Katholisch im Netz

Pater Pine lebt seine Berufung auch online

Präsent auf You Tube. Der Dominikanerpater Gregory Pine folgte seiner Berufung ins Internet. Dort führt er über die Philosophie zu Gott.
P. Gregory Pine
| Gregory Pine ist als Dmonikaner auf YouTube mit verschiedenen Sendungen unterwegs. Seine Präsenz im Netz nennt er seine Berufung.

Pater Gregory, Sie machen seit mehreren Monaten Frage- und Antwortvideos live auf YouTube. Wie sind Sie dazu gekommen und was motiviert Sie dazu?

Ich verstehe das als Teil meiner dominikanischen Berufung. Früher sind wir Dominikaner in die Stadt gezogen, dort, wo die Menschen in Anfechtungen und Sünde gelebt haben. Und heute sind die Menschen im Internet. Man geht heute nicht online, ohne Erschreckendes und Verstörendes zu sehen. Aber gerade deswegen müssen wir auch da sein, weil sich dort, genau wie früher im bedrohlichen Stadtzentrum, die Leute aufhalten. Viele Aspekte der Online-Evangelisation muss man allerdings mit Klugheit angehen. Zum Beispiel lese ich niemals YouTube-Kommentare. Die sind einfach grausam. Die Leute sind anonym und das bringt das Schlimmste an ihnen heraus. Aber andere sind offen, persönlich in Beziehung zu treten.

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"Vor einigen Wochen ist meine Mutter gestorben.
Und dann schreiben mir die Leute, die das erfahren,
in den Chat und spenden Trost."

Aber kann über das Internet wirklich eine Gemeinschaft entstehen? Inhalte kann man sicher übertragen – aber wirklich Beziehungen aufbauen?

Ja! Absolut. Ich habe echte Beziehungen mit den Menschen, die meine Streams schauen, aufgebaut. Ich kenne sie, und sie schreiben mir dann auch einzeln. Die Leute nehmen teil an meinem Leben. Vor einigen Wochen erst ist zum Beispiel meine Mutter gestorben. Und dann schreiben mir die Leute, die das erfahren, in den Chat und spenden Trost. Und umgekehrt funktioniert es genauso. Es ist schon etwas eigenartig, weil beim Videochat der direkte Blickkontakt fehlt: Entweder, ich schaue auf das Gesicht meines Gesprächspartners, also aus meiner Perspektive dich an, oder in die Kamera, damit es für dich so aussieht, als würde ich das tun. Da ist schon eine Trennung. Aber trotzdem ist es heute Realität, dass das Leben zum Teil online stattfindet. Das ist komisch, gewöhnungsbedürftig – aber eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen.

Erzählen Sie mir von Ihrer Berufung.

Ach, das ist eine ganz langweilige Geschichte. [Er lacht.] Meine beiden Schwestern gingen vor mir an die Franziskanische Universität von Steubenville, in Ohio. Sie haben mich dazu motiviert, im ersten Jahr mit keinem Mädchen auszugehen, sondern Freundschaften zu pflegen. Das klang sehr vernünftig. Und als ich an die Uni kam, habe ich mich natürlich trotzdem direkt in einige wunderschöne, gottesfürchtige Mädchen verliebt, doch ich hielt mich an den Rat meiner Schwestern. Dann hatte ich ein Seminar über die Natur der Liebe zum heiligen Thomas von Aquin. Das war das erste Mal, das ich hörte, dass jemand die Liebe definierte und dann auf diese Weise. Das nahm mir damals den Atem. In den Ferien war ich alleine bei meiner Tante und meinem Onkel, und nahm mir Zeit zu beten. Ich fand ein Buch über den heiligen Thomas– eigentlich ein Kinderbuch. Und das öffnete meine Augen für meine Berufung. Damit waren die Gleise für mich gelegt. Aber letztendlich war es die Liebe meiner Eltern zu mir. Und die Liebe Gottes. Zu hundert Prozent.

 

Sie sprechen viel von Philosophie, und natürlich vom heiligen Thomas von Aquin. Für viele ist Philosophie etwas, dass in Universitäten stattfindet und mit dem Glauben für sie nichts zu tun hat. Gibt es einen Graben zwischen Theorie und Praxis?

Ja, den gibt es, und ich empfinde es als meinen Auftrag, diesen Graben zu überbrücken. Ein Heiliger muss nicht intelligent oder intellektuell sein, aber er soll es gewohnt sein, gut und richtig zu denken. Wir sind nach Gottes Ebenbild geschaffen. Für den heiligen Thomas bedeutete das, sowohl denken als auch lieben zu können. Es liegt in unserer Natur, das Wahre und Gute erkennen und lieben zu wollen. Das tun wir mit unserem Verstand: Und erst die Erkenntnis Gottes als der universalen Wahrheit hilft uns, alle Dinge im richtigen Licht zu sehen. Und das bildet unseren Willen: Wenn wir die Wahrheit und das Gute erkennen, müssen wir uns von ihr nur noch verführen lassen, und uns nicht gewaltsam in ihre Richtung prügeln. Denn wir neigen von Natur aus zu Gott. Es ist wichtig, unsere eigene Natur, und damit unsere Identität und Bestimmung zu kennen. Zum Beispiel gibt es die Versuchung zu sagen, ich brauche nichts anderes als die heilige Kommunion, den unmittelbaren Kontakt mit Gott, um erfüllt zu sein. Für die meisten stimmt das nicht: Wir brauchen die Gemeinschaft mit Menschen, um die Liebe Gottes zu erfahren: Denn Gott spricht durch andere Menschen zu uns.

Was tun Sie, wenn Sie nicht gerade live auf YouTube streamen?

Ich schreibe meine Doktorarbeit in Christologie in Freiburg, in der Schweiz. Ich gehe hier gerne Wandern. Und es gibt eine tolle katholische Jugend, wie die dominikanische Jugendbewegung. Und ich lerne Deutsch: Ich kann es recht gut lesen, aber noch nicht sprechen. Die YouTube-Livestreams werden jetzt auch nicht mehr wöchentlich, sondern monatlich erscheinen. Und es gibt jetzt auch kurze Clips, wo ich immer wiederkehrende Fragen beantworte: Das hilft Leuten, die eine konkrete Antwort suchen, und fügt sich besser in den YouTube-Algorithmus ein. Der bevorzugt solche Formate und hilft dann wiederum dabei, viele Menschen zu erreichen.

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