Achtsamkeit ist gefragt

Neue Chancen für die traditionellen Hüter der Transzendenz: Kirstine Fratz und „Das Buch vom Zeitgeist“. Von Stefan Meetschen

Für viele Katholiken ist er das Übel schlechthin: der Zeitgeist. Der Geist also, der stets mit neuen Orientierungen und Vorgaben auftritt, der Glück, Erfolg und ein gelungenes Leben verspricht, ohne dass man ihn sehen oder leicht auf den Punkt bringen könnte. Denn: gerade wenn man anfangen könnte, ihn zu verstehen, hat er sich vermutlich schon wieder geändert. Ein ewiger Wandel. Eine ewige Illusion?

Die Kulturwissenschaftlerin Kirstine Fratz sieht das Phänomen Zeitgeist nicht ganz so pessimistisch. Zwar sind auch ihr bei der Feldforschung zum Phänomen Zeitgeist schon viele Menschen („Zeitgeist-Teilnehmer“) begegnet, welche die angestrengte Ausrichtung am Zeitgeist überhaupt nicht glücklich, sondern ziemlich frustriert hat, doch die attraktive Forscherin sieht auch die positiven Aspekte des Zeitgeistes, wie es schon der Untertitel ihres Buches vom Zeitgeist, andeutet: er kann uns vorantreiben, zu Kreativität und Innovationen beflügeln. Denn nicht nur jeder Mensch und jedes Unternehmen, jede Gesellschaft lebt von Veränderung und Abwechslung.

Fratz glaubt: „Es ist Zeit für eine Aufklärung über Mythen und Glaubenssätze des herrschenden Zeitgeists und für eine neue Mündigkeit der Zeitgeist-Teilnehmer, damit wir ihn beherrschen und mit ihm spielen können – und nicht umgekehrt.“

Dabei möchte sie durchaus auch Marketing-technisch Hilfestellung geben, also Ich-AGs und Unternehmen sensibel für neue Trends machen. „Wer dem Wandel der emotionalen DNA einer Gesellschaft auf der Spur ist, weiß, wann und warum die Zeitgeist-Teilnehmer ihre Präferenzen erweitern oder ändern, und kann entsprechend handeln.“ Und: „Haken Sie Neuigkeiten nicht vorschnell ab und stopfen Sie sie nicht zu schnell in eine von Ihren mentalen Schubladen. Seien Sie wachsam, und nähern Sie sich diesem Phänomen mit ,Was hat das zu bedeuten?‘. So haben Sie die Zeitkräfte besser im Blick, erkennen Chancen und treffen mündigere Entscheidungen für Ihr Selbstbild.“

So kurzweilig, unterhaltsam und nachvollziehbar Fratzs Thesen ihres Buch sind, etwas traurig wird man als katholischer Leser ihre Reflexionen zur Zeitgeist-Ära „Bewusstsein“ lesen, verbunden mit dem alten und neuen Megatrend „Achtsamkeit“, der nicht nur der „Selbstwirksamkeit“ dient, sondern auch die Möglichkeit umschließt, „nach einer höheren Macht Ausschau zu halten“. Das Streben nach Höherem spiegelt sich schließlich nicht nur bei „Yoga-Retreats“ wider. „Und so winkt jedes Deo, jedes Shampoo, jedes unbedeutendste Produkt mit einem kleinen Erlösungs-Versprechen. Es erlöst uns von Schuppen, von trockenem Haar, von Körpergeruch. Doch eigentlich erlöst es uns von der Angst, im gegenwärtigen Zeitgeist nicht zu genügen.“

Könnte das Personal der Kirche in diesem Umfeld der Frustration nicht als reifer, authentischer Sinn- und Transzendenz-Anbieter auftreten?

Sehr berührend ist das Kapitel des Buches, in dem Kirstine Fratz eine persönliche Metanoia andeutet: die Geburt ihrer Tochter und häufige Krankenhausbesuche mit dem Kind brachten ihre Fixierung auf „Selbstverwirklichung und Selbstausdruck“ zum Erliegen. Auch die Einstellung zur modernen Medizin wandelte sich. Sie bekam eine neue Offenheit für Alternativmedizin geschenkt.

„Meine alten Glaubenssätze waren nichts mehr wert. Ihre Versprechen hatten ihre Zugkraft verloren. Ich war meinen Zeitgeist los.“ Im letzten Kapitel entwickelt sie ein Zukunftsszenario, das eine „Re-Spiritualisierung auf Zeitgeist-Ebene“ mit einschließt. „Bei so viel Spirit ergaben sich neue Chancen für die traditionellen Hüter der Transzendenz. (…) Die Botschaft: ,Gott liebt dich so, wie du bist', traf nicht nur den Nerv der Zeit, sondern schien, wenn es darum ging, einen stabilen Kompass für den eigenen Weg zu finden, gegenüber allen anderen Angeboten des Zeitgeists konkurrenzlos. (…) Gottes-Liebe als bedingungslose Liebe – so hatten sie das noch nie wahrgenommen.“

Einzige Bedingung nach Fratz auf der Phantasie-Ebene: die christlichen Kirchen gründen eine Arbeitsgruppe mit dem Titel „Zeitgeist und Heiliger Geist“. „Außerdem ermittelte man, dass viele der christlichen Norm- und Moralvorstellungen eine Aufforderung zur Selbst-Ablehnung darstellten, was das herrschende Ideal der absoluten Selbst-Liebe konterkarierte.“ Wenn das so ist, sollte es für Katholiken gar nicht so schwer sein, zukünftig den Zeitgeist etwas zu umarmen. Nur die Unterscheidung der Geister, frei nach Ignatius von Loyola, sollte man dabei wohl nicht ganz vergessen.

Kirstine Fratz: Das Buch vom Zeitgeist. Und wie er uns vorantreibt. Fontis Verlag 2017, 240 Seiten, ISBN 978-3-03848-127-0, EUR 18,–

Weitere Artikel
Er wurde bundesweit bekannt als der „Marathon-Pater“ – seine Marathonläufe führten Prämonstratenserpater Tobias Breer aus der Duisburger Abtei Hamborn sogar bis in die Wüste des Oman.
05.09.2022, 15  Uhr
Oliver Gierens
50 Jahre nach dem Attentat auf die israelische Mannschaft ist es wichtig, dass Deutschland es den Angehörigen ermöglicht, mit diesem Kapitel Frieden zu schließen, meint Ludwig Spaenle.
04.09.2022, 19  Uhr
Ludwig Spaenle
Themen & Autoren
Achtsamkeit Kulturwissenschaftler

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Kirchenlehrer Franz von Sales (1567–1622) war Bischof von Genf und reformierte die Kirche, indem er die Menschen zum Gebet hinführte und geistliche Schriften verfasste.
01.10.2022, 19 Uhr
Uwe Michael Lang C.O.
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung