Alle lieben Engel

In esoterischen und kommerziellen Zirkeln erfreuen sie sich großer Popularität – die Engel. Doch mit spirituellem Kitsch kommt man ihrem Geheimnis nicht näher. Ein kleines Weihnachts-Plädoyer zur Verteidigung der Sendboten Gottes. Von Barbara Wenz
"Verkündigung"  vom italienischen Renaissance-Maler Fra Angelico
Foto: IN | „Chillen mit Engeln“? Die berühmte „Verkündigung“ vom italienischen Renaissance-Maler Fra Angelico zeigt: Der Kontakt mit den Sendboten Gottes ist kein Wohlfühl-Event.

Engel haben Hochkonjunktur, gerade jetzt in der Weihnachtszeit: Engel-Tarotkarten, Engel-Kettchenanhänger – gerne auch für das geliebte Haustier –, Engel-Essenzen zur Verbesserung der Raumschwingung sowie der eigenen Aura, Engel-Mobilés für draußen und drinnen, Schalen, Schmuckdosen, Statuen, Seidenaquarelle; es herrscht seit geraumer Zeit ein regelrechter Boom mit diesen himmlischen Wesen. Mal kindlich-rundlich und puttig, mal verträumt, mal gütig und friedvoll oder – als muskulöser Mann oder kurvige Frau mit Schwingen am Schulterblatt – sexy bis frivol.

Alle lieben Engel und das Paradoxe dieser Ausblühung des Zeitgeistes besteht nicht nur darin, dass offenbar eine Menge Menschen zwar felsenfest von der Existenz guter Engel überzeugt sind, aber kaum einer von deren Schöpfer, nämlich Gott, dem Herrn.

Gleichzeitig verschwinden die Engel aus dem Leben der Kirche mehr und mehr: Vor rund fünfzig Jahren gehörte das kindliche Gebet zum Schutzengel noch zur täglichen Routine in einer christlichen Familie, über den Bettchen hingen die heute oftmals als purer Kitsch empfundenen Darstellungen, welche in prall-bunten Farben oder sogar als Vexierbild zumeist einen Knaben und ein Mädchen über eine baufällige Stegbrücke gehend zeigten, zwei große Engel mit weißen Flügeln neben ihnen, schützend die Hand über sie haltend.

„Engel bringen Segen und Licht, sie verbreiten Fröhlichkeit und schaffen Harmonie. Sie sind ein Zeichen der Liebe, des Schutzes und der Kraft“ heißt es auf einer beliebten esoterischen Seite im Internet, die neben Räucherwerk und Talismanen auch einen „Engel-Shop“ mit einer Vielzahl von Produkten anbietet. Ist das so? Fröhlichkeit, Harmonie, Liebe, Schutz und Kraft – das sind auf den ersten Blick zutreffende, positive Attribute für die ätherischen Gottesboten – angelos, von dem unser Wort „Engel“ stammt, meinte ursprünglich auf Griechisch schlicht „Bote“.

Doch wenn wir in die Heilige Schrift schauen – denn sie ist die maßgebliche Instanz und hauptsächlich zum Erscheinen und Auftreten von Engeln zu konsultieren, wenn man nicht in romantizistisches Schwärmertum verfallen möchte –, dann wird eines schnell klar: Chillen mit Engeln, entspanntes Wohlfühlen mit Engeln, ist nicht. Es fing ja schon unbehaglich an.

Zum ersten Mal ist von Engeln, genauer gesagt einer Ordnung von ihnen, den Cherubim nämlich, im 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 24 die Rede, also nach dem Sündenfall von Adam und Eva. Der Herr vertreibt den Menschen aus dem Paradies und stellt „östlich des Gartens von Eden die Cherubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Baum des Lebens bewachten“. Sie gehören neben den Seraphim und Thronen zur ersten Ordnung der himmlischen Hierarchie. Es sind Engelwesen, die Gott am nächsten stehen. Im Alten Testament sind sie ein Herrschaftszeichen: Es ist der Herr der Heerscharen, der auf den Cherubim thront. In Psalm 99 lautet der Lobpreis: „Der Herr ist König. Es zittern die Völker. Er thront auf den Cherubim: Es wankt die Erde.“

Zwei Cherubim schmückten auch die Deckplatte der Bundeslade und es ist der Raum zwischen diesen beiden, von dem her Moses im Offenbarungszelt die Stimme Jahwes vernimmt.

Die Tradition kennt noch zwei weitere Ordnungen von himmlischen Wesen; das sind die Gewalten, Herrschaften und Mächte sowie die Engel, Erzengel und Fürsten, die zusammen die neun Chöre bilden, wie sie Pseudo-Dionysius Aeropagita im 6. Jahrhundert in seiner Schrift „Über die himmlische Hierarchie“ beschrieben hat. Darin finden wir auch eine schöne Sentenz zum Wesen der Engel: „Durch die Spannkraft der göttlichen Liebe sind sie erhoben, sie können die Erleuchtungen der Urquelle ungetrübt in sich aufnehmen, sich anders als in nur irdischer Art nach ihr richten – und so besitzen sie das ganze Leben unbeschwert, als Geist.“ Ebenfalls bei Pseudo-Dionysius finden wir einen Umriss ihrer Aufgaben und Tätigkeiten, wonach sie lehrten, was im Augenblick zu tun sei, aus Irrtum und unheiligem Leben hinausführten auf den geraden Weg der Wahrheit und göttliche Vorhersagen ankündigten. Nachdem Jahwe am Berg Sinai seinen Bund mit dem Volk Israel geschlossen und seine Gesetze gegeben hat, spricht er eine Verheißung aus: „Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe. Achte auf ihn und höre seine Stimme“ (2. Mose 23, 20). Hier wird klar gegenüber dem insignienhaften Wächteramt aus der Genesis der Cherubim von der Schutz- und Führungsfunktion eines Engels gesprochen, mit den Worten des Allmächtigen selbst. Aber die Situation ist alles andere als komfortabel: Es ist der dritte Monat nach dem Auszug aus Ägypten und vor dem auserwählten Volk liegt ein vierzigjähriger beschwerlicher, entbehrungsreicher Weg durch die Wüste, bevor es endlich das Gelobte Land erreicht – wie wenig entspannend und zutiefst unharmonisch dieser Vorgang trotz schützendem Engel gewesen ist, kann man eindrucksvoll nachlesen.

Aber, so möchte man einwenden, mit dem Neuen Testament wurde vieles anders, auch unsere Beziehung zu den Engeln und ihren Qualitäten: Sie werden personalisierter beschrieben, sie verheißen frohe Kunde, sie sind, vielleicht weil sie der dritten Ordnung angehören, weniger mit feurigen Attributen verbunden wie etwa die Cherubim und Seraphim.

Da ist der anmutige Erzengel Gabriel, der zur Jungfrau Maria „in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret“ gesandt wird, und, als er bei ihr eintritt, sie mit den Worten „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mir dir“ anspricht. Im Laufe der Kunstgeschichte ist dieser besondere Moment der Heilsgeschichte in unzähligen Variationen dargestellt worden. Zumeist sieht man eine liebliche Szenerie, Gabriel verbeugt sich oder kniet vor der Frau, die von Gott auserwählt worden ist, Marias Gesichtsausdruck und Körperhaltung drückt Lauschen und Beten zugleich aus. Liest man jedoch bei Lukas die entsprechende Stelle nach, fällt auf, dass Maria erst zutiefst erschrickt, als sie solcherart angeredet wird, was Gabriel wiederum dazu veranlasst, ihr eilig zuzurufen: „Fürchte dich nicht!“ Der Dialog, der sich daraufhin entspinnt, ist eher sachlich-nüchtern als galant und liebreizend oder trostreich und harmonisierend: Gabriel hat einen Auftrag zu erfüllen, und er tut dies äußerst gewissenhaft, fast schon buchhalterisch, als er auf die heilige Elisabeth zu sprechen kommt und den sechsten Monat ihrer Schwangerschaft zu benennen weiß.

