Ukraine

Widerstand leisten, um zu überleben

„Heute sind in Russland Kriminelle an der Macht“, sagt das Oberhaupt der ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk.
Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk
Foto: MASSIMILIANO MIGLIORATO/CPP / via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Macht sich Sorgen um eine drohende Säkularisierung: Großerzbischof Schwetschuk

Was bedeuten die jüngsten militärischen Erfolge der Ukraine für die Menschen in Ihrem Land? Und was für den Fortgang des Krieges?

Wir müssen über diese Erfolge zunächst nachdenken. Da war eine erste, schmerzvolle Periode des Krieges, in der eine Riesenarmee in unser Land eindrang und nur kleine, lokale Einheiten Widerstand leisteten. Dass das gelang, schien uns ein echtes Wunder zu sein, etwas, das nicht mit menschlichen Berechnungen alleine erklärbar ist. Dass ich selbst noch am Leben bin, ist auch ein Wunder.

Gab es denn direkte Attacken auf Ihr Leben?

Ja, sicher. Die russischen Truppen hielten 20 Kilometer von meinem Haus entfernt. Sehr effiziente Sturmtruppen wurden eingeschleust, sogar bis in meine Kathedrale. Der Angriff war sehr gut vorbereitet. Doch jetzt erleben wir einen neuerlichen Sieg der ukrainischen Armee rund um die Stadt Cherson. Wir sind Zeitzeugen, die erleben, wie der große Mythos von der unbesiegbaren russischen Armee zerfällt. Unsere Soldaten erzählen mir: „Wir haben festgestellt, dass sie nur Menschen sind, so wie wir. Wir haben eine Chance, dieser Armee zu widerstehen.“ Aber ich bin ja kein Militärexperte und verstehe davon wenig. Ich denke nur, dass selbst eine kleine Euphorie angesichts dieser Siege sehr gefährlich sein kann. Wir müssen einen klaren Kopf bewahren und verstehen, dass dieser Krieg nicht in unmittelbarer Zukunft endet. Wir müssen Widerstand leisten, um zu überleben. Wir haben keine Wahl.

Welche Vorbedingungen müssen aus Ihrer Sicht erfüllt sein, damit Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine beginnen können?

Es wird auf der Welt kaum Menschen geben, die noch mehr als wir Ukrainer davon überzeugt sind, dass Frieden Leben bedeutet. Wir beten jeden Tag um Frieden. Doch wir erleben, dass die russische Seite das Wort Frieden in einem Sinn benutzt, der für uns bedeuten würde, besiegt und auf Gedeih und Verderb der Gnade des Aggressors ausgeliefert zu sein. Diese Umdeutung des Wortes Frieden hat bereits im Krieg Russlands gegen Georgien 2008 begonnen. Damals wurden Formeln verwendet wie „Verpflichtung zum Frieden“ und „zum Frieden zwingen“. Das bedeutet Kapitulation. Wir stellen fest, dass Russland die Ukraine nicht als Subjekt eines Dialogs sieht. Der russische Präsident sagte mehrfach, dass der ukrainische Staat kein Existenzrecht habe. Er hält an dieser Rhetorik fest. Frieden bedeutet für ihn die Befriedung einer Kolonie. Russland führt auf dem Gebiet der Ukraine einen Kolonialkrieg. Es leugnet die Existenz einer ukrainischen Nation mit eigener Sprache, Kultur, Geschichte und Kirche. Die erste Vorbedingung für ernsthafte Verhandlungen ist die wechselseitige Anerkennung. Wir müssen die Rechte des jeweils anderen anerkennen.

Ist aus Ihrer Sicht ein Regimewechsel in Moskau eine Vorbedingung für Verhandlungen?

Ich weiß nicht, ob Russland unter dieser Regierung in der Lage ist, eine solche Wende zu vollziehen, doch das ist der Eckstein von Friedensgesprächen: Wenn die Ukraine gar nicht existieren darf, mit wem sollte Russland dann verhandeln? Nur wenn die Ukraine nicht kapituliert, sondern standhält und als Staat und Nation weiter existiert, wird dieser Widerstand dazu führen, dass beide Seiten gezwungen sein werden, die objektive Wirklichkeit und Wahrheit anzuerkennen. Darum müssen wir weiter Widerstand leisten. Wie lange, das wissen wir nicht. Aber wir haben keine andere Wahl.

In den befreiten Gebieten offenbart sich der Schrecken der russischen Besatzung: Vergewaltigungen, Folterungen, Deportationen. Was ist nötig, damit diese Wunden heilen?

Die Botschaft der Versöhnung ist das Herz der christlichen Verkündigung. Als Christen predigen wir Versöhnung, aber als Christ und Bischof inmitten eines Krieges frage ich Gott und mich: Ist Versöhnung unter diesen Umständen möglich? Es gibt so viele Wunden in der Ukraine heute. Die tiefste ist der Hass zwischen Russen und Ukrainern, der durch diese Aggression hervorgerufen wurde. Die Heilung dieser Wunden, die Versöhnung ist ein Weg, der mehrerer Schritte bedarf. Zunächst müssen wir aufhören, einander zu töten. Der zweite Schritt ist, Gerechtigkeit wiederaufzurichten. Das Recht muss respektiert werden. Im Sinn der Gerechtigkeit muss auch über Entschädigungen nachgedacht werden, beginnend vielleicht mit der Rückgabe der getöteten Soldaten. So viele Gebäude wurden zerstört, die wiederaufgebaut werden müssen. So viele Menschen weinen derzeit Tag und Nacht, und warten darauf, heimkehren zu können. Sie brauchen ein Haus, in das sie heimkehren können. Wir müssen überdies die Kriegsverbrechen verurteilen, denn wenn gewisse Verhaltensweisen nicht verurteilt werden, dann können sie sich wiederholen. Wenn die Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung nicht verurteilt werden, dann ereignen sie sich andernorts erneut. Dann erst können wir uns begegnen, um zusammen an den Gräbern der Ermordeten zu beten.

