Vatikanstadt

Lernen, mit dem Virus zu leben

Der Vatikan verschiebt den Weltjugendtag von 2022 um ein Jahr und stellt damit klar, dass das Ende der Corona-Epidemie noch in weiter Ferne liegt.
Papst Franziskus und Bischöfe geben die Linie vor
Foto: Evandro Inetti (ZUMA Wire) | Papst und Bischöfe geben die Linie vor: Sie zelebrieren ohne Gläubige. Das kirchliche Leben ist virtuell geworden.
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Noch weiß niemand, wie lange sich das kirchliche Leben nach dem Ende des wegen der Corona-Epidemie stillgestellten öffentlichen Lebens in einer Übergangsphase befinden wird. In einigen Regionen Ostdeutschlands, Berlin eingeschlossen, werden bald wieder Gottesdienste im kleinen Kreis möglich sein. In Italien, so erklärte jetzt der Sprecher der dortigen Bischofskonferenz, Don Ivan Maffeis, würden darüber täglich Gespräche mit der Regierung geführt. Aber es komme nur eine "graduelle" Rückkehr zur Normalität in Frage. Und das nur in Absprache mit dem Staat. Dutzende von italienischen Priestern haben in den vergangenen Wochen Messen mit einigen wenigen Gläubigen gefeiert. Da, wo die Polizei eingriff, wurden Strafen und Geldbußen verhängt. Der Mailänder Anwalt Francesco Fontana prüft, gegen diese Corona-Strafen eine Sammelklage einzureichen und rät den betroffenen Geistlichen, die Bußgelder vorerst nicht zu zahlen. Aber das sind Einzelfälle. Papst und Bischöfe geben die Linie vor: Sie zelebrieren ohne Gläubige. Das kirchliche Leben ist virtuell geworden.

So schnell kehren wir nicht zur Normalität zurück

Die von allen ersehnte "Phase 2", die in Italien ab dem 4. Mai beginnen könnte, verbinden viele mit den Stichworten Wiedereröffnung der Geschäfte, Aufhebung der Reisebeschränkungen und allmähliche Belebung des öffentlichen Lebens. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das eigentliche Stichwort für die Zeit nach dem völligen Lockdown wird lauten: Leben mit dem Virus. Solange ein Impfstoff fehlt, müssen sich die Menschen anders verhalten, als sie das bis vor wenigen Wochen noch getan haben. Mundschutzmasken und Sicherheitsabstände dürften für lange Zeit zum Alltag werden. "Phase 2" heißt nicht, dass man zur Normalität zurückkehrt, sondern lernt, mit dem Virus zu leben.

Vielsagend war in dieser Hinsicht die Mitteilung des Vatikansprechers Matteo Bruni vom vergangenen Montag: Der Vatikan verschiebt den kommenden zentralen Weltjugendtag, der im August 2022 in Lissabon hätte stattfinden sollen, auf den August 2023. Auch das internationale Familientreffen, das für 2021 in Rom geplant war, soll nun ein Jahr später über die Bühne gehen. Papst und Vatikan machen damit deutlich: So schnell kehren wir nicht zur Normalität zurück. Weder in einem Jahr, noch in zwei Jahren dürften die Folgen der Corona-Krise Vergangenheit und Reisefreiheit wie auch Ansammlungen größerer Menschenmassen wieder möglich sein. Hatte Japan lange damit gerungen, die Olympischen Spiele von diesem Sommer auf das kommende Jahr zu verlegen, so ist der Vatikan jetzt wesentlich radikaler. Auch im Sommer 2022 ist es für den Weltjugendtag, bei dem hunderttausende Jugendliche nach Portugal reisen würden, noch zu früh.

Der Vatikan ist fast übertrieben konsequent

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Seitdem Ministerpräsident Guiseppe Conte am 30. März bei Papst Franziskus war, ist der Vatikan - man möchte sagen - fast übertrieben konsequent. Als einziger Platz Italiens ist der Petersplatz komplett gesperrt, vom Petersdom ganz zu schweigen. Die Heilige Woche war die stillste, die ein Papst seit der Konstantinischen Wende je begangen hat.

Lernen, mit dem Virus zu leben, wird auch heißen, Formen der Sakramentenspendung zu finden, die eine Übertragung des Coronavirus nicht völlig ausschließen, aber eine erneute explosionsartige Vermehrung der Krankheit ausschließen. In Italien ist das Gesundheitssystem nicht zusammengebrochen. Sprich: Es standen immer genügend Plätze für Intensivbehandlungen zur Verfügung. Das ist die Schwelle, unterhalb derer die Bevölkerung trainiert werden muss, mit Corona zu leben. Auf lange Zeit. Die einzige Alternative zu dem noch fehlenden Impfstoff ist die, "die Herde" langsam durchseuchen zu lassen, so dass immer mehr Menschen, die sich angesteckt haben, selber Antikörper entwickeln. Dass dieser Prozess lange dauert, hat der Vatikan jetzt klargemacht, indem er den Weltjugendtag auf 2023 verschoben hat.

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