Moskau

Russland beschert blutige Ostern

Patriarch Kyrill feierte in Moskau die Auferstehung mit Kremlchef Putin, während im Nachbarland russische Raketen und Bomben auf Städte niedergingen.
Putin und Kyrill
Foto: Oleg Varov | Russland bescherte der Ukraine blutige Ostern und verweigerte eine Waffenruhe, zu der viele aufgerufen hatten.

Wladimir Putin ließ sich nicht erweichen. Seine Truppen und Söldner setzten während der ostkirchlichen Osterfeiern am vergangenen Wochenende die Angriffe im Osten und Süden der Ukraine unvermindert fort. Zuvor hatten UN-Generalsekretär Antonio Guterres, Papst Franziskus und der "Gesamtukrainische Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften" um eine Waffenruhe zu den Feiertagen gebeten. Zumal nicht nur die Christen des byzantinischen Ritus Ostern feierten, sondern die Juden Pessach und die Muslime Ramadan.

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Ausgangssperren in der Ukraine

Der trotz aller Differenzen noch zum Moskauer Patriarchen stehende Metropolit der "Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats" (UOK-MP), Onufrij, hatte eine Gebetsprozession seiner Gläubigen zum umkämpften Stahlwerk von Mariupol angeboten, "um Nothilfe zu leisten und Zivilisten zu evakuieren". Dabei könnten auch Verwundete in Sicherheit gebracht und Tote ihren Angehörigen übergeben werden, regte Onufrij an.

Seine Bitten stießen im Kreml ebenso auf taube Ohren wie die Appelle, eine Waffenpause oder wenigstens humanitäre Korridore zu gewähren. In weiten Teilen der Ukraine herrschten darum Ausgangssperren, mancherorts fand die Osternacht in den Morgenstunden statt. Das Oberhaupt der mit Rom unierten ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, nannte die Vorgaben, unter denen die am Gottesdienst gehinderten Gläubigen die Osternacht über Livestream würdig mitfeiern können.

Am Ostersonntag sagte Schewtschuk in seiner Predigt: "Über den verbrannten Häusern, Dörfern und Städten verkündet uns der Himmel durch seinen Engel: Christus ist auferstanden! Über dem brennenden Donbass und dem Süden der Ukraine, wo jetzt der Krieg stattfindet und die Stellungen unserer Soldaten brennen, verkündet der Himmel der Ukraine und der Welt: Christus ist auferstanden!"

Destruktivität des Teufels

In seiner Osterbotschaft hatte das Oberhaupt der fünf Millionen Gläubige zählenden unierten Katholiken geschrieben, der Karfreitag sei für die Ukraine "eine alltägliche Realität" geworden. Jeder Krieg sei "eine klare Manifestation der zerstörerischen Destruktivität des Teufels, denn nur der Unreine ist in der Lage, Angst zu verbreiten und Tod zu bringen". Schewtschuk weiter: "Wer Hass sät und einen Krieg gegen seinen Nächsten beginnt, widersetzt sich dem Allerhöchsten."

Die "Ideologen des Krieges Russlands gegen die Ukraine" würden offen sagen, "dass unsere Existenz ein historischer Fehler sei, der durch die ewigen Fesseln von Tod und Zerstörung korrigiert werden müsse". Es handle sich um einen Kolonialkrieg gegen das Recht des ukrainischen Volkes auf seine Geschichte, Sprache und Kultur, auf seinen Staat und seine Existenz. Moskau habe zunächst den Plan verfolgt, zu Ostern seinen Sieg über die Ukraine in Kiew zu feiern, so der Großerzbischof, "aber seine heimtückischen Pläne wurden durch das Heldentum unserer Armee zunichte gemacht".

Städte und Dörfer zerstört

Ähnlich äußerte sich das Oberhaupt der von Moskau unabhängigen "Orthodoxen Kirche der Ukraine" (OKU), Metropolit Epifanij: "Während der Fastenzeit hat Russland, das sich selbst als Hochburg des wahren Christentums betrachtet, unsere Städte und Dörfer zerstört, unschuldige Menschen ermordet und alles zerstört, was es konnte." Nicht Gottes Segen, sondern ein Fluch liege "auf der Sache Russlands, seiner Herrscher, seiner Truppen, seiner durch Lügen vergifteten Einwohner". Für die Ukrainer, die "unschuldig unter dem Reich des Bösen leiden", sei das Osterfest "eine freudige Erinnerung an den bevorstehenden Sieg Gottes über Sünde und Gesetzlosigkeit, an den Sieg des Guten und Wahren". Epifanij meinte, die Auferstehung sei "für die Mörder, die das Blutvergießen nicht nur nicht gestoppt, sondern verstärkt haben" eine Erinnerung an "die gerechte Vergeltung und gnadenlose Bestrafung für alle Unbarmherzigen".

Die "giftige Idee" einer "russischen Welt" (russki mir) machte Metropolit Epfanij als Hauptursache des Krieges aus. Neuerlich lud er alle Geistlichen und Gläubigen der noch immer mit Moskau verbundenen UOK-MP zur Vereinigung mit seiner Kirche ein. Deren Oberhaupt, Metropolit Onufrij, äußerte sich zurückhaltender, zeigte sich aber doch "zutiefst traurig über das, was dieser Tag in Mariupol passiert" und sprach von einer "humanitären Katastrophe". Wörtlich: "Die Mächte des Bösen haben sich über uns verdichtet."

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Kein Mitleid bei Kyrill

Onufrijs Vorgesetzter, der Moskauer Patriarch Kyrill, fand im Gegensatz dazu weder in seiner Osterbotschaft noch in seinen österlichen Predigten irgendein Wort des Mitleids oder des Mitgefühls für die Opfer des Krieges, ja, er nannte den Krieg nicht einmal beim Namen. Kyrill schrieb lediglich, dass die Welt "von Konflikten und Widersprüchen zerrissen" sei, und dass sich "Hass, Angst und Feindschaft in den Herzen vieler Menschen festgesetzt" hätten. In der Osternachtfeier in der Moskauer Erlöser-Kathedrale beschwor Kyrill die "Nüchternheit des Geistes, die Klarheit und die Fähigkeit, die Zeichen der Zeit richtig zu verstehen".

Unter den Anwesenden war, eine rote Kerze in der Hand, Russlands Präsident Wladimir Putin, der erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie die Liturgie besuchte. Am Ende der Osternachtfeier umarmten sich Präsident und Patriarch, und tauschten Ostergeschenke aus. Einige Stunden später, in der Ostervesper am Sonntagabend, verglich Kyrill seine Priester mit den russischen Soldaten, denen   "wenn sie in den tödlichen Kampf geschickt werden"   gesagt werde: "Du darfst dein Leben nicht schonen. Du musst dein Heimatland schützen, das dir anvertraut wird. Und wenn du stirbst, wirst du sterben wie ein Held!"

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