Bedarf es dazu auch einer Bekehrung in Russland und im Moskauer Patriarchat, das den Krieg von Anfang an gerechtfertigt hat?

Warum nicht? Bekehrung ist von tiefer Bedeutung in der christlichen Spiritualität. Permanente Bekehrung meint nichts Negatives, denn sie bezeichnet die Heilung meiner spirituellen Wunden. Heute versteht jeder in Russland, dass die Invasion in der Ukraine ein Fehler war.

Denken Sie das tatsächlich?

Ja, selbst in den höchsten Rängen wird das gesehen. Aber es wird darüber gesprochen, wie jemand das Gesicht wahrt, statt darüber, wie man aus dieser endlosen Logik des Krieges aussteigt. Und es gibt weiter diesen Mythos vom "großen, heiligen Russland". Doch Größe bedeutet nicht Unfehlbarkeit, sondern die Fähigkeit zur Korrektur, zur Anerkennung von Fehlern. Dass die orthodoxe Kirche in Russland sich derart von der Politik instrumentalisieren lässt und den Krieg rechtfertigt, kann zu einer tödlichen Gefahr für die moralische Autorität der Kirche werden. Es geht um die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft in der heutigen Welt. Wenn wir die Ideologie des „Islamischen Staates“ mit der Ideologie der „russischen Welt“, wie sie Patriarch Kyrill predigt, vergleichen, finden wir erstaunliche Ähnlichkeiten: In beiden Fällen werden Krieg und Gewalt mit religiösen Argumenten gerechtfertigt; die gesamte westliche Zivilisation wird dem Antichrist zugeordnet und höchster Immoralität beschuldigt; und zur Verteidigung der eigenen Reinheit gegen die westliche Immoralität wird dazu aufgefordert, das eigene Leben zu opfern, mit dem Versprechen der vollständigen Vergebung aller Sünden und des ewigen Lebens. Ich schätze wirklich jene muslimischen Imame, die diese IS-Ideologie als falsche Interpretation des Koran zurückwiesen. Haben wir als Christen den gleichen Mut, die skandalös falsche Interpretation des Evangeliums Jesu Christi zurückzuweisen? Ich habe eine gewisse Hoffnung, weil in der Ukraine alle christlichen Kirchen einschließlich der Orthodoxie des Moskauer Patriarchats das verstehen.

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Patriarch Kyrill hat Putins Krieg von Anfang an propagandistisch unterstützt. Welche Zukunft haben das Moskauer Patriarchat und die mit ihm verbundene Orthodoxie in der Ukraine überhaupt noch?

Dieses enge Zusammenspiel von Kirche und Staat verursacht große Skandale überall auf der Welt. Wir befürchten nun in der Ukraine eine große Säkularisierungswelle, denn orthodoxe Ukrainer kämpfen gegen die russische Armee, während gleichzeitig russisch-orthodoxe Priester diese Armee ermutigen, Ukrainer zu ermorden. Viele verlassen ihre Kirche. Die nun drohende Säkularisierungswelle kommt nicht vom unmoralischen Westen, sondern aus dem spirituell verwüsteten Osten. Im Westen herrscht eine sehr romantische Vorstellung von Russland und der russischen Spiritualität. Vor dem Zweiten Weltkrieg herrschte auch eine andere Vorstellung von Deutschland: Man dachte an Goethe, an die Philosophen und Musiker des 19. Jahrhunderts, an die deutsche Kultur. Viele fragten sich: Wie war es möglich, dass eine so große Nation Auschwitz hervorbrachte? Welche Tragödie für die Gesellschaft und Kultur Europas! Und was ist heute in Russland? Wir denken an den höchsten Ausdruck des russischen Humanismus, etwa an Dostojewski. Heute jedoch sind in Russland Kriminelle an der Macht. Die ganze Welt wundert sich, wie es möglich ist, dass eine so große Nation Massengräber überall in der Ukraine hervorbringt. Vielleicht ist die Welt seit dem 24. Februar nicht mehr dieselbe: Das Russland von vorher gibt es nicht mehr.

Papst Franziskus hat mehrfach öffentlich geäußert, dass er in die Ukraine wie auch nach Moskau fahren möchte, um dem Frieden zu dienen. Was davon kann sinnvoll sein und Frucht bringen?

Der Heilige Vater glaubt weiterhin an die Möglichkeit einer Vermittlung zwischen Russland und der Ukraine. Und er glaubt weiter, dass sein direktes Gespräch mit Putin die Situation verändern könnte. Doch bis jetzt fand es nicht statt. Er versuchte schon zu Beginn der Invasion, mit Putin zu telefonieren, aber das wurde ihm verweigert. Was einen Besuch in der Ukraine betrifft, sind wir allzeit bereit.


Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk ist das Oberhaupt der ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus, der größten mit Rom unierten Ostkirche. „Die Tagespost“ traf ihn auf seiner Rückreise von Rom nach Lemberg zum Gespräch in Wien.

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