Von Anbeginn der Menschwerdung Gottes säumen Engel seinen Weg, leiten den Fortgang der Geschicke; genau wie seit dem Alten Bund dem Volk verheißen wurde, dass ihm ein Engel vorausgehen werde. Der Engel, der dem heiligen Josef im Traum erschien und ihm befahl, mit der Frau und dem Neugeborenen nach Ägypten zu fliehen, er rettete das Leben des Heilands und seiner Familie. Allerdings handelte es sich wahrlich nicht um eine Urlaubsreise, sondern um eine weitere Strapaze, die mit zahlreichen Entbehrungen einherging. Als der Heiland in Todesangst auf dem Ölberg Schweiß wie Blutstropfen vergießt, ist es ein Engel, der ihm Zuspruch und Trost gibt, während die Jünger selig schlummern. Was für eine Aufgabe! Nicht, dass ein göttliches Geistwesen diese nicht meistern könnte, doch mutmaßlich hat dieser stützende Gottesbote wenig Fröhlichkeit dabei versprüht. Es ging schließlich sprichwörtlich um‘s Ganze und nicht darum, den Gottessohn heiter und zuversichtlich zu stimmen und seine Motivation durch Aurareinigung zu erhöhen, oder etwas in dieser Art. Doch das schlimmste rezeptionsästhetische Schicksal von allen himmlischen Wesen hat vermutlich den Weihnachtsengel ereilt: Über keiner Krippe darf er fehlen – zumeist süß, mit blonden Schmalzlöckchen und einer winzigen Harfe oder einer niedlichen streichholzlangen Posaune, einem Sternchen auf einem Stöckchen, einem Regen von Schneeflöckchen aus seinen Händchen, ja, es geht hier auch sprachlich ins Dickicht der Diminuitive, wenn man diesen putzigen Kerl beschreiben will. Es bleibt ein Rätsel, wie man es schaffen konnte, das den Erdkreis und den ganzen Kosmos umstürzende Ereignis der Geburt des Messias auf solch ein Puppenstubenniveau zu schrumpfen. Immerhin loderte sogar ein gigantisches Zeichen am Nachthimmel anlässlich dieser unerhörten Begebenheit, welches die drei Weisen antrieb, sich auf die Suche nach der Wiege des neugeborenen großen Königs zu machen. Obwohl sie den machtvollen Herrscher in einer Krippe liegend vorfanden, überreichten sie unbeirrt und wenig irritiert ihre kostbaren Gaben. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zu unserem Weihnachtsengel. Die an sich wunderschöne Rede von der stillen, der heiligen Nacht, trifft die Umwälzung, die in dieser Nacht selbst das Weltall erschütterte, nicht in ihrem ganzen Kern. Wir lesen bei Lukas, in Kapitel 2, dass die Hirten sich sogar sehr erschraken, als der Engel des Herrn zu ihnen trat. So sehr, dass einmal mehr dieser Engel – ob er identisch mit Gabriel war, ist nicht überliefert – zum beschwichtigenden „Fürchtet euch nicht!“ übergehen musste, wenn er wollte, dass man ihm weiter zuhörte und nicht tumultartig die Flucht ergriff. „Und plötzlich war bei dem Engel ein himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen Seiner Gnade.“ Es muss der blanke Aufruhr in den Herzen dieser braven, einfachen Hirten getobt haben, dass ausgerechnet ihnen eine Schau der Scharen gewährt wurde, die unaufhörlich vor dem Thron Gottes das Heilig! Heilig! Heilig! singen. Einen solchen Chor stemmt man nicht mithilfe einer daumennagelgroßen Harfe. Terribilis est locus iste – wo die Pforten des Himmels geöffnet sind. Das existenzielle Erschrecken der Hirten ließ sich nur dadurch besänftigen, dass sie auszogen, um das heilige Kind zu verehren. Da zog dann ein Friede ganz irdischer Art in ihre Herzen ein, das urmenschliche Behagen, das uns überfällt, wenn wir ein schlafendes Neugeborenes betrachten dürfen. Und sie lobten hernach Gott, rühmten und priesen ihn.

Uns aber, was ist uns geschehen? Warum haben wir die Engel immer kleiner, immer pausbäckiger und immer verspielter und leiser gemacht? Warum spricht kein Bischof mehr in einem Hirtenbrief von ihnen? Warum singt man das Lied zu Ehren des heiligen Erzengels Michael nicht mehr?

Vielleicht, weil wir schlicht verlernt haben, an die erschütternde, ebenso grundstürzende wie gewaltige Allmacht Gottes, wie sie auch in Seinen Sendboten wirkt, zu glauben.

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Kirche

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