Berlin

Seelsorge braucht das Gespräch

Warum Berlins Notfallseelsorge auf das Corona-Telefon setzt.
Corona-Seelsorge im Berliner Erzbistum
Foto: Erzbistum Berlin | Erzbischof Heiner Koch präsentiert das erste Werbeplakat im Bus-Wartehäuschen vor dem evangelischen Berliner Dom.

Einsätze bei Unglücksfällen, Unterstützung beim plötzlichen Tod eines Partners, Begleitung von Kranken und Sterbenden in Krankenhäusern – das sind normalerweise die Aufgaben von Justus Münster. Der evangelische Pfarrer leitet die ökumenische und interreligiöse Notfallseelsorge in Berlin, und die war durch die Corona-Krise gleich doppelt betroffen. Zum einen stellte sich die Frage, wie Münster und sein Team in dieser Zeit noch ihre tägliche Arbeit machen sollen – wenn Patienten am Krankenbett nicht mehr besucht werden können oder wenn die Seelsorger nicht mehr in Wohnungen dürfen, beispielsweise um sich um trauernde Angehörige zu kümmern. Außerdem lebt dieser Dienst von Ehrenamtlichen, die oft selbst zur Corona-Risikogruppe gehören und die Räume der Notfallseelsorge wegen Ansteckungsgefahr nicht mehr betreten durften. Kurzum: Es musste eine technische Lösung her, bei der die Ehrenamtlichen von zu Hause aus telefonieren können. Da zur selben Zeit immer mehr Menschen wegen der beginnenden Pandemie Hilfe suchten, entstand quasi „übers Wochenende“, wie Pfarrer Münster erzählt, die Corona-Seelsorgehotline.

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Am Anfang haben nur wenige Helfer mitgemacht. Inzwischen sind nach Angaben des Erzbistums Berlin und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gut 70 ehrenamtliche Seelsorger daran beteiligt. Erst ging es langsam los, aber schon Ende März erschien die Telefonnummer in einem Brief des Berliner Senats an die Bürger, und dann stand das Telefon nicht mehr still.

"Wer vorher einsam war, aber noch rausgehen und Menschen treffen konnte,
der saß jetzt isoliert in seiner Wohnung.
Menschen beispielsweise mit schweren Lungenkrankheiten
sollten sich selbst isolieren,
das Haus nicht mehr verlassen.
„Wer kauft jetzt überhaupt für mich ein?“, fragten viele Anrufer besorgt."

Sehr, sehr viele Anrufe habe es gerade in dieser Zeit gegeben, in der das öffentliche Leben quasi stillgelegt war, Geschäfte geschlossen und keine Gottesdienste mehr stattfanden. „Es ging um die ganze Gemengelage, die die Telefonseelsorge auch kennt, verschärft um den Coronavirus“, erzählt Pfarrer Münster. Wer vorher einsam war, aber noch rausgehen und Menschen treffen konnte, der saß jetzt isoliert in seiner Wohnung. Menschen beispielsweise mit schweren Lungenkrankheiten sollten sich selbst isolieren, das Haus nicht mehr verlassen. „Wer kauft jetzt überhaupt für mich ein?“, fragten viele Anrufer besorgt. Bekomme ich im Krankenhaus überhaupt noch ein Intensivbett, oder bin ich zu alt dafür? Wer im Fernsehen die Bilder von überfüllten Intensivstationen in Italien gesehen hat, der befürchtete offenbar auch Ähnliches in unseren Kliniken.

Einfach auch dem Unmut zuhören

Hinzu kam, dass auch viele Gläubige auf die Corona-Seelsorge „ausgewichen“ sind, weil Angebote in den Gemeinden plötzlich wegfielen. Die Kirchen waren häufig geschlossen, Gottesdienste abgesagt. Das sorgte bei vielen Anruferinnen und Anrufern für Aufregung. „Die meisten haben ihrem Unmut Luft gemacht, die haben das gar nicht verstanden und wollten hier ein Ventil nutzen, um sich mal richtig zu ärgern“, bilanziert Justus Münster.

