philosophierender Dichter

Albert Camus und das Licht der Provence

Der Philosoph des Absurden lässt in der Metapher des Lichts in seinem Werk eine Transzendenz aufschimmern.
Sehnsuchtsort für Camus: Die Provence mit ihrem Licht
Foto: Barbara Kraft (Four Seasons) | Sehnsuchtsort für Camus: Die Provence mit ihrem Licht erinnerte den Schriftsteller Albert Camus an das Licht seiner Herkunftsheimat Algerien.

Seit April 1959 lebte Albert Camus in Lourmarin, am Fuße des Luberon-Gebirges und unweit von Aix-en-Provence, zurückgezogen und vergraben in den Arbeiten an seinem neuen Buch. Noch einmal setzte er zu einer neuen Werkphase an. Ein groß angelegter Roman war in Arbeit, der ihn in seine Kindheit in einem ärmlichen Vorort von Algier zurückführte – zurück zur Einfachheit eines schlichten Lebens im Einverständnis mit der Erde, zu der „warmherzigen Armut“ und dem „Geheimnis aus Licht“ seiner algerischen Heimat, das er im Licht der Provence wiedererkannte.

Am Widerspruch gegen Gott hat er bis zuletzt festgehalten,
aber an der Metapher des Lichts zeigt sich in seinen Werken
doch auch die Ahnung eines höheren Sinnes,
die ihn zuletzt wieder stärker zu leiten schien

Die brüderliche Liebe und das Maßvolle sollte Thema seiner neuen Werkphase sein, das er wie in den vorhergehenden über das Absurde und die Revolte sowohl literarisch als Roman und Schauspiel als auch philosophisch reflektiert als Essay bearbeiten wollte. So wie Sisyphos in seiner ersten Werkphase der „Held des Absurden“ war, der „Ja“ sagt zur Mühsal eines absurden Lebens, der „die Götter leugnet und die Steine wälzt“, so sollte Nemesis die mythologische Symbolfigur der neuen, seiner dritten Werkphase sein – von Camus verstanden als „Göttin des Maßes“, eines maßvollen Lebens, das er im mediterranen Geist verkörpert sah.

Camus´ Essay über das Absurde und seine Erzählung „Der Fremde“ waren 1942 bei Gallimard erschienen. Ein bemerkenswerter Erfolg für den gerade erst Achtundzwanzigjährigen, aus einem Armenviertel stammenden Algerienfranzosen, der nicht wie etwa Sartre an Pariser Eliteuniversitäten studiert hatte und über keine entsprechenden Verbindungen verfügte. Sein Vater, ein einfacher Angestellter eines Weingroßhandels, ist 1914, gleich zu Anfang des ersten Weltkrieges gefallen. Camus war noch kein Jahr alt. In sehr bescheidenen Verhältnissen wuchs er zusammen mit seinem älteren Bruder bei der Großmutter, seiner hörgeschädigten Mutter und dem ebenfalls leicht behinderten Onkel Étienne in einer beengten Wohnung in Belcourt auf, der Kleineleutegegend von Algier.

Einfache Menschen und ein einfaches Leben waren seine Wurzeln

Keiner der Erwachsenen konnte lesen und schreiben. Doch gerade wegen der Schlichtheit und Armut dieses Lebens blieb es für Camus das Urbild einer glücklichen, von unmittelbarer Menschlichkeit getragenen Existenz. Da waren die Jagdausflüge mit seinem Onkel Étienne in die Berge, „im ständigen Licht und in den unermesslichen Weiten des Himmels verloren“, mit dem anschließenden Picknick an einer Quelle unter Pinien, und da war das freie Leben in der Freundesclique am Strand mit ausgiebigen Bädern im Meer und im Licht.

Das Licht der mediterranen Welt war für ihn Metapher für dieses verlorene Glück und lebenslang auch ganz physisch Ziel seiner Sehnsucht. In seinem unvollendeten, letzten Roman („Der erste Mensch“) lässt er es wieder aufleben. Sein Lebensweg hatte ihn diesem unhinterfragten, schlichten Glück entfremdet, aber die Sehnsucht danach begleitete ihn lebenslang. So war es sicherlich mehr als eine akademische Pflichtübung, dass er Plotin und den Neuplatonismus als Thema für seine Examensarbeit an der Universität Algier gewählt hat – Plotin, der mit seinem Werk den Aufstieg der Seele zur Vereinigung mit dem Einen bahnen wollte, zur Vereinigung mit Gott, von dem das Licht des Geistes ausgeht.

 

 

Sehnsucht nach Sinnhaftem jenseits des Absurden

Anders als bei Plotin allerdings war Gott für Camus nur eine schmerzende Leerstelle. Eine metaphysische Sehnsucht angesichts der mediterranen Natur mit ihrem Licht jedoch ist als Unterströmung in seinem Werk von Beginn an gegenwärtig. Das Licht – bei Plotin eine zentrale Metapher – ist ein bei Camus immer wiederkehrendes Symbol für Heimat, Geborgenheit und Hoffnung auf Etwas, das jenseits des Absurden sinnhaft ist.

