Würzburg

Abstand statt Leerstand

Die Kirchen nehmen es nahezu widerstandslos hin, dass ihnen erstmals seit der Christianisierung durch den Staat das Elementarste genommen wird: die Gemeinschaft bei Gotteslob, Wort und Sakrament. Ein Einspruch.
Corona: Toilettenpapier und Sprudelwasser
Foto: dpa | Toilettenpapier und Sprudelwasser. Für manche Gläubige reicht dies nicht zur Grundversorgung.

Alkoholverbot in Grönland. Auf den ersten Blick hat das einen Nachrichtenwert wie: „In China ist ein Sack Reis umgefallen.“ Doch bekanntlich sieht man mit dem zweiten besser. Als Grund nennen die Behörden die zunehmende Gewalt in den Familien seit der häuslichen Isolation durch die Corona-Pandemie. Ähnliches befürchtet auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, doch das ist so heuchlerisch wie der Kampf gegen Zigaretten. Der daran bestens verdienende Staat wäre pleite, würden plötzlich alle aufhören mit Trinken und Rauchen. In Deutschland haben Getränkemärkte (deshalb?) weiterhin geöffnet, doch die Gotteshäuser müssen geschlossen sein. Pervers!

Und genau hier setzt die ganze Unglaubwürdigkeit der Anti-Corona-Maßnahmen ein. Eine Weinhandlung in meiner Nähe darf verkaufen, die Buchhandlung nicht. Dabei sind Bücher Lebensmittel. Gerade jetzt, wo die Menschen Zeit haben. Christliche Literatur ist sogar eine Delikatesse, denn hier findet man Lebensbrot, Medizin für die Seele. Bücher sind Grundversorgung, der Gottesdienst auch. Kirchen nehmen es nahezu widerstandslos hin, dass ihnen erstmals seit der Christianisierung durch den Staat das Elementarste genommen wird: die Gemeinschaft bei Gotteslob, Wort und Sakrament. Etwas, was selbst der Neomarxist Jürgen Habermas in seiner Disputation mit dem damaligen Kardinal Ratzinger „eine weltweit einmalige Ressource“ nannte. Was bei „Aldi“ möglich ist, wird dem Dom nicht gestattet: Abstand statt Leerstand.

„Erfahren wir überhaupt
noch die Wahrheit?“

Der Protest dagegen hält sich in Grenzen. Erfahren wir überhaupt noch die Wahrheit? Es gibt namhafte Wissenschaftler, die die aktuelle Hysterie für unbegründet halten. Doch die Medien plus regierende Politik scheinen sich an der Katastrophe geradezu „aufzugeilen“, um ein drastisches Wort Martin Luthers zu benutzen. Jeder gilt jetzt als Corona-Toter, selbst der bereits längst zuvor sterbenskranke Mann des früheren Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit. Und von Gewalt in der Familie hört man nichts außer amtlicher Schönfärberei. Spricht man jedoch unter vier Augen mit Polizisten und Sozialarbeitern, so packt einen das Grauen. Kindesmissbrauch und Frauenmisshandlung in dramatischem Ausmaß. Konfliktpotenzial a la Weihnachten, und rund um die Uhr gibt es Alkohol zu kaufen.

Der Verlust biblischer Traditionen und Rituale rächt sich bitter. Die heute Jungen werden doch im hohen Alter, „gesegnet“ mit Sterbehilfe und „Abschalten der Geräte“, einmal voller Sehnsucht fragen: „Da hatte doch Uroma mal einen Spruch aus einem alten Buch: ,Ehre Vater und Mutter‘.“ Die Zerstörung der Familie, der ganze Schwachsinn von Gender und einer bunten Gesellschaft, erfährt jetzt einen knallharten Realitätstest. Wir haben Gottes Gebote in den Wind geschlagen und den Sturm von Egoismus und Selbstsucht geerntet. Der Kampf ums Klopapier ist das traurige Symbol dieser Krise und spricht Bände.

Das wahre Leben sieht anders aus

Eine Berliner Krankenschwester bringt die ganze Heuchelei drastisch bei Facebook auf den Punkt: „Steckt euch euren Beifall doch sonst wohin.... Wo ward ihr denn vor Corona und habt euch um unsere Gehälter und Arbeitsbedingungen gekümmert?!“ Anlass war der Aufruf, um 19 Uhr von den Balkonen für die „Corona-Helden“ zu klatschen. Die EKD schrammte denn auch haarscharf an der Lächerlichkeit vorbei, als sie allen Ernstes vorschlug, abends um Sieben von den Balkonen „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen. Was hinter den Wohnungstüren passiert, das ist dieser spießbürgerlichen Schickimicki-Parallelgesellschaft mit ihren Wohlfühlfantasien wohl unbekannt. Der Zukunftsforscher Matthias Horx träumt denn auch von einer Zukunft nach Corona mit einer Neuerfindung des Menschen. Sein Schlussakkord: „System reset. Cool down! Musik auf den Balkonen! So geht Zukunft.“ Kyrie eleison! Das ist die Musik auf der Titanic, die bis zum Untergang plärrt. So können doch nur staatlich oder kirchlich alimentierte Funktionäre reden, die vom wahren Leben mit seinen aktuellen Sorgen keine Ahnung haben. Ich kann es nicht mehr hören, dass Corona uns Entschleunigung lehrt, Muße und Musik wichtig macht und die Stille stärkt. Der laute Hilfeschrei des normalen Menschen ist doch die Angst vor dem Jobverlust, dem wirtschaftlichen Ruin, dem endgültigen Auseinanderbrechen der Familie. Filigranes Philosophieren zerschellt an der Lebensrealität. Und Kirche macht mit.

„Die Löscharbeiten dürfen nicht
verheerender sein als der Brand“
Thomas L. Friedman, „New York Times“

Der Star-Kolumnist der linken „New York Times“, Thomas L. Friedman, warnt: „Die Löscharbeiten dürfen nicht verheerender sein als der Brand.“ Und der Kommentar des liberalen „Südkurier“ lautet schlicht, dass die Kirchen aufpassen müssen, „nach Corona als nicht mehr systemrelevant angesehen zu werden“. Jetzt ist die Stunde von Verkündigung und Seelsorge, von gelebter Gemeinschaft und keiner Zwangsisolation vor dem elektronischen Hausaltar.

Es ist müßig darüber zu debattieren, ob Corona eine Strafe Gottes ist. Kardinal Walter Brandmüller nennt es eine Heimsuchung: „Die Christen sollten endlich wieder bedenken, dass alles Unheil in der Schöpfung dadurch entfesselt worden ist, dass das Geschöpf Mensch sich gegen seinen Schöpfer erhob, und dass wiederum Heil geschieht, wenn er zu ihm zurückkehrt.“ Ja, es ist im wahrsten Wortsinn eine Heim-Suchung, so wie der Vater seinen verlorenen Sohn nach Hause zurückgeliebt hat. Dieses bekannteste aller Jesus-Gleichnisse ist aktueller denn je, gerade als Osterbotschaft. Kehrt um und glaubt dem Evangelium! In Gott Heimat und mit anderen Christen Gemeinschaft zu haben, das ist die Krone des Glaubens — auf Latein: Corona.

Zum Thema aktuell auch das neue Buch von Peter Hahne „Seid ihr noch ganz bei Trost“ (Quadriga-Verlag, 12 Euro). Seit sechs Wochen auf Platz eins der Bestsellerlisten.

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