Der Primas von Spanien, Erzbischof Francisco Cerro Chávez, ist zu beneiden: In schöner Regelmäßigkeit schießt sein diözesanes Priesterseminar in der Statistik der Priesteramtskandidaten des Landes den Vogel ab. In keinem spanischen Bistum entscheiden sich – proportional zur Bevölkerungsdichte – mehr junge Männer für den Priesterberuf als im Erzbistum Toledo.
Zwar liegt die absolute Zahl der Priesteramtskandidaten in der Nachbardiözese Madrid höher (Madrid: 120, Toledo: 80), doch ist die Provinz Madrid mit knapp sieben Millionen Bewohnern weitaus dichter besiedelt, während die 750.000 Toledaner zum Mittelfeld der spanischen Diözesen zählen und ihre knapp 620.000 Seelen starke katholische Herde knapp jener des Bistums Würzburg entspricht.
Seit Jahren entsendet der Primas von Spanien Geistliche aus seinem Diözesanklerus in die priesterarmen Bistümer Nord- und Ostspaniens, denn auch auf der iberischen Halbinsel fordert die Säkularisierungswelle ihren Tribut: Sechs spanische Provinzen erinnern inzwischen an das ländliche Frankreich und haben keinen einzigen Seminaristen.
Wie ist das „Wunder von Toledo“ zu erklären?
Im Vorfeld des ersten Pastoralbesuchs von Papst Leo auf der iberischen Halbinsel und den Kanaren richten sich die medialen Scheinwerfer auf das Vorzeigeseminar in Zentralspanien. Wie ist das „Wunder von Toledo“ zu erklären? Am Sitz des Primas von Spanien geht die Kirchenkrise nicht spurlos vorüber: Auch im Erzbistum Toledo gab es Klerikerskandale und Missbrauchsfälle, aber die Vitalität der Ortskirche wurde dadurch nicht nachhaltig beeinträchtigt.
Auf die Gründe seines soliden Priesternachwuchses angesprochen, verweisen Erzbischof Cerro und der Regens des diözesanen Seminars auf die Früchte der Tradition: Toledo hat an den Maßgaben des Konzils von Trient und des Zweiten Vatikanums konsequent festgehalten und die nachkonziliare Experimentierphase samt zeitweiliger Ausquartierungen der Seminaristen in Stadtwohnungen nicht mitgemacht.
Das Erzbistum legt Wert auf die Ausbildung im Seminar, hochqualifizierte theologische Lehrer und eine starke priesterliche Identität. Die Treue zum Lehramt sowie die Marien- und Heiligenverehrung werden mit Selbstverständlichkeit gepflegt. Sehr menschlich, aber alles andere als weltlich sollten Seminaristen zu heiligen Priestern ausgebildet werden, so der Primas, der seinen Seminaristen selbst mit gutem Beispiel in der Volksfrömmigkeit vorangeht: Erzbischof Cerro Chávez ist ein überzeugter Anhänger der Herz-Jesu-Verehrung und fördert diese in seinem Erzbistum, allerdings ohne einen Hauch von Nostalgie: Einer Vergangenheit, die nicht wiederkehrt, brauche man nicht nachzutrauern, so seine Ansage.
Antworten für den Synodalen Weg
Auch das Kleine Seminar, eine nördlich der Alpen nahezu ausgestorbene Institution, gehört zur Tradition in Toledo. Papst Leo hat die Schüler daran erinnert, dass sich niemand in der Kirche selbst aussenden kann, sondern dass es die Kirche ist, die jede Berufung bestätigt. Auf diese Perspektive kommt es in einer Gesellschaft, die Berufungskriterien am liebsten den Maßgaben der Gleichstellungspolitik unterordnen würde, entscheidend an – und sie kann Jugendlichen nicht früh genug vermittelt werden.
Im vergangenen Jahr feierte das Erzbistum außer dem traditionellen Weihetermin im Sommer eine zweite Priesterweihe vor Weihnachten – mit zwei Kandidaten, die im Sommer noch nicht das erforderliche Weihealter erreicht hatten. Dass die Familien- und Jugendseelsorge eine zentrale Rolle im Erzbistum spielt und Katechisten die Pfarrseelsorge unterstützen, fällt nicht vom Himmel – das Bewusstsein, dass Laien jede Priesterberufung vor und nach der Weihe stützen müssen, wächst nur in einem passenden Umfeld. Die von deutschen Synodalen geforderte Strukturreform fände in europäischen Ortskirchen mehr Antworten, als Synodalbeschlüsse erahnen lassen. Nur andere als erwartet.
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