Vatikanstadt

Pater Hans Zollner: „Zu allen Zeiten  ein schweres Verbrechen“ 

Pater Hans Zollner SJ, Leiter des römischen "Centre for Child Protection" und Mitglied der 2014 eingerichteten Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen verweist auf die klassische moraltheologische Sicht, die eine Bestrafung von Missbrauchstätern unumgänglich gemacht hätte.
Pater Hans Zollner SJ, Leiter des Kinderschutzzentrums in Rom
Foto: Romano Siciliani (KNA) | Pater Hans Zollner SJ, Leiter des Kinderschutzzentrums in Rom, im Tagespostinterview zum sexuellen Missbrauch in der Kirche.

Herr Pater Zollner, kürzlich erklärte Manfred Lütz, Mitglied des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben, unter historischer Perspektive könne man einem kirchlichen Verantwortungsträger noch bis etwa zum Jahr 1990 in der Regel keinen Vorwurf machen, wenn er einen Missbrauchstäter versetzt habe, ohne vor Ort über das Geschehene zu informieren. Im Gegensatz zu heute habe nämlich die Wissenschaft damals die Bischöfe komplett im Stich gelassen. Können Sie eine solche Einschätzung nachvollziehen? 

Wer Kinder, Jugendliche und andere Schutzbefohlene sexuell oder anderweitig missbraucht, hat zu allen Zeiten und an allen Orten ein schweres Verbrechen verübt. Das müsste für jeden Verantwortungsträger klar gewesen sein, und entsprechende Strafen und Maßnahmen wären unumgänglich gewesen. 

Nun war es „herrschende Lehre“ der durch die Sexualmoral der 68er geprägten Wissenschaft, dass gewaltfreie Sexualkontakte zwischen Erwachsenen und Kindern gesunde Kinder nicht schädigen könnten. Lütz meint, damit habe den Bischöfen jedes wissenschaftliche Korrektiv gefehlt und sie handelten so, wie es immer üblich war: dem Sünder verzeihen, wenn er bereute, und ihn versetzen. Die Gemeinde wurde nicht informiert, weil sonst ein Neuanfang unmöglich gewesen wäre. Oft stellten Psychotherapeuten „Persilscheine“ aus.

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Verleugnung und Vertuschung von Missbrauch durch Bischöfe, Äbte und Provinziale lassen sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte nachweisen. Die Hauptmotivation lag und liegt wohl in dem Versuch, vermeintlich den Ruf der Kirche und des Täters zu schützen, nicht, den Betroffenen zu glauben und Gerechtigkeit zu schaffen. 

Aber selbst die Wissenschaft war da zurückhaltend. In dem 1989 im renommierten Deutschen Ärzteverlag erschienenen internationalen Standardwerk „Klinische Sexologie“ hieß es, „dass die Untersuchungen und Verhöre, die solchen Handlungen folgen, mehr Schaden anrichten als die Handlung selbst“. 

Natürlich beeinflussen gesellschaftliche Positionen und Bewertungen auch die kirchlichen Haltungen und Handlungen. Allerdings entbindet das nicht von der eigenen gewissenhaften Prüfung des Geschehens und der entsprechenden Entscheidung. Schon aus klassischer moraltheologischer Sicht hätten Missbrauchstäter scharf bestraft werden müssen. 

Gab es an katholischen Hochschulen, in Deutschland oder weltweit, Forschungsprojekte, die die Sexualmoral der 68er erforscht und kritisch beleuchtet haben?

In den letzten Jahrzehnten hat es dazu an katholischen Hochschulen und Fakultäten im deutschsprachigen Raum und weltweit immer wieder kritische Auseinandersetzungen und Publikationen gegeben. Wie bei anderen Themen auch können Entwicklungen umso differenzierter betrachtet werden, je größer der zeitliche Abstand wird und je klarer die Auswirkungen sichtbar werden.   

Führt möglicherweise die enge Verflechtung von Staat und Kirche in Deutschland dazu, dass es von katholischer Seite nicht ausreichende Bemühungen gab, wissenschaftlich gegen den vermeintlichen Mainstream zu forschen?   

Wissenschaft folgt dem Anspruch, die Dinge nach dem jeweiligen Erkenntnisstand darzustellen. Dabei spielt immer der „hermeneutische Zirkel“ eine Rolle, das heißt, man ist notwendigerweise vom Kontext und von vielen persönlichen und institutionellen Interessen und Einstellungen geprägt – egal ob man dem „Mainstream“ oder einer anderen Meinung angehört. Eine spezifische „Beißhemmung“ katholischer Theologinnen und Theologen kann ich nicht erkennen.   

Besteht ein Zusammenhang zwischen der Sexualmoral der 68er und der Tatsache, dass derartige Taten kirchlicherseits nicht in dem erforderlichen Maße verfolgt wurden?   

Die Zeitumstände beeinflussen persönliches und institutionelles Verhalten, und – soweit wir das aus den Untersuchungen weltweit wissen – waren die Missbrauchszahlen zwischen 1970–1985 deutlich erhöht. Aber es gab Missbrauch vorher und es gibt ihn leider bis heute. Daher sollte man den Blick darauf richten, was bei der Auswahl und bei der Aus- und Fortbildung des kirchlichen Personals sowie in der Prävention von Missbrauch heute geschehen muss, damit das Missbrauchsrisiko so niedrig als irgend möglich ist und damit die Verantwortungsträger in der Kirche tatsächlich ihrer Rolle gerecht werden, indem sie Verantwortung übernehmen für das Handeln anderer und für ihr eigenes. 

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