Würzburg

Wie Corona die Laien fordert

Die Corona-Krise hat das kirchliche Leben abrupt gedrosselt. Wenn amtliche Verkündigung und Liturgie nun nur eingeschränkt möglich sind, sind alle Getauften stärker in der Pflicht. Die Situation verlangt von der Kirche eine zeitgemäße Spiritualität der Laien.
Coronavirus: Wie die Laien wirken können
Foto: Sebastian Gollnow (dpa) | Viele sind vom Herrn berufen: Wer wird künftig die Bänke füllen, damit der einsame Techniker die Gemeinschaft der Glaubenden erfährt?
  • Die Folgen der Corona-Krise bekommen Gläubige allerorten zu spüren: Aufgrund des staatlichen Versammlungsverbots wird die ordentliche Seelsorge neu aufgestellt und gleichzeitig zurückgefahren.
     
  • Diese Not ist ein Aufruf an die akademische Theologie, sich neu auf die im Zweiten Vatikanischen Konzil definierte Sendung der Laien zu besinnen.
     
  • Es geht nicht um Macht- und Strukturenfragen, sondern um ein vertieftes Bewusstsein für die verschiedenen Dienste in der Kirche. Es ist die Stunde der Katechese über die Vielfalt in der Kirche


Die Kirche scheint derzeit in zahlreichen Ländern lahmgelegt zu sein. Der Staat hat ihr kurzerhand ein Versammlungsverbot auferlegt. Und weg ist sie. Was sinnlich von ihr wahrnehmbar bleibt, sind offene, aber leere Kirchgebäude, der Glockenschlag und – zumindest in der Schweiz – abendlicher Kerzenschein an den Fenstern. Wenn die Kirche so sichtbar ist wie die Republik Venedig, wie Robert Bellarmin zu sagen pflegte, und wenn sie nur diese Seite zu haben scheint, dann ist sie derzeit wirklich fast verschwunden von der Bildfläche, ein Bild des Jammers und irrelevant.

"Die Verbindung der irdischen Kirche
mit der himmlischen Kirche, der Gemeinschaft
der Heiligen, scheint zusehends verblasst zu sein"

Aber ist es so? Die Corona-Krise wirft viele Fragen auf, auch die Frage: Was ist die Kirche? In einer fatalen Institutionenfixiertheit sind wir in den letzten Jahrzehnten immer mehr geneigt gewesen, in ihr nur noch die mit Ämtern und Räten bestückte Institution zu sehen, repräsentiert vom Papst, von den Bischöfen, den Priestern und den hauptamtlichen oder wenigstens ehrenamtlich bestallten Laien. Die Verbindung der irdischen Kirche mit der himmlischen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen, scheint zusehends verblasst zu sein. Gottesdienst wurde immer mehr nur dann als solcher verstanden, wenn er im gemeinschaftlichen Rahmen stattgefunden hat. Und die Gottesdienstordnung scheint vielerorts auf die Feier der Eucharistie geschrumpft zu sein. Daher auch der aktuelle, zweifellos gut gemeinte Versuch, mittels der Instrumente des Internetzeitalters die reale Präsenz Christi in der Eucharistie in eine virtuelle umzumünzen, um zu versuchen, „kirchliches Leben“ aufrechtzuerhalten. Aber trotz solcher Initiativen: Der „Lockdown“ dieser vordergründigen Form von Kirchlichkeit ist brutal.

In Wahrheit ist die Kirche mehr als ihre sichtbare Struktur und ihre institutionellen Vertreter. Gerade wenn diese gehindert werden zu amten, kommt es zum Vorschein: bei akutem Priestermangel, bei Christenverfolgungen und eben bei Seuchen. Ist durch solche Ereignisse die Kirche stillgelegt oder gar dem Untergang geweiht? Das Extrembeispiel der japanischen Christen zeigt etwas anderes: Um das Jahr 1640 herum lebten in Japan gut eine halbe Million Christen. Dann wurden alle Ausländer ausgewiesen. Da es noch keinen einheimischen Klerus gab, waren die japanischen Christen gezwungen, während mehr als zweihundert Jahren ohne die Sakramente zu leben, deren Spendung dem Bischof oder Priester vorbehalten ist.

Kirche ist mehr als ihre sichtbare Struktur

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Als Missionare nach 1853 zurückkehren durften, fanden sie zu ihrem Erstaunen dennoch immerhin noch etwa 70 000 Christen. Diese hatten im Untergrund, vor allem in den Familien, mit dem Gebet, mit den Sakramenten der Taufe und der Ehe sowie mit der Hilfe von Katechisten Isolation und staatliche Verfolgung überlebt. Dies zeigt: Im Extremfall überlebt die Kirche praktisch ohne kirchliche Organisation und ohne die Sakramente der Firmung, Eucharistie, Priesterweihe, Beichte und Krankensalbung.

In solchen Fällen kommt anderes zum Vorschein als nur eine kirchliche Organisation im Energiesparmodus, die genötigt ist, ihre Aktivitäten vorübergehend auf das Minimum zu reduzieren: Kirche sind alle, nicht nur ihre amtlichen Vertreter. Alle Getauften haben am dreifachen Amt Christi des Propheten, des Priesters und des Königs Anteil. Auch davon und darin lebt die Kirche ganz entscheidend. Und es ist gerade die Teilhabe der Laien am dreifachen Amt Christi, die weiterhin wirksam ist und vermehrt in Erscheinung tritt, wenn die institutionelle Seite der Kirche, vor allem in ihren liturgischen Vollzügen, in ihrem Wirken blockiert ist. Denn auch das Wirken der Laien ist Teilnahme an der Heilssendung der Kirche selbst, wie das II. Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution „Lumen Gentium“ (LG 33) betont hat.

Laien haben Anteil am priesterlichen Amt Christi

Konkret: Wenn amtliche Verkündigung und Liturgie nicht möglich sind, vermögen die Laien dennoch in ihrem Lebensumfeld weiterhin, „Verkünder des Glaubens an die zu erhoffenden Dinge“ zu sein. Sie haben am prophetischen Amt Christi Anteil, „wenn sie mit dem Leben aus dem Glauben ohne Zögern das Bekenntnis des Glaubens verbinden“ (LG 35), in Familie, Beruf, Politik und sozialen Kontakten.

Die Laien haben auch dann, wenn die amtliche Kirche an ihrer Tätigkeit gehindert ist, Anteil am priesterlichen Amt Christi. Und sie sind berufen, dieses Amt in ihrem Alltag zu leben: „Es sind nämlich alle ihre Werke, Gebete und apostolischen Unternehmungen, ihr Ehe- und Familienleben, die tägliche Arbeit, die geistige und körperliche Erholung, wenn sie im Geist getan werden, aber auch die Lasten des Lebens, wenn sie geduldig ertragen werden, ,geistige Opfer, wohlgefällig vor Gott durch Jesus Christus‘“ (LG 34). Auch wenn die Laien an der Feier der Eucharistie nicht tätig teilnehmen können, wird diese dennoch gefeiert. Und das ist selbst dann der Fall, wenn es nicht in ihrer Pfarrei oder Diözese geschehen könnte. Denn im Reich Gottes geht die Sonne, Christus, nie unter. Die Kirche feiert die Geheimnisse des Glaubens auf der ganzen Welt, bis der Herr wiederkommt. Und so werden bei der Feier der Eucharistie die zahlreichen Tätigkeiten der Laien als geistige Opfer „mit der Darbringung des Herrenleibes dem Vater in Ehrfurcht dargeboten. So weihen auch die Laien, überall Anbeter in heiligem Tun, die Welt selbst Gott“ (ebd.).

Die Kirche wirkt durch ihre Glieder

Die Laien breiten schließlich durch ihr tägliches Wirken, das im Einklang mit dem Evangelium, der Lehre der Kirche und den zehn Geboten steht, auch das Reich Gottes aus. Immer wenn sie das Stück Welt, das sie bewohnen, als Christen gestalten, bereiten sie der Herrschaft Christi den Weg. Sie haben damit auch Anteil am königlichen Amt Christi: „So wird Christus durch die Glieder der Kirche die ganze menschliche Gesellschaft mehr und mehr mit seinem heilsamen Licht erleuchten“ (LG 36).

