Ökumene

Leuchtendes Vorbild

Weit über die katholische Welt hinaus gilt Joseph Ratzinger als einer der bedeutendsten Theologen der Gegenwart, als Brückenbauer und großer Intellektueller.
Papst in Bayern - Regensburg
Foto: Wolfgang Radtke (KNA-Bild pool) | Besuch von Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in Regensburg. Prozession von Sankt Ulrich zum Dom und Treffen mit Vertretern der Ökumene und der Jüdischen Gemeinde.

Häufig wird der Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche bezeichnet. Das ist nicht falsch, greift aber viel zu kurz. Der Papst ist, wie das Zweite Vatikanum lehrt, „Stellvertreter Christi und sichtbares Haupt der ganzen Kirche“ (Lumen gentium 18). Als sichtbares Haupt der ganzen Kirche trägt er eine Mitverantwortung für alle Getauften, als Stellvertreter Christi sogar für die gesamte Menschheit. Und so nimmt es nicht Wunder und ist auch nicht übergriffig, wenn die ganze Welt Anteil am Tod eines Papstes nimmt, diesen kommentiert und einordnet.

Konzentrische Kreise

Wahrnehmen kann der Papst seine universale Mission allerdings nicht gegenüber allen in gleicher Weise, sondern eher in konzentrischen Kreisen: Für die Katholiken des lateinischen Ritus etwas anders als für die unierten Katholiken des byzantinischen, syrischen, koptischen oder armenischen Ritus, wieder anders für die nicht-katholischen Christen, ganz anders für die Gottgläubigen anderer Religionen und die Menschen im Vorhof des Glaubens.

Das Oberhaupt der ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, würdigte jetzt die Rolle Benedikts für die „Wiedergeburt“ seiner Kirche nach den Jahrzehnten der kommunistischen Verfolgung und für „ihre authentische Entwicklung“. Schewtschuk hatte den Emeritus zuletzt am 9. November besucht und dabei dankbar vernommen, dass Benedikt XVI. weiterhin für die Ukraine bete. Nun sieht er in ihm einen Fürsprecher des ukrainischen Volkes „vor dem Thron des Herrn“.

Der Patriarch der ebenfalls mit Rom unierten Chaldäer, Kardinal Louis Raphael Sako, erinnerte daran, dass Papst Benedikt stets eine große Nähe zu den Christen des Orients gehabt habe und diesen auf vielerlei Weise half, „unser Leben weiterzuführen und das friedliche Zusammenleben zu stärken“.
Sako sieht den Verstorbenen bereits als Heiligen und als „Prophet der Beziehungen zum Islam“. Zur verkannten Regensburger Rede von 2006 meinte Patriarch Sako, man habe erst spät verstanden, „dass Benedikt Recht hatte“. Er habe auch die Grundlage für jene Fortschritte im Dialog mit dem sunnitischen wie dem schiitischen Islam geliefert, welche Papst Franziskus nun mache.

Das ganze Leben als Hingabe an Gott verstanden

Mit „Respekt, Liebe und Dankbarkeit“ gedachte Bartholomaios I., als Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel zugleich Ehrenoberhaupt der weltweiten Orthodoxie, des verstorbenen Papstes. Bartholomaios würdigte Benedikt XVI. in seiner Ansprache zum Jahresbeginn im Thronsaal seines Patriarchats in Istanbul. Er erinnerte an ihre vielfache Zusammenarbeit, etwa an eine vatikanische Bischofssynode, bei der Papst Benedikt ihn einlud, vor Kardinälen und Bischöfen den Hauptvortrag über das Wort Gottes zu halten.

Benedikt XVI. sei ein „großer Theologe“, der auch orthodoxe Schüler hatte. „Ich habe selbst von Benedikt gehört, dass er dank seiner orthodoxen Studenten die Orthodoxie besser kennenlernte.“ In seinem Kondolenzschreiben an Papst Franziskus bezeichnet Patriarch Bartholomaios „unseren Bruder Benedikt“ als „einen der größten Theologen des 20. Jahrhunderts“.

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Tiefe ökumenische Verbundenheit

Ähnlich meinte der orthodoxe Metropolit von Austria, Arsenios Kardamakis: „Seine profunde wissenschaftliche Auseinandersetzung und Kenntnis der Väter der Kirche führten ihn zu einer besonders tiefen und ökumenischen Verbundenheit mit der orthodoxen Kirche.“ Benedikt sei „nicht nur ein großer Papst, sondern ein Theologe von bleibender Bedeutung“.
Sein Amtsverzicht 2013 habe gezeigt, „dass er ein Mann Gottes war, der sein ganzes Leben als Opfer und Hingabe an Gott verstanden hat“, so Metropolit Arsenios. Der verstorbene Papst bleibe „ein leuchtendes Vorbild“ auch durch seine „intensive und aufrichtige Vorbereitung auf seine Begegnung mit dem ewigen Richter“.

