Glaube

Am Ende steht dann doch ein Wunder

Menschlich erkannte Naturgesetze sind kein Hinderungsgrund für Wunder. Wissenschaftler können das ohne Widerspruch anerkennen.
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Foto: IMAGO / UIG | Der ungläubige Thomas betrachtet die Wunde des auferstandenen Christus, wie Giorgio Vasari es sah.

Der christliche Glaube ist seinem Wesen nach Wunderglaube. Denn Sinn und Wahrheit des Christentums stehen und fallen mit dem Wunder der Auferstehung Christi. Schon der Apostel Paulus hat die zentrale Bedeutung des Auferstehungswunders im ersten Brief an die Korinther mit Nachdruck betont: „Wenn aber verkündet wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.“

Der Glaube an Wunder, der offenbar schon den frühen Christen schwerfiel, scheint heute für viele geradezu unmöglich geworden zu sein. Stellvertretend für die modernen Zweifler kann der evangelische Theologe Rudolf Bultmann angeführt werden, der meinte, man könne in Zeiten des elektrischen Lichts, des Radioapparats und des medizinischen Fortschritts nicht mehr an die „Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments“ glauben.

„Die Naturgesetze lügen“

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Paulus hat aber recht. Wenn das Wunder der Auferstehung nicht wirklich wahr ist, wenn es sich nicht tatsächlich in der Geschichte vollzogen hat, dann bleibt entweder nur der unumwundene Unglaube oder – vielleicht noch schlimmer, weil unaufrichtiger – die Flucht in ein pseudointellektuelles Scheinchristentum, das sich hinter metaphorischen Nebelkerzen versteckt, anstatt sich geradeheraus zu bekennen. Daher erfordert die rationale Verteidigung des Glaubens auch den Nachweis, dass Wunder möglich sind.

Nun spricht die bloße Existenz irgendeines technischen oder medizinischen „Wunderwerkes“ noch nicht gegen die Möglichkeit von Wundern. Ernster zu nehmen ist da schon der Einwand, der sich aus dem Wissen um die Naturgesetze ergibt, das mit der modernen Technik Hand in Hand geht. Die Kenntnis von einer naturgesetzlich geordneten Welt sei, so der Einwand, mit einem Glauben an Wunder schlicht unvereinbar, weil jedes Wunder eine Verletzung der Naturgesetze und damit deren Aufhebung bedeuten würde. Es scheint daher, dass man entweder an Naturgesetze oder an Wunder glauben könne, nicht aber an beides.

Der fallende Apfel muss nicht am Boden ankommen

Der Schein trügt aber. Denn anders als landläufig angenommen, beschreiben Naturgesetze gar nicht den faktischen Lauf der Dinge. Vielmehr geht es in Naturgesetzen um das Verhältnis physikalischer Größen, um Formeln. Sobald man diese zur Beschreibung realer Geschehnisse verwenden möchte, muss man die jeweiligen konkreten Umstände in Betracht ziehen. Diese sind aber immer anders und lassen sich daher nicht in die Form eines strikten Gesetzes pressen. Es folgt zum Beispiel aus dem Gravitationsgesetz nicht, dass ein Gegenstand, den man fallen lässt, mit gesetzmäßiger Notwendigkeit auf dem Boden landet. Ein solches „Gesetz“ wäre schnell widerlegt: Man müsste den Gegenstand nur in der Luft gleich wieder auffangen. Naturgesetze sind also nur auf Kosten eines empirischen Gehalts ausnahmslos gültig. Sobald aber der empirische Gehalt hinzukommt, lassen sich keine strikten Gesetze mehr formulieren. Um die Sache mit den Worten der Wissenschaftstheoretikerin Nancy Cartwright plakativ auf den Punkt zu bringen: Die Naturgesetze lügen.

