasziniert, doch was uns verbindet, ist, dass uns ganz bestimmte Musikstile anziehen. Es ist das bereits erwähnte Balkan-Feeling und die östlichen Melodien. Als Slawen spielt uns genau das in der Seele. Wir haben den Eindruck, dass eine gelungene Verbindung der unterschiedlichen Stile auf das Endkolorit der Komposition Einfluss hat. Deshalb ist Enej eine derart explosive Mischung unterschiedlicher Musikgenres.


Wer sind Eure Hörer und plant Ihr weitere Interpretationen polnischer Weihnachtslieder?

LOLEK: Wer sie sind? Das ist eine schwierige Frage, weil wir nicht wissen, in wessen Hände unsere Platten gelangen und in welchen Haushalten die Menschen unsere Songs streamen. Aufgrund der Besucherfrequenz bei unseren Konzerten können wir aber feststellen, dass die Bandbreite unserer Hörer sehr groß ist. Das freut uns sehr. Denn Musik trennt nicht, sondern verbindet. Sie verbindet Generationen. Wenn wir auf unseren Konzerten an der Bühne ganze Familien sehen, angefangen bei Enkelkindern bis hin zu Großmüttern, dann jubelt unser Herz und wir kommen zu dem Schluss, dass unsere „Weihnachtliedermission“ in einem gewissen Maße tatsächlich erfüllt wurde. 

Wie oft hat sich Euer Album Kolędy pod wspólnym niebem verkauft?

CZAPLAY: Eine schwere Frage und leider kenne ich die Antwort nicht. Doch es ist nicht wesentlich, „wie viele Platten verkauft wurden“, sondern wie viele Herzen unsere Musik erreicht hat. In wie vielen Häusern die Menschen unsere Interpretationen der Weihnachtslieder hörten, während sie ihren Tannenbaum schmückten oder Piroggen für Heiligabend kneteten. In wie vielen Wohnungen jemand dank unserer Klänge gelächelt oder einen nahen Menschen umarmt hat. Diese Statistiken interessieren uns am meisten, ganz besonders in der Weihnachtszeit. 

 

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