Feuilleton

Als die Revolution Gestalt annahm

Volkstribun, ständiger Pleitier und Don Juan: der Comte de Mirabeau liebte die englische Monarchie. Von Urs Buhlmann
Comte de Mirabeau, einer der Intellektuellen seiner Zeit
Foto: IN | Einer der Intellektuellen seiner Zeit: Der Comte de Mirabeau.

Den Namen kennt, wer sich mit der französischen Revolution beschäftigt. Da tat er sich als glänzender Redner hervor und konnte manches anstoßen. Honoré Gabriel Riqueti, Comte de Mirabeau, war zu vielem begabt, auch mit glühendem Ehrgeiz ausgestattet, wurde aber nie zu einer der wirklich entscheidenden Figuren der Zeit, wegen vielfacher persönlicher Defizite, aber auch deswegen, weil er im April 1791 eines plötzlichen Todes starb. Diese faszinierende, in einigen Punkten auch abstoßende Figur stellt uns nun einer der besten Kenner der jüngeren französischen Geschichte, Johannes Willms, in einer glänzenden Biographie vor, der es nicht an burlesken Elementen mangelt.

Aus südfranzösischer Familie stammend, die sich das Marquisat Mirabeau schlicht und einfach gekauft hatte, erbte er vor allem Prätentionen. Honoré war mit einem übermäßig großen Kopf geboren und bekam zudem als Kind die Blattern, was ihn dauerhaft entstellte. Er ist aber nicht der einzig körperlich Benachteiligte, der dies durch maßlose Ansprüche ans Leben und einen gewaltigen amourösen Appetit wettzumachen trachtete. Willms berichtet getreulich von den beiden Konstanten im Leben des Rhetors: Die schnelle erotische Entflammbarkeit, die jedoch nicht von Treue begleitet war, und ein Hang zum unmäßigen Schulden-Machen, was ihn immer wieder in brenzlige Situationen brachte. Vom Vater, der ihn wegen seiner Hässlichkeit und dann wegen seiner vielen Skandale nicht mochte, erbte er die Neigung zum Politisieren, was sich in einer endlosen Kette von gelegentlich etwas eitlen Büchern und Artikeln niederschlug. Später, zur Zeit der politischen Wirksamkeit Mirabeaus in den Zeiten des Umsturzes, wird es zu einer wichtigen Frage werden, ob und wie man den Moloch Paris ausreichend mit Lebensmitteln beliefern könne. Ein wesentlicher Teil des revolutionären Geschehens muss vor diesem Hintergrund betrachtet werden, wobei auch das ineffiziente und hochgradig ungerechte Steuersystem eine Rolle spielte.

Mirabeau nahm das alles mit wachen Sinnen wahr, wobei es weniger Mitleid mit den Armen war, das ihn bewegte, sondern mehr Empörung über die unbewegliche Staatsmaschinerie. Angesichts seines chaotischen persönlichen Lebens ist es erstaunlich, dass er überhaupt Zeit zu politischem Engagement hatte. Immer wieder veranlasste der eigene Vater, dass der Sohn wegen notorischen Schuldenmachens ins Gefängnis gesteckt wurde. Das Mittel dafür war der „Lettre de cachet“, vom Autor die „Quintessenz der absolutistischen Despotie“ genannt. Dabei handelte es sich um eine vom König eigenhändig ausgestellte Verfügung, die nicht zur Kenntnis der Staatskanzlei gelangte, also quasi inoffiziell war, und häufig „nicht mit den Interessen des Staates, sondern nur mit denen einer einzelnen Familie zu tun hatte. Ein einfaches, vom König unterschriebenes Blatt Papier genügte, um über die Freiheit der Untertanen zu disponieren, eine Ehebrecherin ins Kloster oder einen missratenen Sohn ins Gefängnis zu stecken oder zu verbannen.“

Die Auseinandersetzung mit dem Vater, auch mit der Familie seiner Frau, machte Mirabeau mit einer gewissen Schamlosigkeit öffentlich, versuchte so die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen und vor allem zu demonstrieren, dass das absolutistische Frankreich ein Unrechtsstaat war. Er wird zu einer bekannten, wenn auch nicht unbedingt gut beleumundeten Figur. In einer Reihe von Pamphleten, die zum Teil klandestin im Ausland gedruckt wurden, gelang es ihm geschickt, seine persönlichen Widerfahrnisse mit einer beißenden Kritik an der Regierung des schwachen Königs Ludwig XVI. zu verknüpfen, sich zugleich als Opfer darzustellen und zum Wortführer der Opposition zu machen. So wurde er zur öffentlichen Figur, dem man auch seine Eskapaden, vor allem den geringschätzigen Umgang mit Frauen, nachsah. Er trat für die Beseitigung der Vorrechte des Adels und für die Einziehung der Kirchengüter ebenso klar ein wie er gegen Rassismus Stellung bezog.

