Porträt der Woche

Swjatoslaw Schewtschuk ist eine moralische Autorität in der Ukraine

Unabhängigkeit bedeutet Freiheit. Die unierten ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus wissen um die Gefahr für die Freiheit. Dem Großerzbischof wächst eine große Autorität zu.
Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk
Foto: Marcin Bielecki (PAP) | Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk wies die Bischöfe und Priester an, bei den Gemeinden zu bleiben.

Mit der Unabhängigkeit seines Heimatlandes steht und fällt auch die Freiheit seiner Kirche. Das weiß das Oberhaupt der mit Rom unierten ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, aus der Zeitgeschichte sehr genau. 1946 waren sich Sowjet-Diktator Josef Stalin und die russisch-orthodoxe Kirchenleitung darüber einig, die „Unierten“ in der Ukraine zu vernichten. Von 1946 bis 1989 währte die Epoche grausamster Verfolgung. Die Kirche überlebte im Untergrund und im Exil.

Lesen Sie auch:

1970 in Stryj bei Lemberg (Lviv) geboren, war Schewtschuk von 1983 bis 1989 Alumne des Priesterseminars der Untergrundkirche, bevor er sein Philosophiestudium an der Salesianer-Universität in Buenos Aires fortsetzte. Seit 2011 ist der vielsprachige Intellektuelle, der in Rom mit einer moraltheologischen Arbeit promoviert wurde, Großerzbischof von Kiew-Halytsch. Von seinen Gläubigen wird er kurz „Patriarch Swjatoslaw“ genannt.

Beim Volk sein

Seine Bischöfe und Priester wies Schewtschuk an, in ihren Gemeinden bei den Gläubigen auszuharren. Dass die Geistlichkeit beim gläubigen Volk zu sein und mit ihm zu leiden hat, ist für ihn selbstverständlich. „Unsere Priester steigen in den Untergrund, in die Luftschutzkeller hinab und feiern dort die Göttliche Liturgie. Die Kirche ist bei ihrem Volk“, sagte er nach Beginn der Invasion. Er selbst tröstet, mahnt und ermutigt in täglichen Videobotschaften von Kiew aus Freund und Feind.

An die Staaten der Welt appelliert er, „diese humanitäre Katastrophe zu stoppen“; die Soldaten und freiwilligen Kämpfer lobt er dafür, dass sie „ihr Heimatland verteidigen“; sein Volk bittet er, auch zu beten „für die Feinde, die in unser Land gekommen sind, um zu töten“. Den Himmel bestürmt er: „Gott, rette deine Kinder! Vergib uns unsere Sünden und schenke der Ukraine den Sieg!“

Eine moralische Autorität

Schewtschuk ist in der Ukraine längst über die Grenzen seiner fünf Millionen Gläubige zählenden Kirche hinaus eine moralische Autorität. Seine Kirche, die Stalin unter Assistenz des Moskauer Patriarchats auslöschen wollte, ist zum Symbol einer christlichen, freien Ukraine geworden, die für Europa optiert statt für die „russische Welt“ Putins. „Wir sind ein Volk, das den Frieden liebt. Gerade deshalb sind wir bereit, ihn zu verteidigen und für ihn zu kämpfen“, sagt Schewtschuk. Er weiß aus der Geschichte seiner Kirche, dass es in diesem Kampf nicht nur um den Erhalt der Staatlichkeit geht, ja dass die Ukraine gegen die Finsternis der Tyrannei kämpft. Die Verteidigung der Heimat sei nicht nur ein „natürliches Recht“, sagt er darum, sondern eine Pflicht gegenüber der gesamten Menschheit.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Putin fordert die Übergabe einer Jerusalemer Kirche an das Moskauer Patriarchat. Damit versuche er eine Positionierung für Russland zu bezwecken, meint der Benedikter Nikodemus Schnabel.
22.04.2022, 14  Uhr
Meldung
Themen & Autoren
Stephan Baier Bischöfe Josef Stalin Russlands Krieg gegen die Ukraine Völker der Erde Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Das Erzbistum Köln hat die Chance, wieder zueinander zu finden. Denn es gibt Gläubige, die sich von Kampagnen nicht beirren lassen. Eindrucksvolles Beispiel: der Wallfahrtsort Neviges.
28.05.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die theologischen Dialoge müssen weitergeführt und intensiviert werden, so der „Ökumene-Bischof“. Eine Herausforderung bleibe aber die Frage der Eucharistiegemeinschaft.
27.05.2022, 20 Uhr
Oliver Gierens
Der Lateranpalast hat seine Türen als Museum für Besucher geöffnet. Die ehemaligen Privaträume überraschen in ihrer Schlichtheit: ein Symbol, dass auch der Papst letztlich Diener Gottes und ...
28.05.2022, 10 Uhr
Vorabmeldung