Feuilleton

Archäologe neuerer Geschichte

Späte Würdigung: Der Schriftsteller F.C. Delius erhält den Georg-Büchner-Preis. Von Stefan Meetschen
Friedrich Christian Delius - Büchner-Preisträger
Foto: dpa | Erhält den Büchner-Preis: Friedrich Christian Delius.

Seit langem ist sein Name im deutschen Literaturbetrieb eine feste Größe, doch der ganz große Durchbruch blieb bisher aus. Das ändert sich nun mit der Vergabe des Georg-Büchner-Preises 2011, der wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Mittwoch in Darmstadt mitteilte, an den Schriftsteller Friedrich Christian Delius geht. „Als kritischer, findiger und erfinderischer Beobachter hat Delius in seinen Romanen und Erzählungen die Geschichte der deutschen Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert erzählt“, heißt es in der Begründung.

In der Tat hat F.C. Delius, der am 13. Februar 1943 in Rom als Sohn eines Pfarrers geboren wurde und in den hessischen Orten Wehrda und Korbach aufwuchs, immer wieder typisch deutsche Entwicklungen und Befindlichkeiten im Schatten des Krieges und der Teilung literarisch seziert. So sorgte der stets zurückhaltend wirkende Autor zuletzt mit seinem Roman „Die Frau, für die ich den Computer erfand“ (2009) für Aufsehen, in welchem er dem deutschen Computer-Erfinder Konrad Zuse entlang der historischen Realität ein literarisches Denkmal setzte. Wobei die Monologform des Textes bei den Rezensenten nicht nur Lob erntete, sondern auch auf Kritik stieß. „Eine reizvolle, radikal einseitige Form, die dem Roman indes auf seine Länge hin zu schaffen macht“, bemängelte damals die Wochenzeitung „Die Zeit“.

Dabei ist F.C. Delius, wenn man einen Blick auf sein umfangreiches Oeuvre wirft, durchaus spezialisiert auf das Romangenre der Doku-Fiction. In seinem ersten Roman „Ein Held der inneren Sicherheit“ befasste er sich mit der Entführung Hanns Martin Schleyers, in „Mogadischu Fensterplatz“ mit der Flugzeugentführung von 1977, sein erstes Theaterstück, „Waschtag“, 1988, basiert auf Albert Speers „Spandauer Tagebuch“. Delius, so wurde einmal lobend gesagt, sei ein Archäologe neuerer Geschichte, ein Autor, der sich für Recherchen so viel Zeit nimmt wie fürs Schreiben. Ein höflicher, mitunter bescheidener Erzähler, der seinen Figuren gern den Vortritt lasse.

Mit genau diesem Vortritt zögerte er jedoch bei der literarischen Schilderung seiner Mutter. In seiner autobiographischen Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ (1994), von manchen Kritikern als „spätes Zeugnis der deutschen Pfarrhausliteratur“ leicht verspottet, hatte er sie nur am Rande erwähnt. Zu drastisch bestimmt der allmächtige Vater dort das Geschehen. Erst mit dem Buch „Bildnis der Mutter als junge Frau“ (2006) widmete der Pfarrerssohn ihr ein ganzes Werk, das vielleicht aufgrund des persönlichen, verständnisvollen Tons Delius' lesenswertestes Buch überhaupt ist.

In „Bildnis der Mutter als junge Frau“ versetzt der Schriftsteller sich in den Januar des Jahres 1943, um einen Augenblick im Kopf des Mädchens zu denken, das, „mit einundzwanzig Jahren selber wie ein Kind“, allein in Rom mit ihm schwanger geht. Denn dorthin ist das „mecklenburgische Landmädchen“ ihrem Mann gefolgt, der hier die deutschen Protestanten hätte betreuen sollen, doch dann nach Nordafrika versetzt wird.

Nun bleibt die junge Frau, im achten Monat schwanger, zurück bei den Diakonissen in der Via Alessandro Farnese, einer der beiden rettenden Inseln im „Meer“ dieser katholischen Stadt, die doch so herrlich und anziehend ist. Von hier zur Christuskirche in der Via Sicilia führt der Weg, auf den der Sohn ihre Gedanken schickt: über den Tiber, die Piazza del Popolo, den Pincio-Hügel mit der Villa Medici, den Scheitel der Spanischen Treppe hinweg unters „Himmelszelt“ der Bachschen „Kreuzstabkantate“. „Ungebildet“ läuft sie vorüber an den „Wallfahrtsorten der Gebildeten“, fest überzeugt, sich ohne die klugen Erklärungen des geliebten Mannes nicht begeistern zu können.

Aber wenn sie einmal dem Kind in ihrem Bauch zuflüstert: „Bald wirst du das auch sehen, das schöne Oval dieses weiten, hellen Platzes und den Meeresgott mit seiner Gabel und alles hier“, dann spürt man, wie Delius ein klaglos-intime Einfühlung in die ihm nächste Person gelingt, wie sie wohl nur in der Literatur möglich ist. Die „römische Freude“ am Rande der dunklen Geschehnisse in Deutschland verleihen diesem Buch eine Leichtigkeit und Zärtlichkeit, einen echten Herzenston.

Wieso F.C. Delius, der in Berlin Germanistik studierte, dann bei Walter Höllerer 1970 promovierte und zudem an mehreren Tagungen der „Gruppe 47“ teilnahm, erst jetzt die höchste deutsche literarische Auszeichnung, die mit 50 000 Euro dotiert ist, bekommt, ist damit nicht beantwortet. Vielleicht, weil er einen aussterbenden Typus von Schriftsteller verkörpert. Einen Abschnitt deutscher Literaturgeschichte, der langsam vergeht. Die Verleihung ist am 29. Oktober 2011 im Staatstheater Darmstadt vorgesehen.

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