Charkiv

Tagebuch eines Krieges

Die dramatische Flucht der Karmelitinnen von Charkiv.
Zerstörte Kirche
Foto: IMAGO/Viktor Antonyuk (www.imago-images.de) | Bericht über die Flucht der Unbeschuhten Karmelitinnen aus Charkiv . Ihre neue (vorübergehende) Heimat ist in Tschenstochau.

Dienstag, 24. Februar 2022.

„Ich wachte um kurz vor 5:00 Uhr auf und hörte sofort seltsame Geräusche … es waren Bomben. Ich schauderte, zog mich schnell an und eilte in die Kapelle. Die Schwestern kamen eine nach der anderen und uns allen war bewusst, dass der Angriff der russischen Armee gegen die Ukraine begonnen hatte. Krieg! Wir begannen zu beten und unsere Herzen schlugen in einem anderen Rhythmus als zuvor.“ Was die Karmelitinnen von Charkiv hier in einem persönlichen Zeugnis für unsere Zeitung berichten, ist eine Geschichte von vielen aus diesem grausamen und unnötigen Krieg und doch ist es eine besondere, denn sie zeigt, weil sie zugleich von Gott erzählt, der alle Wege mitgeht, dass auch in der tiefsten Dunkelheit ein Licht der Hoffnung aufstrahlt.

„Unser Karmel, das Kloster Unserer Lieben Frau, Mittlerin aller Gnaden und der heiligen Apostel Petrus und Andreas ist in der Nähe von Charkiv, 40 Kilometer entfernt von der russischen Grenze gelegen. Unsere Gemeinschaft hat die Entscheidung getroffen, im Fall des Krieges im Kloster zu bleiben. Wir waren vorbereitet“, berichten die Schwestern, die innerhalb des Gebäudes einen Schutzraum eingerichtet und dort die wichtigsten Dokumente verwahrt hatten. Auch einen Rucksack für eine mögliche Evakuierung hatte jede Schwester bereitgestellt. Aber auf die Schrecken eines Krieges kann man sich nur bedingt im Vorhinein einstellen. Er übersteigt, vor allem nach so vielen Jahrzehnten des Friedens in Europa die Vorstellungskraft der meisten Menschen. Auch die Karmelitinnen von Charkiv empfanden die Ereignisse als Alptraum. Aber ihr Fokus liegt auch in dieser Situation auf dem Gebet, vor allem auf dem heiligen Messopfer.

Gefährlich auf den Straßen

„Es war schon gefährlich auf den Straßen“, berichten die Schwestern vom ersten Kriegstagebuch, „und deshalb kam unser Kaplan, Pater Dominican, nicht, um die heilige Messe mit uns zu feiern. Der Bischof rief uns an. Er wollte wissen, wie es uns in dieser schwierigen Zeit ging. Wir baten ihn, die heilige Messe für uns zu feiern und er antwortete, er würde versuchen, zu kommen … und er kam tatsächlich! Gemeinsam mit dem Bischof gefeiert, war die Eucharistie ein Geschenk für uns: Das Opfer unseres Herrn Jesus Christus wurde vereint mit dem Opfer der ukrainischen Nation. Es ist kein Zufall, dass der Ukrainische Episkopat im Januar entschieden hat, das Jahr 2022 als Jahr des Heiligen Kreuzes zu begehen“, berichten die Nonnen. Ihnen gibt der Aufblick zum Erlöser Kraft, wie sich auch an ihrem Bericht über den zweiten Tag des Krieges zeigt.

„Nach einer ruhelosen Nacht begann der zweite Tag des Krieges. Wir erhielten dramatische Nachrichten aus Charkiv und Kiew und versuchten, unseren karmelitischen Rhythmus von Gebet und Arbeit beizubehalten. Gegen 14 Uhr feierte der Bischof erneut mit uns die Eucharistie. Danach trafen wir den Bischof und er bat uns, ebenso wie alle anderen Ordensfrauen, Charkiv zu verlassen.“ Der Bischof schätzte die Situation zu Recht als so gefährlich ein, dass er die umgehende Evakuierung anordnete, weil es später nicht mehr möglich sein würde, sicher aus Charkiv herauszukommen. „Gegen 17 Uhr verließen wir mit großem Herzschmerz unseren Konvent, um den sich nun Freunde kümmern und der jetzt, wo wir dies schreiben, noch steht“, erzählen die Schwestern in ihrem Bericht vom 21. März. „Wir fuhren über 30 Stunden auf verschiedenen Straßen, hörten immer wieder Fliegeralarm und wurden immer wieder durch Straßenblockaden gestoppt, an denen unsere Dokumente und unser Gepäck von Angehörigen der Armee und der Zivilverteidigung geprüft wurden.

Kampf um Hoffnung

Es ist wirklich schrecklich und furchterregend, so sehr wider die Würde des Menschen und seine wahre Berufung der Bruder seines Nächsten zu sein und nicht sein Mörder. Das Blut von Brüdern wird vergossen, das laut ruft, das zum Himmel schreit“, schreiben die Nonnen verzweifelt. „Auch wir rufen, Gott, Erbarmen, zeige uns dein Erbarmen durch das Unbefleckte Herz Mariens. … Ein Meer von Tränen, Schmerz und ein Kampf um Hoffnung. Am 25. Februar überquerten wir die Grenze zur Slowakei und gingen von dort aus nach einer Zwischenstation im dortigen Karmel nach Przemysl, wo wir gegenwärtig das Kloster der Karmelitinnen besuchen. In einigen Tagen“, so berichten die Schwestern weiter, „hoffen wir, im Kloster in Tschenstochau anzukommen, wo wir für eine Übergangszeit bleiben möchten.“

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