Ausgereiztes Format

Alte Erzählkonzepte funktionieren nicht mehr

Starregisseure wie Denis Villeneuve und Christopher Nolan produzieren (zu) anspruchsvolle Blockbuster.
Kinostart - "Dune"
Foto: dpa | “Dune: Part One“ läuft seit Mitte September in den deutschen Kinos – in den USA erst seit Mitte Oktober.

Das ist erst der Anfang.“ Mit diesem verheißungsvollen Satz endet die Neuverfilmung des Science-Fiction-Klassikers „Dune“ des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve. Ein riskantes Schlusswort, das ein leeres Versprechen hätte sein können. Denn dass es zu einer Fortsetzung des Films kommt, war lange nicht klar – hatte der anspruchsvolle Film doch satte 165 Millionen Dollar gekostet, und, um nicht als Flop zu gelten, müsste „Dune“ mindestens 350 Millionen einspielen. Damit stand die Saga auf dem Spiel, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte.

„Bei Streamingdienst-Riesen ist man nicht darauf angewiesen,
dass ein erster Teil eines möglichen Franchises finanziell an der Kinokasse funktioniert,
sondern dass genug Internethype sowie Streamingclicks herausspringen“

Der finanzielle Zwischenstand am 1. November: 296 Millionen US-Dollar weltweit – dennoch erhielt Regisseur Villeneuve bereits jetzt grünes Licht für eine Fortsetzung, möglicherweise wurden wegen der Corona-Pandemie ein paar Augen zugedrückt. So kann die Heldenreise von Paul Artreidis (gespielt von Jungstar Timothée Chalamet) auf dem Wüstenplaneten Arrakis weitergehen – ein Hoffnungsschimmer für all diejenigen, die gerne anspruchsvolle Blockbuster auf der großen Leinwand schauen.

Dabei war „Dune“ im Vorfeld nicht nur aus ökonomischer Sicht ein Sorgenkind. An der Inszenierung von der von Autor Frank Herbert bis ins kleinste Detail durchdachten Welt sind in den vergangenen Jahrzehnten bereits Meisterregisseure wie David Lynch („Twin Peaks“) und Alejandro Jodorowsky („El Topo“) gescheitert. Während ersterer seinen 1984 gedrehten und an den Kinokassen gefloppten Dune-Film heutzutage quasi verleugnet, kam es bei letzterem nie zu einer Verfilmung. So ist es beinahe ein Wunder, dass Villeneuve („Arrival“, „Blade Runner 2049“) überhaupt zum Zuge mit seiner Neuverfilmung kam und diese nun sogar fortsetzen darf.

Gigantomanisch-zäh anstatt unterhaltend-locker

Lesen Sie auch:

Denn der Film – nunmehr „Dune: Part One“ – ist eines definitiv nicht: nämlich leichte Kost. Zwar ist die Geschichte von „Dune“ eigentlich schnell erzählt: Das Haus Artreidis vom Planeten Caladan bekommt vom galaktischen Imperator den Auftrag, auf dem Wüstenplaneten Arrakis, auch Dune genannt, zu herrschen. Sie sollen die finsteren Harkonnen ablösen und sicherstellen, dass auch weiterhin das sogenannte Spice, die wertvollste Substanz im ganzen Universum, abgebaut wird – doch die Harkonnen sinnen auf Rache.

Und ohne Frage: Villeneuves Film überzeugt handwerklich und imponiert in Sachen Ästhetik. Ikonische Szenen, in denen die starr-bleierne Sandmasse plötzlich auseinanderstiebt, wenn sich ein hunderte Meter langer Sandwurm aus dem Boden emporhebt, machen den Film sehenswert. Kinematografisch beeindruckend, gigantomanisch in der Inszenierung, jedoch mit dramaturgischen Schwächen und zähen Stellen im letzten Drittel. Dabei dröhnt Hans Zimmers extrovertierte Musik in die Ohren der Zuschauer. So als ob diese stets daran erinnert werden müssten, wie ernst man es tatsächlich mit dem Film und somit auch mit ihnen als Publikum meint. Denn eines ist Denis Villeneuves sandige Welt gewiss nicht: locker.

Stark verkopfte Inszenierung

Diese Art der ästhetisch hochwertigen, inhaltlich teilweise stark verkopften Inszenierung hat Denis Villeneuve mit anderen Regisseuren gemein: Wie beispielsweise Christopher Nolan („The Dark Knight“). Im Film-Branchenblatt „The Hollywood Reporter“ überschüttete Villeneuve den Regisseurkollegen vor kurzem mit viel Lob. Dieser sei ein Meister seines Fachs und der von diesem im vergangenen Jahr veröffentlichte Film „Tenet“ ein Meisterwerk.