Bei Willms lässt sich die Vielzahl der Intrigen nachlesen, an denen Mirabeau, der zu einem der bekanntesten Mitglieder der Nationalversammlung wurde, aktiv beteiligt war oder, was nicht verwundern kann, deren Opfer er wurde. Jedenfalls war der streitbare Südfranzose eine Figur, an der man nicht vorbeikam, zumal er wendig genug war, Positionen zu wechseln: 1790 findet man ihn plötzlich als Präsident des Jakobinerclubs, also auf der Seite der extremen Linken, wieder. So brachte er es im darauffolgenden Jahr auch einmal für kurze Zeit zum Präsidenten der zunehmend unabhängig vom König und dessen Regierung amtierenden Versammlung der Abgeordneten, die sich formal immer noch nach Adel, Klerus und Bürgertum aufspaltete. Doch in welchen Farben sein politisches Bekenntnis auch schillerte, blieb er sich in einem Punkt doch treu, was vor dem Hintergrund der sonstigen Prinzipienlosigkeit wundern mag. Willms arbeitet als Grundelement heraus den „eingefleischten Monarchismus, dem er allen Enttäuschungen zum Trotz die Treue hielt“. Tatsächlich war das Ideal, das ihm bis in seine letzten Tage vorschwebte, eine parlamentarische Monarchie nach britischem Vorbild. Eine gewisse Zeit wäre das die Lösung im eskalierenden Konflikt zwischen der immer forscher auftretenden Nationalversammlung und dem schwerfällig agierenden Ludwig XVI. gewesen. Die Partei des Königs, der Königin zumal, ließ diese Chance verstreichen. Mirabeau, immer seinen Geldnöten verpflichtet, agierte kurz vor seinem Tod als geheimer Berater der Bourbonen, nachdem ihm die Übernahme seiner horrenden Schulden durch die Krone zugesagt worden war. Das hinderte ihn natürlich nicht, dennoch kritische Töne gegen das Gebaren der Monarchie anzuschlagen, auch wenn er die Institution des Königtums immer hochhielt. Nachdem er an völliger Erschöpfung 1791 gestorben war, spielte sich unter seinem Namen noch eine kleine Tragikomödie ab, wie sie typisch für diesen umtriebigen und letztlich erfolglosen Mann war. Zunächst wurde er feierlich im neu und eigens für ihn hergerichteten Panthéon beigesetzt; als man aber mitbekam, dass er in der letzten Zeit seines Lebens Zuwendungen vom Hofe bekommen hatte, wurde der Leichnam eilig wieder hinausgeschafft und anonym beigesetzt. Um dann unauffindbar zu bleiben, als man ihn 1797 in die nationale Heldengedenkstätte zurück überführen wollte. Johannes Willms stellt in seinem aus den Quellen erarbeiteten Buch die Konstanten dieses unsteten Lebens heraus: Wege und Abwege, einem Libretto von Beaumarchais gleich, wozu auch die Autorschaft einiger pornographischer Schriften gehört, immer wieder die Flucht vor Schulden oder vor zu regelmäßig gewordenen Liebesbeziehungen, auch die Fähigkeit, die eigene Misere für die Erzeugung öffentlicher Aufmerksamkeit zu nutzen. Pointiert gesagt, wir haben mit einem der ersten politischen Intellektuellen zu tun, der untrennbar zum Bild seiner Epoche gehört, diese aber nie nachhaltig zu prägen vermochte. Willms Werk ist die erste deutschsprachige Biographie seit langer Zeit.

Johannes Willms: Mirabeau oder

die Morgenröte der Revolution. Verlag C.H. Beck, München 2017, 397 Seiten, EUR 26,95

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Ein rasanter Aufstieg, die Bibel als Inspiration, ein medialer Shitstorm: Die Folkband „Mumford and Sons“ ist in den über zehn Jahren ihres Bestehens durch Höhen und Tiefen gegangen.
25.08.2021, 11  Uhr
Emanuela Sutter
Den europäischen Staaten stellt sich die Sinn- und Systemfrage. Die bisherigen Antworten waren Nationalismus oder ein nahezu religiöses Bekenntnis zur europäischen Einheit.
18.04.2021, 09  Uhr
Marco Gallina
Unter dem Titel „Die Liebe in der Familie: Berufung und Weg zu Heiligkeit“ beginnt in Rom das Weltfamilientreffen. An den drei Tagen bis Samstag werden Redner aus aller Welt auftreten.
22.06.2022, 16  Uhr
Meldung
Themen & Autoren

Kirche

Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Dass der US-Supreme-Court „Roe vs. Wade“ gekippt hat, war zweifelsfrei ein Sieg für den Lebensschutz. Sich von den Mächtigen der Welt das Heil zu erwarten, ginge aber an der Wirklichkeit vorbei.
05.07.2022, 07 Uhr
Rudolf Gehrig
Warum der Zweite Weltkrieg für die orthodoxe Kirche Entspannung brachte, die Verfolgung der Katholiken in der Sowjetunion aber stärker wurde.
05.07.2022, 19 Uhr
Rudolf Grulich