Wunder verletzten daher auch keine Naturgesetze. Denn dass ein Wunder geschehen ist, heißt ja nichts anderes, als dass Gott in den Weltlauf eingegriffen und damit die konkreten Umstände verändert hat. Das ist aber ebenso wenig eine Verletzung der Naturgesetze, wie wenn ein Mensch einen herunterfallenden Apfel auffängt. Dennoch sind Wunder selbstredend etwas extrem Außergewöhnliches. Der Ausnahmecharakter von Wundern lässt sich am besten begreifen, wenn man die natürliche Ordnung im Anschluss an den heiligen Thomas von Aquin nicht mittels strikter Gesetzmäßigkeiten, sondern mit Verweis auf typische, aber eben nicht ausnahmslos zur Entfaltung kommende Anlagen, Tendenzen und Vermögen versteht. Die „Gesetze“ der Natur beschreiben dieser Auffassung zufolge nur, was normalerweise, nicht aber, was immer geschieht. Abweichungen von der Norm – beispielsweise allerlei Missbildungen im Bereich des Organischen – gibt es schon in der Natur zuhauf. Das Besondere an Wundern ist, dass sie als Ausnahmen vom Normalen zugleich auf eine höhere, gänzlich übernatürliche Kraft und Ordnung verweisen.

Wunder immer unwahrscheinlicher als alternative Erklärungen?

 

 

Neben dem zum Scheitern verurteilten Versuch, Wunder aufgrund ihres vermeintlichen Widerspruchs zu Naturgesetzen zu diskreditieren, kann sich der Skeptiker noch auf ein wirkmächtiges Argument des Philosophen David Hume berufen.

Hume argumentierte, dass die Behauptung, ein Wunder habe sich ereignet, immer unwahrscheinlicher sei als alternative Erklärungen wie etwa Sinnestäuschungen, Verschwörungen oder das Wirken unbekannter Naturkräfte. Es sei daher nie gerechtfertigt, an die Existenz von Wundern zu glauben.

Ein klägliches Scheitern?

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Die Überlegungen Humes beinhalten jedoch einen schwerwiegenden Denkfehler, weshalb der Wissenschaftsphilosoph John Earman ihm sogar ein „klägliches Scheitern“ attestiert hat. Hume verwechselt nämlich die intrinsische Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses mit der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses, wenn man die dafür vorgebrachten Zeugenaussagen und Belege berücksichtigt. Der Unterschied ist anhand der Ziehung der Lottozahlen leicht nachzuvollziehen: Dass gerade diese sechs Zahlen gezogen werden, ist immens unwahrscheinlich.

Und doch sind wir gerechtfertigt zu glauben, dass es tatsächlich die Gewinnzahlen sind, wenn die Lottofee sie im Fernsehen verkündet und auch die Zeitungen diese Zahlen abdrucken. Bei unserer Abwägung, ob wir einer Sache Glauben schenken dürfen, müssen wir immer auch berücksichtigen, wie wahrscheinlich es ist, dass es die entsprechenden Berichte gibt, ohne dass das Ereignis stattgefunden hat, also dass etwa die Lottofee Zahlen verliest, die gar nicht gezogen wurden. Tut man dies, ist es mitnichten der Fall, dass Wunder grundsätzlich unwahrscheinlicher wären als „natürliche“ Erklärungen.

Wissenschaft ohne Voreingenommenheit ist keine

Philosophisch gesehen gibt es also keinen guten Grund, die Möglichkeit von Wundern zu bestreiten. Die Frage nach ihrer Wirklichkeit ist natürlich eine andere und im Einzelfall zu prüfen. Wer aber unter Berufung auf „die Wissenschaft“ nicht bereit ist, dies unvoreingenommen zu tun, der offenbart sich nicht als Wissenschaftsfreund, sondern nur als Parteigänger eines philosophisch höchst zweifelhaften Szientismus, der den Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften fälschlicherweise für die ganze Realität hält.

Was schließlich das Wunder der Auferstehung angeht, dürfen Christen höchst zuversichtlich sein. Denn wie der Philosoph William L. Craig überzeugend dargelegt hat, ist die tatsächliche Auferstehung die beste Erklärung für vier zentrale historische Fakten: 1. das Begräbnis Jesu, 2. das leere Grab, 3. die Erscheinungen des auferstandenen Christus und 4. den auf diesen Erlebnissen basierenden Glauben der Jünger an die Auferstehung. Statt sich zu widersprechen, bilden Vernunft, Geschichte und Wunder in diesem Fall einen harmonischen Dreiklang.

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