Arche in einem Ozean der Verwirrung

Die prophetische Vision von „Humanae vitae“ und „Veritatis splendor“ stand im Zentrum eines hochkarätig besetzten Symposiums des Internationalen Theologischen Instituts (ITI) in Trumau. Die traurige gesellschaftliche Realität erhellte den Wert beider Enzykliken für das Verständnis des Menschseins. Von Christine Wiesmüller
Arche Noah
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Während wir hier zusammengekommen sind, um die prophetische Enzyklika ‚Humanae vitae‘ zu feiern, zu diskutieren und in der Tiefe zu analysieren, findet ein anderes Treffen statt, das weit größer ist als das unsere, das hochdotiert und prominent besetzt die Verbreitung künstlicher Empfängnisverhütung propagiert“, begann Obianuju Ekeocha ihren Vortrag an der Hochschule Trumau bei Wien über die Auswirkungen der Verhütungsmittel-Industrie in Afrika. Seit 2009 finde die Konferenz über „Family Planning“ (ICFP) alljährlich unter Einbindung des „Bill und Melinda Gates Instituts“ der John Hopkins Universität, westlicher pharmazeutischer Unternehmen, westlicher staatlicher Entwicklungshilfe, westlicher gemeinnütziger Stiftungen und westlicher Abtreibungsorganisationen in Afrika statt. „In den letzten zwei Jahrzehnten hat die entwickelte Welt 106,2 Milliarden US-Dollar in die Entwicklungsländer investiert, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen“, so die in London und Nigeria ausgebildete Mikrobiologin, die die Organisation „Culture of Life Africa“ ins Leben gerufen hat.

2012 habe sie einen offenen Brief an Melinda Gates gerichtet, die 4,6 Milliarden Dollar investiert habe, um in Nigeria eine künstliche Verhütungsmaschinerie aufzubauen. Jährlich würden neun Milliarden Dollar in Afrika investiert, um einen „imaginären Kampf“ gegen die Fruchtbarkeit afrikanischer Frauen zu führen. Eines der sichtbarsten Zeichen dieser Investitionen seien die riesigen Plakatkampagnen, die für Kondome und künstliche Verhütung werben. In sämtlichen afrikanischen Ländern würden die Hauptstraßen mit diesen Werbeplakaten zugepflastert, hinzu kämen gezielte, von der UNO mitfinanzierte Veranstaltungen und Schulungsprogramme für die Jugend.

Angesichts der zerstörerischen Aids-Epidemie, die gedroht habe, Uganda auszurotten, habe man zu drastischen Maßnahmen gegriffen und landesweit eine auf Aufklärung, Selbstkontrolle, Abstinenz und Treue basierende Strategie entwickelt, die in Ausnahmefällen Kondome für jene zugelassen habe, für die Vorgenanntes unlebbar gewesen sei. „Innerhalb weniger Jahre war der Wandel sichtbar vollzogen. Er zeigte sich auch im WHO-Bericht über Aids von 1989 und 1995“, führte Ekeocha aus. Es habe eine Reihe von Experten gegeben, die ehrlich genug gewesen seien, diesen Wandel anzuerkennen.

Die Kulturen Afrikas seien unter Beschuss, nicht mit Waffen, sondern mit Latex, Implantaten, Metallen, Injektionen, Pillen und Chemikalien, die in die Wasserversorgung und in die Landwirtschaft gelangen und wesentlich zur Verseuchung der Umwelt beitragen würden. Es sehe so aus, als würde es einen „Krieg“ gegen die afrikanischen Frauen und ihre Fruchtbarkeit geben, geführt von wohlsituierten, reichen westlichen Investoren. Ekeocha beendete ihre Ausführungen mit einem drastischen Vergleich: Es gebe drei Möglichkeiten, an einem Essen teilzunehmen: als Gast, als Kellner und als Speise. „Afrika ist nicht mehr länger die Speise!“

In Lateinamerika seien ähnliche Entwicklungen wie in Afrika im Gange, aber es würden sich auch Tendenzen wie im Westen zeigen, meinte der Philosoph und Bildungsexperte Carlos Beltramo, der akademische Leiter der „Allianz für die Familie“ in Lateinamerika. „Die Geburtenraten sinken. Eine neue, noch unveröffentlichte Studie zeigt, dass die Geburtenrate 1975 bei 4,77 Kindern pro Frau lag. Bis 2015 sank sie um mehr als die Hälfte. Heute kann man sagen, dass Lateinamerika am unteren Level des Generationenwechsels angekommen ist.“ Aufklärungskampagnen in den Schulen würden die Kinder bereits lehren, dass der beste Weg, Wohlstand zu erreichen, sei, lediglich zwei Kinder zu bekommen. Das sei die Modell-Familie. Für viele Paare sei auch die schlechte wirtschaftliche Situation ausschlaggebend, weniger Kinder zu bekommen, so Beltramo. Man dürfe auch nicht vergessen, dass die künstliche Empfängnisverhütung über viele Jahre in den Schulen intensiv gelehrt wurde. Die Menschen würden die künstliche Verhütung praktizieren, ohne darüber nachzudenken. Sie sei gesellschaftlicher „common sense“. Für die Rolle des Staates und seiner Familienpolitik sei bezeichnend, dass keines der 18 spanischsprachigen Länder ein Familienministerium oder Staatssekretariat von Bedeutung habe. Nur Argentinien und Guatemala hätten ein Sub-Sekretariat, vier Länder lediglich ein Büro.