Theologische Autorität

Trotz der aktuellen russisch-vatikanischen Eiszeit kondolierte auch der Moskauer Patriarch Kyrill Papst Franziskus zum Tod seines Vorgängers, der seine Kirche „in einer schwierigen historischen Zeit führte“. Doch Benedikts „unbestreitbare Autorität als herausragender Theologe“ habe es ihm ermöglicht, „einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der konfessionsüberschreitenden Zusammenarbeit, zum Christus-Zeugnis in einer säkularisierten Welt und zur Verteidigung traditioneller moralischer Werte zu leisten“.
Der serbisch-orthodoxe Patriarch Porfirije meinte in seinem Kondolenzschreiben an Franziskus, Papst Benedikt XVI. werde in die Geschichte der Kirche „als ein alles an Christus messender Geistlicher“ eingehen.

Ratzingers Denken als theologische Brücke

Anteilnahme zeigte auch das Oberhaupt der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“, der Kiewer Metropolit Epifanij: Der Schmerz über den Verlust werde durch den Glauben an die Barmherzigkeit Gottes und die Auferstehung gelindert. „Möge Gott die Seele des Verstorbenen in seinen Wohnungen ruhen lassen!“
Warum Benedikt XVI. gerade in der Orthodoxie so viel Ansehen genießt, kann der rumänisch-orthodoxe Theologe Ioan Moga erklären: „Für viele Orthodoxe war das Denken Ratzingers eine Brücke zur westlichen Theologie, eine Hilfe, alte Vorurteile abzubauen und sich allmählich für das Andere, für die Entwicklungen des Anderen zu öffnen.“

Moga selbst sieht Ratzingers Werk als „lebendigen Inbegriff des kreativen Miteinanders von Spiritualität und akademischer Theologie“, als eine „Synthese von inniger, menschlicher Demut und theologischer Schärfe“.

Gottes Frage im Mittelpunkt

Kardinal Kurt Koch, der Präsident des vatikanischen Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, erinnerte jetzt aber auch daran, „dass Papst Benedikt die ganze Ökumene am Herzen lag“. Es sei ihm nicht nur um die Ökumene mit den orthodoxen und orientalischen Christen gegangen, „sondern auch mit den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Gemeinschaften“.
Darum habe er sich in seiner Verkündigung auf die Person Christi konzentriert: „Er wollte die Gottesfrage in den Mittelpunkt stellen und den Menschen neu ans Herz legen, dass dieser Gott nicht einfach ein höchstes Wesen ist, sondern dass er in Jesus Christus sich offenbart“, so Kardinal Kurt Koch.
In diesem Sinn würdigte der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, der als geistliches Oberhaupt der Church of England auch Ehrenoberhaupt der anglikanischen Kirchen weltweit ist, den verstorbenen Papst als „einen der größten Theologen seiner Zeit“.

Papst Benedikt XVI. sei „dem Glauben der Kirche verpflichtet und standhaft in ihrer Verteidigung“ gewesen. „Es war überdeutlich, dass Christus die Wurzel seines Denkens und die Grundlage seines Gebetes war.“ Welby wörtlich: „Er hatte in allen Dingen, nicht zuletzt in seinen Schriften und Predigten, seinen Blick auf Jesus Christus gerichtet, die Verkörperung des unsichtbaren Gottes.“

Vielen Menschen Orientierung gegeben

Dagegen würdigte die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, den verstorbenen Papst betont profan als Mann von „großem Scharfsinn und intellektueller Prägnanz“. Ratzingers theologische Beiträge hätten „weit über die katholische Kirche hinaus die Christenheit insgesamt und die Öffentlichkeit beeindruckt“, ja „vielen Menschen Orientierung gegeben“.
Doch das ist ja auch die Aufgabe eines Pontifex Maximus, der nicht nur Lehrer und Leiter der katholischen Kirche, sondern „Vicarius Christi“ ist.

Daran mögen sich Nichtchristen, wie der deutsche Rabbiner Walter Homolka, stoßen. Andere aber verstehen, dass die Christozentrik Joseph Ratzingers den katholischen Blick auf den Bund Gottes mit seinem Volk in seiner ganzen Tiefe erhellt. So meinte nun der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner, der jüngst aus seiner Heimat Russland emigrierte Oberrabbiner von Moskau, Pinchas Goldschmidt: „Papst Benedikt XVI. war ein großer Theologe, für den die Beziehung zum Judentum von wesentlicher Bedeutung für seinen Glauben war.“

Und die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, würdigte Ratzingers Beitrag zum christlich-jüdischen Gespräch: „Als Mensch von Geist und Wort war ihm wichtig, dass dieser Dialog nicht nur um des Dialoges willen geführt wurde – er musste Inhalt und Zweck haben. Für diesen Einsatz bleibe ich ihm dankbar.“

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