Zu seinen frühen Veröffentlichungen zählt ein schmaler Band mit dem Titel „Hochzeit des Lichts“, der 1939 in einem kleinen Verlag in Algier erschienen ist. Er ist eine schmerzlich-schöne Hymne an die Welt, die mit ihrer Pracht geschaut werden muss, ein Gesang von „der Aufnahme des Menschen in die Feier der Erde und der Schönheit“. Immer wieder schimmert und gleißt darin das Licht: „Silbernes Licht, das alles in Stille verwandelt“, das „vom Himmel herabströmt“, „Zimbelschläge des Lichts“, „meine Augen trinken die Fülle des Lichts“. Auch der Roman „Die Pest“, der im vergangenen Jahr aus aktuellen Gründen wieder aufgelegt wurde, spielt im Licht der algerischen Küste.

Der mediterrane Süden und die Metapher des Lichts

Camus war Ende der fünfziger Jahre zermürbt und enttäuscht. Hilflos musste er zusehen, wie seine algerische Heimat in einer Gewaltorgie versank. Auch gesundheitlich war er angeschlagen. Vom existenzialistischen Literatenklüngel fühlte er sich abgestoßen. In Paris war er nie richtig heimisch geworden, denn der mediterrane Süden blieb das Ziel seiner Sehnsucht. Nach dem Krieg schon verbrachte Camus die Ferien regelmäßig in der Provence, wo er dem Licht seiner algerischen Heimat wiederbegegnete und wo er im Luberon die sanfte, vollkommene „Linie der Hügel“ wiedersah, die sich vor der dunklen Silhouette des Chenoua-Gebirges entlangzieht.

Seit seiner Examensarbeit stand dieses Bild in seinen Schriften für die Haltung der klassischen Griechen mit ihrem Sinn für die Ordnung der Welt, in die sich der Mensch einfügt und die ihm genügt. Mit seinem Dichterfreund Réne Char durchstreifte Camus die Gegend um den Mont Ventoux und die Berge des Luberon. Die beiden Dichter stimmten überein in der schlichten, kargen Lebenshaltung, die Camus´ Lehrer Jean Grenier in folgende Formel gefasst hat: „Oliven und ein Glas Wasser, ein großes Licht, das die Farben auslöscht.“ Das Licht und immer wieder das Licht.

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Schönheit und sinnliches Glück, gleichzeitig blendend

Mit „Heimkehr nach Tipasa“ erschien 1954 ein Essayband, der an seine frühen Werke anknüpft und wieder das Licht des Südens in den Mittelpunkt stellt. Das Licht der mittelmeerischen Landschaften, das er darin schildert, symbolisiert in schillernden Bedeutungsvarianten die „wahre Heimat“, es steht für einen „Sinn, der schwer zu verstehen ist, weil er blendet“, für „die Schönheit und das sinnliche Glück“ und, mit Anklängen an Platons Höhlengleichnis, für die Wahrheit, eine geistige „Rückseite der Dinge“, aber ganz sinnlich erfahren: „lebendig, stofflich, erregend wie ein Gemisch aus Wasser und Licht“.

Das Haus in Lourmarin ist noch im Besitz der Familie Camus. Es liegt an einer stillen Gasse, die hinaufführt zum Kirchplatz. Sie heißt jetzt Rue Albert Camus. Das Licht scheint unter einer unermesslich hohen Himmelskuppel von überallher zu kommen. Es bringt den Kalkstein der Häuser zum Leuchten. Aus einem Löwenkopf an einem grau verwitterten Brunnen strömt silbrig das Wasser in ein halbrundes Steinbecken. Unaufhörlich kreisen helle Ringe an seinem Grund, in dem das Licht sich zu sammeln scheint – Lichtsubstanz, fließendes Licht.

Die Ahnung eines höheren Sinnes?

Camus kam hier vorbei, wenn er hinunter ins Dorf ging, um eine Zeitung zu kaufen oder um auf der Terrasse des Hotels Ollier an der Place de l´Ormeau zu essen. Selbst im Abendlicht leuchtet alles noch warm und mild. Und so lautet einer der letzten Tagebucheinträge kurz vor seinem Unfalltod am 4. Januar 1960: „Verbirg dich im Licht. Die Welt erfüllt dich, und du bist leer: Erfüllung“, vielleicht aufgezeichnet in einem der stillen, glücklichen Momente auf dem Altan seines Hauses, während das Licht langsam erstarb über den sanften Linien der Hügel des Luberon. Und unter der Sonne des Südens fand er in Lourmarin seine letzte Ruhestätte.

Man kann nur vermuten, wohin ihn die Arbeit an seiner letzten, unvollendeten Werkphase über die Liebe und das Maß geführt hätte. Am Widerspruch gegen Gott hat er bis zuletzt festgehalten, aber an der Metapher des Lichts zeigt sich in seinen Werken doch auch die Ahnung eines höheren Sinnes, die ihn zuletzt wieder stärker zu leiten schien. Damit hat er sich als Dichter in Bereiche vorgetastet, die ihm als Philosoph verschlossen geblieben sind.


Der Verfasser ist freier Autor und Übersetzer.
Zuletzt ist von ihm im Patrimonium-Verlag eine Biographie über François Fénelon erschienen.

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