Beltramo wörtlich: „Ecuador hatte einen ‚Plan Familia‘, bei dessen Erarbeitung auch unser Institut involviert war. Die neue Regierung eliminierte 2017 dieses Konzept und ersetzte es durch ein ‚Office‘ für Gender-Ideologie in der Bildung. Genderideologie fördert sexuelle Beziehungen, indem sie die Bedeutung des Begriffes ‚Verantwortung‘ verzerrt. Für Gender-Ideologen bedeutet ‚verantwortlich‘ handeln immer Verhütung.“ Solange der Staat diese Ideologie systematisch als „die richtige Vorgehensweise“ verbreite, werde den großen Familien in Lateinamerika die Basis entzogen. Familien mit vielen Kindern seien mittlerweile auch Diskriminierungen ausgesetzt. Die argentinische Regierung unterstütze Familien bis zu einer gewissen Größe mit einem bestimmten Betrag für jedes Kind. „Familien, die mehr als vier Kinder haben, wird nicht geholfen.“ Für Großfamilien sei es zudem schwieriger, einen Bankkredit zu erhalten. Auch der für viele Kinder erschwerte Zugang zur Bildung sei ein Grund, weshalb Familien weniger Kinder bekämen. Aber das werde von den Regierungen nicht gesehen.

Einen Einblick in ein „unbestreitbares Übel“ ermöglichte der via Skype zugeschaltete David Daleiden mit seinem Bericht über die Praktiken von „Planned Parenthood“, eine der größten Abtreibungsorganisationen weltweit. Sie beherrsche 40 Prozent des US-amerikanischen Marktes, der Umsatz liege bei 500 Millionen Dollar, täglich würden an die 320 Abtreibungen durchgeführt. Seit einigen Jahren sei die Organisation dazu übergegangen, mit dem Verkauf von Babyteilen und Organen einen richtigen Geschäftszweig zu entwickeln, so der Referent. Daleiden gründete 2013 das „Center for Medical Progress“ und startete eine „undercover“-Untersuchung, die er filmisch festhielt. Daleiden dokumentierte etwa ein Verkaufsgespräch: Zu sehen ist eine Mitarbeiterin von „Planned Parenthood“, die beim Essen in aller Ruhe mit einem potenziellen Käufer die Details über die Gewinnung der Organe bespricht. Bei der Tötung des Embryos sei sorgfältig darauf zu achten, dass die Organe unbeschadet bleiben. So werde von einem Labor eine Baby-Leber für 17 000 Dollar gekauft, ein Betrag, der ausreichen würde, um die Mutter davon zu überzeugen, ihr Kind zu behalten.

Berührend und authentisch war das Zeugnis des niederländischen Ehepaars Joris und Carolijn van Voorst tot Voorst, das darüber berichtete, wie es als Paar die natürliche Methode der Familienplanung lebte. Die Fallhöhe zwischen der gesellschaftlichen Realität und dem, was Leben und Dasein von Gott her gesehen ausmache, werde durch die Kontinuität der päpstlichen Lehrschreiben bis hin zu „Amoris laetitia“ deutlich, so der Tenor der Konferenz. Die Ursache des „materialistisch orientierten Blicks“ auf den Menschen liege in der Trennung des Untrennbaren, jener von „Weitergabe und Hingabe“.

Das Eins-Sein in der Liebe sei das der Ehe immanente „innere Gut“, die Kinder als Frucht dieses Eins-Seins das „äußere“, so Michael Waldstein in seinem Vortrag über den Begriff der „Natur“ im Neuen Testament und dessen Niederschlag in „Humanae vitae“. Waldstein war Gründungsdirektor des Internationalen Theologischen Instituts (ITI) und lehrt heute an der US-amerikanischen Universität von Steubenville. Einer der wesentlichen Gründe, mit der „Kontrazeption“ moralisch begründet werde, sei nicht die Befreiung der Frau vom „unausweichlichen Joch“ der Schwangerschaften, nicht die Überbevölkerung, nicht das Verständnis von sexueller Freiheit, sondern der gesellschaftliche Auftrag, das, was „von Natur her gegeben ist“, auf die menschliche, innerweltliche Ebene zu ziehen und zu definieren. Dieser Prozess werde durch die enormen technischen Möglichkeiten unterstützt.

Der Dekan der Hochschule Trumau, Bernhard Dolan, Judaist und Theologe, spannte in seinem Vortrag den Bogen von der „Intention Gottes, den Menschen ins Dasein zu rufen“, bis zur Sintflut. Die Korruption der Schöpfungsordnung habe sich auf eine nicht mehr tolerierbare Art und Weise in die allerersten Generationen des Menschengeschlechts „eingeschlichen“, so die Deutung des biblischen Berichtes. Die Flut habe Mensch und Vieh fortgerissen, lediglich die Bewohner der Arche hätten „in einer Familienstruktur“ überlebt, um eine neue Ordnung aufzubauen. Das anhaltende sexuelle Fehlverhalten des Menschen habe die Schleusentore der Destruktion geöffnet. In diesem Kontext erscheinen die Kirche und ihre Lehrschreiben wie „die Arche“ in einem Ozean der Verwirrung. Sie würden auf „die göttliche Wahrheit über das Leben“ verweisen – „das Ja zum Leben“.

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