Herrgott von Tann

Pfarrer Reincke: "Der Mensch braucht das Fühlen und Begegnen"

Der Wallfahrtsort "Herrgott von Tann" im Bistum Passau feiert sein 325-jähriges Bestehen. Im Interview erzählt Pfarrer Wolfgang Reincke über die Sehnsucht der Besucher nach dem, was in den sechziger und siebziger Jahren aus den Kirchen verbannt wurde.
Wallfahrtsort "Herrgott von Tann"
Foto: Archiv | Nicht nur Kirchgänger soll die Gnade erreichen: Pfarrer Wolfgang Reincke (Mitte, im Chormantel) bringt den Herrgott von Tann auch auf den Marktplatz.

Herr Pfarrer Reincke, die traditionsreiche Wallfahrt zum Herrgott von Tann gründet auf dem Glauben an die Wunderkraft des Kreuzes. Wie vermitteln Sie diesen Glauben heute gegenüber allem Religiösen skeptisch eingestellten Zeitgenossen?

Wunder sind immer als Werkzeuge Gottes zu sehen. Ich bin von der Wirklichkeit von Wundern überzeugt. Auch und gerade wenn Wunder wie auch immer naturwissenschaftlich erklärbar sind, sind sie doch Werkzeuge, um auf Gott aufmerksam zu machen. Auch Naturphänomene ziehen uns in den Bann, wenn wir beispielsweise ein Wetterleuchten oder Ähnliches sehen. Auch der Regenbogen ist immer ein Hingucker. So auch das wundertätige Kruzifix von Tann. Auch wenn der Naturwuchs des Haares erklärlich ist, oder auch die „Gesundheits-Phänomene“ der damaligen Zeit. Gott bedient sich dieses „Hinguckers“ um darauf aufmerksam zu machen, dass nicht alles immer plan- und berechenbar ist. Wunder könnte man also auch damit erklären, dass Gott den Menschen auf das Wunderbare seiner Schöpfung aufmerksam machen will und wir in dieser Schöpfung auch Werkzeuge sein sollen in der Beachtung seiner Gebote.

Was suchen die Wallfahrer in Tann?

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Beim „Herrgott von Tann“ steht kein Heiliger im Mittelpunkt, sondern das Kreuz Jesu. Damit trifft es einen Kernpunkt des Glaubens. Auch Christen, die mit der Heiligenverehrung weniger tief verbunden sind, begegnen hier dem Zentrum unseres Glaubens: Durch das Kreuz sind wir erlöst. Wallfahrer suchen die Begegnung mit Gott. Aber sie bitten und danken auch für Dinge in ihrem Leben. So bildet die Wallfahrt in Tann einen Weg ins Zentrum des Glaubens der Kirche und damit auch ein Abgleichen des eigenen Glaubens.

Mit welchen Angeboten machen Sie gute Erfahrungen?

Kerzen anzünden ist immer und überall ein Ausdruck der Verbindung. So auch hier. Seit einiger Zeit haben wir immer eine der Jahreszeit angepasste Musik im Kirchenschiff, das die Gläubigen einlädt. Was mich freut, ist das Annehmen der Beichte am Freitagabend. Am Anfang war es mehr eine Zeit, in der ich den Rosenkranz beten konnte. Mit der Zeit wird es aber eng mit dem Rosenkranz. Besonders dankbar bin ich für den Herz-Jesu-Freitag jeden Monat. Ich hatte die Gnade, dass in die Pfarrei ein Musiker einheiratete und somit die Gründung der „Herrgottsbläser zu Tann“ möglich wurde. Diese Bläsergruppe spielt seither immer an den Herz-Jesu-Freitagen ehrenamtlich und machen diese Gottesdienste zu einer herrlichen Stunde der Begegnung mit Gott.

"Was ist in den 60er, 70er Jahren nicht alles aus den Kirchen geworfen worden, was heute so sehnlichst gesucht wird!"

Wo sehen Sie noch „Luft nach oben“?

Eine sehr schönes, wenn auch noch wenig angenommenes Angebot ist das Mitleben im Pfarrhof für Jugendliche oder junge Erwachsene, die nach Ausbildung, Abitur oder sonst einem Punkt im Leben, überlegen, ob nicht auch ein geistliches Leben etwas wäre. „Gewöhnlich“ deshalb, weil es ein Mitleben nicht in einer geschützten Umgebung eines Klosters ist, sondern ein Mit-Leben im Alltag einer Pfarrei. Für eine Woche, einen Monat oder länger.

