Profanierte Menschwerdung

Aufgesetzte vorweihnachtliche Volkstümelei ist peinlich

Weihnachten gerät in der Öffentlichkeit auf Glückskeksniveau. Dazu tragen das Limburger Spritzgebäck bei, wie auch der Rentierpullover vom Södermarkus.
Putin mit Kerze
Foto: Alexander Demianchuk (imago stock&people) | Berechnende Heuchelei: Es geht um PR und vermeintliche Volksnähe, wenn Despoten, Politiker oder auch kirchliche Amtsträger sich bodenständig geben, sich unter die Menschen mischen oder religiöse Feste zur Show ...

Seit Kompetenz in der Sache durch medienwirksame Emotionen ersetzt wurde, wird der Krieg um die besten Bilder im politischen Diskurs mit deutlich perfideren Bandagen geführt. Zählte früher das Vorzeigen von Statussymbolen wie „mein Auto, mein Haus, meine Frau“, wird dies patriarchal-angeberische Gehabe inzwischen durch gespielte Volkstümelei ersetzt. Der Grat zwischen Authentizität und Lächerlichkeit ist dabei schmal. Nicht selten ist die Inszenierung derart plump, dass es nur für ein Fremdschämen reicht. Gelungen ist Volksnähe immer nur dann, wenn sie unabsichtlich daherkommt und beiläufig bemerkt wird. Wenn etwa ein Putin sein Kerzchen bei den Orthodoxen anzündet, tropft die Berechnung gleichzeitig mit dem Wachs auf den Boden.

Meine Schwiegermutter konnte hingegen noch jahrelang davon berichten, wie sie einst in der prima filia des Petersdoms sitzend Benedikt XVI. dabei ertappte, wie er nach dem Putzen der päpstlichen Nase das Taschentuch dezent in seinem Ärmel verschwinden ließ: „So mache ich das auch immer“ frohlockte die Schwiegermutter und hatte den Papst forthin, Protestantismus hin oder her, emotional adoptiert.

„Es müssen sich hochbezahlte PR-Abteilungen über Wochen den Kopf zerbrochen haben,
wie man beim Wähler vorweihnachtliche Backe-backe-Kuchen-Harmlosigkeit
mit gestandenem Traditionsbewusstsein vereint“

Die Vorweihnachtszeit ist nun Gold wert für die Herrschenden, um sich „nah an den Menschen“ zu zeigen. Gerade lüftete der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz das Weihnachtsgeheimnis von Limburg nicht etwa durch eine beeindruckende Predigt, sondern durch das mutige Bekenntnis als Weihnachtsschleckermäulchen. Zu den heiteren Klängen von „Jingle Bells“ zeigt er sich per Videobotschaft bei der Plätzchen-Verkostung. Wir lernen, „Spritzgebäck ist das, was ich am allerliebsten“ mag und „ein bisschen Nutella drin, das ist schon fein“. Die Makrönchen entlocken gar ein „Hmmm und Kokos!“, um schließlich fachmännisch die Vanillekipfel abzukanzeln: „Also die Zipferl, die sind glaub ich gekauft!“ Die Weihnachten auf Glückskeksniveau.

Derweil üben sich in der Politik Markus Söder und Friedrich Merz im CSU-CDU-Gerangel, wer im Bilderkrieg der Social Media Kanäle dieses Jahr die goldene Adventskerze gewinnt. Merz hatte mit einem überdimensionalen Tannenkranz aus seinem Wohnzimmer vorgelegt, dafür zündet der Södermarkus jeden Sonntag mit wechselndem Pullover ein weiteres Kerzchen an. Der Bayer an sich hat ja qua Landstrich immer einen unfairen Volkstümlichkeitsvorsprung und Merz hatte was gut zu machen in Sachen „Ich bin einer von euch“. Die Erinnerungen an seinen Privatjetflug zur Hochzeit von Christian Lindner kostete enorm Punkte beim kleinen Mann auf der Straße, der die Kerosinladung bis nach Sylt gedanklich mit seiner Pendlerpauschale im Ford Fiesta verrechnete.

 

 

Missbrauch der Glaubenssymbolik

Nun könnte man einwenden, es sei doch erfreulich, wenn zumindest jene Politiker mit dem „C“ im Parteinamen noch Restspuren christlichen Brauchtums demonstrieren, während andere bereits dazu übergangenen sind, die Weihnachtsgrüße religionsneutral in Wintergrüße umzuschreiben. Dass Merz und Söder aber zum 4. Advent ernsthaft beide mit Rentier-Rudolph-Bildern grüßten, war so glaubenstief wie Limburger Spritzgebäck.

Bleibt noch die Frage: was trägt der Mann im Advent, jetzt, da Cordhosen und gutsitzende Tweet-Jackets einen verdächtig machen, als Reichbürger den Republiksturz herbeizusehnen? Es müssen sich hochbezahlte PR-Abteilungen über Wochen den Kopf zerbrochen haben, wie man beim Wähler vorweihnachtliche Backe-backe-Kuchen-Harmlosigkeit mit gestandenem Traditionsbewusstsein vereint.

Vieles wirkt für kundige Beobachter lächerlich

Es war mir nicht möglich, im Vorfeld zu klären, wer im Team Söder ihn eigentlich so sehr hasst, dass man ihm dafür ernsthaft einen „Rudolph das Rentier mit der roten Nase“-Strickpullover aufschwatzte, um ihn als bayrischen Ministerpräsidenten für die Ewigkeit der Lächerlichkeit preiszugeben. Immerhin haben beide Weihnachtswichtel einwandfrei die Handhabung von Streichhölzern demonstriert, was bitte nicht als politisches Zündeln missverstanden werden darf, wer will schon kurz vor dem Krippenspiel den Islamisten die Rolle des religiösen Extremisten streitig machen? In diesem Sinne: Frohen Rentiertag!

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