Kritik sei weniger an den Kirchen hochgekocht, sondern an der allgemeinen Situation – das Eingegrenzt sein, Eingesperrt sein – nicht mehr das machen zu können, was man möchte. Darauf, so Pfarrer Münster, hätten nicht alle Menschen gut reagiert. Das Signal des Corona-Seelsorgetelefons sei aber deutlich gewesen: „Wir lassen Euch als Kirche nicht allein.“ Auch dafür sei das Angebot gedacht gewesen. Auch in den Familien war in dieser Zeit die angespannte Situation zu spüren. Die Eltern im Home Office, die Kinder zugleich im Homeschooling– das sorgte für Stress und Druck. Auch Ausbrüche häuslicher Gewalt seien vorgekommen, berichtet Münster. Mehr als 1 500 Menschen haben sich nach Informationen der beteiligten Kirchen bis Ende Juli an die Hotline gewendet. Immer noch hat das Corona-Telefon jeden Tag Anrufe, aber die Zahlen gehen zurück, heißt es weiter. Dafür sei die Gesprächsdauer länger geworden. Auch die Themen, die die Menschen bewegen, haben sich inzwischen verschoben, beobachtet Pfarrer Münster.

Stress zwischen Home Office und Homeschooling

Wer eine geschwächte Immunabwehr hat, der soll nach wie vor zu Hause bleiben, während andere längst wieder raus dürfen. Und das führe viele Menschen „an arge Grenzen“, wie die Rückmeldungen der Telefonseelsorger zeigten. Wirtschaftliche Nöte wie Kurzarbeit oder Angst vor dem Jobverlust seien hingegen nicht das Hauptthema. Auch wenn die Fallzahlen inzwischen deutlich zurückgehen, „spielt Corona weiterhin eine Rolle“, betont Pfarrer Münster – und wie sich die Pandemie entwickelt, ist noch nicht eindeutig abzusehen. Bis Ende des Jahres wird der Dienst erstmal weitergeführt. Ob es dann weitergeht, hängt von der weiteren Entwicklung ab.

Jedenfalls rühren Erzbistum und Evangelische Kirche derzeit kräftig die Werbetrommel für das Corona-Telefon. Kürzlich haben die beiden Kirchen eine großangelegte Plakataktion gestartet. Mit Unterstützung des Werbeflächen-Vermarkters Wall GmbH werden bis auf weiteres 1 500 Plakate an Haltestellen der Berliner Verkehrsbetriebe für die Hotline werben, wie die beiden Kirchen gemeinsam mitteilten.

"Wir wollen die Menschen in einer solchen Situation nicht allein lassen
und haben deswegen viel in Bewegung gesetzt."

Außerdem verteilt der Sponsor Dinamix Media 24 000 Postkarten in Restaurants und Kneipen der Hauptstadt. Erzbischof Heiner Koch, der evangelische Landesbischof Christian Stäblein und Wall-Geschäftsführer Patrick Möller präsentierten unlängst das erste Plakat im Bus-Wartehäuschen vor dem evangelischen Berliner Dom. Außerdem fördert die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit den Angaben zufolge das Angebot bis zum Jahresende mit 65 000 Euro.

Unterdessen tritt auch die „klassische“ Notfallseelsorge wieder in den Vordergrund. Die Helfer haben mittlerweile eine Schutzausrüstung, angefangen mit einer Mund-Nase-Maske, die sie bei jedem Einsatz mit der Berliner Feuerwehr tragen. Wer sich zu Hause in Quarantäne befindet, für den gibt es ein Video-Telefoniesystem, mit dem die Seelsorger in der Lage sind, auch diese Betroffenen zu erreichen. „Wir wollen die Menschen in einer solchen Situation nicht allein lassen und haben deswegen viel in Bewegung gesetzt“, unterstreicht Pfarrer Münster. Auch in den Krankenhäusern sind Besuche wieder möglich. Und die werden in dieser besonderen Zeit auch intensiv nachgefragt. Religiöse oder konfessionelle Hürden spielen dabei offenbar in der Regel keine Rolle.

Die Notfallseelsorge ist ein Verbund aus acht Organisationen, zu denen neben den beiden großen Kirchen auch Hilfsorganisationen wie der Malteser Hilfsdienst oder die Muslimische Notfallseelsorge gehören. Auch mit der Jüdischen Gemeinde besteht seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit. „Seelsorge ist über Konfessionen hinaus ein vertrauenswürdiges Wort“, betont Pfarrer Münster. Die Menschen spürten, dass die Seelsorger für sie und ihre Seele da sind. „Das ist ein Name, der Vertrauen erzeugt, wo die Menschen sagen: ,Jawoll, da kann ich anrufen‘.“

Das Corona-Seelsorgetelefon ist unter der Telefonnummer 030/403 665 885 täglich zwischen 8 bis 24 Uhr erreichbar.

Mehr Infos unter c-st.berlin.

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