Welche Gründe gaben den Ausschlag für die Wiederbelebung der Wallfahrtswoche im September?

Mein Vorgänger Anton Morhard hat mit dem damaligen Diözesanbischof Wilhelm Schraml diesem traditionellen Tag wieder „Farbe“ verliehen. Bischof Wilhelm hat das Thema „Berufung“ sehr umgetrieben. Geistliche und Pfarreien, die sich hier besonders eingebracht haben, förderte er. Auch die Liebe meines Vorgängers zur heiligen Messe im überlieferten Ritus hat einen gewissen Schwung gebracht, als Papst Benedikt in „Summorum pontificum“ diese Liturgie wieder ins Bewusstsein gebracht hat. Es trat auch am Kreuzfest 2007 in Kraft. So wird an den Freitagen zwischen den Herz-Jesu-Freitagen in dieser Liturgie gefeiert. Am Freitag vor dem Hauptfest besonders feierlich.

Inwieweit kann die Kreuzverehrung heute ein Korrektiv für Fehlhaltungen im Glauben sein?

Fehlhaltungen kommen vom „Fremdgehen“. Damit meine ich, wenn man sich den Glauben selbst zusammenstellen will: ein bisschen von da und ein bisschen von wo anders. Dann gefällt einem das hier besser und baut es in seinen eigenen Glauben ein. Damit kommt es zu Fehlhaltungen, weil das Große und Ganze nicht mehr im stimmigen Christusglauben zusammenläuft. Im Evangelium mit dem Weinstock heißt es: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch.“ Das Kreuz verbindet mit Christus. Wer in ihm bleibt, wird immer getragen werden von ihm. In ihm bleiben wir durch die Sakramente, die wir empfangen. Somit ist der Blick auf das Kreuz ein Blick auf Christus der in den Sakramenten uns die Treue hält. Wer diesen Blick regelmäßig übt und die Sakramente annimmt, wird sich in diesem „Blickfeld“ immer korrigieren und Fehlhaltungen abstellen können.

Zur Herz-Jesu-Verehrung fehlt aber vielen Katholiken der innere Bezug.

Und dennoch: Der Mensch braucht immer dieses „haptische“ in seinem Leben. Das Anschauen und Angreifen, das Fühlen und Begegnen. Schriften und Erklärungen sind wichtig. Dennoch braucht es zum Geist immer das Herz. Nach den Herz-Jesu-Gottesdiensten lade ich immer zu einer Brotzeit ein. Meine „Senatoren“ und der eine oder andere Gast könnten da noch viel zu sagen. Und es wird deutlich, dass gerade junge Menschen für so eine Verehrung offen sind – ich sage nicht begeistert, aber offen. So finden sie einen Zugang. Manches braucht einfach den sprichwörtlichen langen Atem und Durchhaltevermögen. Was ist in den 60er, 70er Jahren nicht alles aus den Kirchen geworfen worden, was heute so sehnlichst gesucht wird!

Viele Gläubige haben derzeit ein eher düsteres Bild der Kirche durch die Pandemie, die Kirchenaustritte und die oft mühsamen Neuordnungen der Pfarreien. Was gibt Ihnen als Priester Hoffnung?

Das Kreuz! Der Blick auf das Kreuz löst bei mir Dankbarkeit und Bewunderung aus. Dieser Blick relativiert viele Probleme. Selbstredend werde ich mit jedem Kirchenaustritt traurig. Jede Presseartikel, der über Verfehlungen von Geistlichen berichtet, schmerzt. Aber gerade eine Wallfahrt kann Orte schaffen, wo Glaube, Gemeinschaft, Freude und Feste gefeiert werden können. Hier kann etwas Neues und Anziehendes entstehen, dass weitere Kreise zieht und Einzelne wie Gemeinschaften stärkt.

Ich habe aber das Glück, durch den gegründeten Ministrantensenat, in dem junge Erwachsene ihre Ministrantenzeit verlängern und hier eine schöne Gemeinschaft pflegen, eine Stütze und Freude zu haben. Hier bringt auch oft einer einen Freund oder eine Freundin mit, die dann mit dem Glauben erneut Verbindung aufnehmen. Auch wenn die Zeit der Pandemie viel Begegnungen verhindert, planen wir schon wieder Wallfahrten und Ausflüge. Auch für die Pandemie gilt: Nach Karfreitag kommt Ostern.

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