Dass ausgerechnet diese Regisseure einander schätzen, liegt auf der Hand. Denn beide sprechen ein ähnliches Publikum an: eines, das zwar den Bombast liebt, jedoch weder Arthouse-Anleihen noch zum Teil etwas verkopften Erzählweisen gegenüber abgeneigt ist. Gewissermaßen kann Christopher Nolan mit verschachtelten Filmen wie „Inception“, „Interstellar“ oder dem bereits erwähnten „Tenet“ als Pionier dieser Art intelligenter Blockbuster gelten. Doch im August 2020 musste Nolan in seiner Karriere zum ersten Mal erfahren, wie es sich anfühlt, mit dieser Art verschwurbeltem Kinos keinen Kassenschlager landen zu können: Denn ausgerechnet der von Villeneuve so gepriesene „Tenet“ kostete 200 Millionen Dollar und konnte lediglich rund 350 Millionen einspielen – sonst nähern sich die Einspielergebnisse von Nolans Filmen der Milliardengrenze. Corona mag eine Rolle gespielt haben – möglicherweise war der Film, der auf verschiedenen Zeitebenen spielt, sogar vielen Nolan-Fans letztendlich zu abgefahren und kompliziert. Klug ist nicht immer smart.

Verschwurbeltes Erzählen ist kein Kassenerfolg mehr

Lesen Sie auch:

Klar ist: Arthouse-Blockbuster wie die von Villeneuve und Nolan sind den großen Filmstudios eigentlich mittlerweile zu teuer und stehen in keiner Relation mehr zu deren tatsächlichen Einspielergebnissen.

Dies ruft die Streamingdienste auf den Plan, wie beispielsweise im Fall eines dritten Regisseurs mit ähnlicher Blockbuster-Agenda: „300“- und „Justice League“-Regisseur Zack Snyder. Sein neuester Film „Army of the Dead“ startete am 14. Mai dieses Jahres auf Netflix und soll bereits innerhalb von nur vier Wochen von über 75 Millionen Menschen angesehen worden sein. Das Prequel „Army of Thieves“ mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle und als Regisseur war zu diesem Zeitpunkt bereits abgedreht. Über inszenatorische Risiken und dramaturgische Schwächen wurde hier erst gar nicht gesprochen, sondern einfach gefilmt. Denn bei Streamingdienst-Riesen ist man nicht darauf angewiesen, dass ein erster Teil eines möglichen Franchises finanziell an der Kinokasse funktioniert, sondern dass genug Internethype sowie Streamingclicks herausspringen.

In die Branche kommt Bewegung

Aufgrund dieser Aussichten kehrte Snyder im Sommer dieses Jahres seinem alten Geldgeber Warner (auch das Hauptfilmstudio für Villeneuve und Nolan) endgültig den Rücken. Seinen nächsten Film dreht er nur für Netflix: „Rebel Moon“, ein von „Star Wars“ und der japanischen Regie-Legende Akira Kurosawa inspirierter Science-Fiction-Film.

Auch Nolan hat mit Warner gebrochen. Sein neues Projekt „Oppenheimer“ wird nun von Universal finanziert. Dennoch bleiben er und Villeneuve im Gegensatz zu Snyder und anderen Regisseuren wie Martin Scorsese und David Fincher dem Kino und den Filmstudios treu: „Oppenheimer“ soll ab dem 21. Juli 2023 zu sehen sein – allerdings mit kleinerem Budget und geradlinigerer Erzählung. Auch die „Dune“- Fortsetzung hat einen Starttermin: „Dune: Part Two“ wird am 20. Oktober 2023 anlaufen – das „Kopfkino“ geht also (zum Teil) weiter.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Normalerweise verbinden Regisseure wie Denis Villeneuve („Dune“) Christopher Nolan („Tenet“) und Zack Snyder („Justice League“) Kunst mit Kommerz. Jetzt müssen sie sich teilweise umorientieren.
03.11.2021, 14  Uhr
Vorabmeldung
Es wirkt sehr schwierig: Der Streamingdienst setzt auf Qualität vor Quantität – und wird von der Konkurrenz abgehängt.
16.10.2021, 15  Uhr
Stefan Ahrens
Themen & Autoren
Jonathan Ederer Akira Kurosawa Science-Fiction-Filme

Kirche

Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Dass der US-Supreme-Court „Roe vs. Wade“ gekippt hat, war zweifelsfrei ein Sieg für den Lebensschutz. Sich von den Mächtigen der Welt das Heil zu erwarten, ginge aber an der Wirklichkeit vorbei.
05.07.2022, 07 Uhr
Rudolf Gehrig
Warum der Zweite Weltkrieg für die orthodoxe Kirche Entspannung brachte, die Verfolgung der Katholiken in der Sowjetunion aber stärker wurde.
05.07.2022, 19 Uhr
Rudolf Grulich