Dieses Wirken der Laien ist genauso kirchliche Sendung wie die Tätigkeit derjenigen, welche durch das Weihesakrament am dreifachen Amt Christi Anteil haben. Und deshalb wirkt die Kirche auch in der derzeitigen Lage durch ihre Glieder. Sie tut es auch in Zeiten, in denen ihre Institutionen, ja ihre Liturgie, aufhört oder zumindest nicht mehr sichtbar ist, weil die Priester gezwungen sind, das eucharistische Opfer ohne die tätige Beteiligung des Volkes Gottes darzubringen.

Die gegenwärtige Stunde, welche die Blockierung des liturgischen Lebens der Kirche mit sich bringt, ist deshalb eine Chance, eine vereinseitigte Sichtweise von Kirche zu überwinden. Natürlich ist sie auch eine sichtbare Institution, die „irdische Kirche“, die „sichtbare Versammlung“, die „mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft“ (LG 8). Selbstverständlich nährt sie die Gläubigen durch ihr amtlich verkündetes Wort und durch ihre reichlich gespendeten Sakramente. Aber das Wirken der Gnade Gottes geht darüber hinaus. Und die Sendung der Kirche erschöpft sich nicht in ihren amtlichen und liturgischen Vollzügen. Die kirchliche Sendung umfasst die tägliche Teilhabe aller Christen am dreifachen Amt Christi.

Wie die Krise zum Segen werden kann

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Wenn die gegenwärtige Krise allen Gläubigen bewusst macht, dass sie selbst Kirche sind; wenn ihnen die aktuelle Situation zu verinnerlichen und besser zu leben verhilft, dass sie selbst schon durch die Taufe gesandt sind, Kirche zu sein und ihren Auftrag zu erfüllen, dort, wo Gott sie im Leben hingestellt hat; wenn sie vermehrt lernen, ihren Alltag nicht als profanes Tun zu betrachten, sondern als tägliche Gelegenheit, um ihre kirchliche Sendung zu leben, dann würde diese Krise immerhin in diesem Sinn ein Segen sein. Es wäre ein neuerlicher Beweis dafür, dass Gott seiner Kirche gerade auch durch die Zeichen der Zeit den Weg weist auf ihrem Weg durch diese Zeit.

Jetzt ist deshalb die Stunde gekommen, einen Schatz, den die Väter des II. Vatikanischen Konzils für die Kirche der kommenden Jahrhunderte bereitgestellt haben, zu heben und den Gläubigen zugänglich zu machen. Die gegenwärtige Lage ist auch ein Aufruf an die akademische Theologie. Sie muss sich davon lösen, bloß zwei Sätze aus Lumen Gentium 33 zu sezieren, die über die Teilhabe von einigen Laien am Apostolat der Hierarchie sprechen. Es ist bald 55 Jahre nach dem Ende des II. Vatikanischen Konzils ein Gebot der Stunde, endlich auf der Basis jener anderen 88 Sätze, welche dieses Konzil im IV. Kapitel von „Lumen Gentium“ der Sendung aller Laien gewidmet hat, eine verlässliche Theologie des Laien zu entwickeln.

Die kirchenpolitischen Steine haben die Laien in den letzten Jahrzehnten nicht satt gemacht, sondern frustriert und in Opposition zu ihren Hirten gebracht. Die Laien benötigen stattdessen das Brot des Glaubens, das heißt eine authentische Spiritualität der Laien. Denn unaufgebbar gehört es zur Lehre der Kirche, dass es betreffend die Hierarchie und die Laien zwar eine Einheit der Sendung, aber eine Verschiedenheit des Dienstes gibt („Apostolicam Actuositatem“, 2). Die konkreten Formen dieses Dienstes der Laien unter den heute geltenden Verhältnissen zu entwickeln und katechetisch zu vermitteln ist das Gebot der Stunde. Bisher ist das nur in Teilen der Kirche und damit leider unzureichend geschehen. Hirten und Theologen sind hier gleichermaßen gefordert. Es ist das Zeichen der Zeit für die Kirche in unserer Zeit, die von Corona geprägt ist.

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